Frauenkirche in Schreufa

Mahnende Zeichen des Erinnerns

Mit weißen Taschentüchern auf schwarz gefärbtem Leinen erinnerte in Schreufa diese Frauengruppe aus dem Kirchenkreis Eder mit Pfarrerin Andrea Wöllenstein (Zweite v.r.) an das Leid der Frauen im Ersten Weltkrieg.Foto: pr

Frankenberg-Schreufa - Was bedeutete der Erste Weltkrieg für die Frauen, die an der "Heimatfront" zurückblieben, ihre Männer verloren, mit Hunger und Elend in den Lazaretten kämpften? Eine Gruppe evangelischer Frauen aus dem Kirchenkreis Eder gestaltete dazu in Schreufa einen Gottesdienst.

Ganz unterschiedlich reagierten die Menschen vor 100 Jahren im Frankenberger Land auf die Nachricht von der Mobilmachung. Männer eilten auf die Straße, sangen patriotische Lieder, und Jüngere meldeten sich vielfach sogar freiwillig zum Kriegsdienst. Die Ellershäuser Schulchronik berichtet von einer „fürchterlichen Nachricht der Ortsschelle“ und vom „Weinen und Aufschreien der Frauen, Mütter und Mädchen“ in den Stuben.

Das beschrieben Frauen des evangelischen Kirchenkreises Eder, als sie jetzt gemeinsam mit Pfarrerin Andrea Wöllenstein (Marburg) in der Kirche von Schreufa bei einem Gottesdienst mit Chroniktexten, Zeitzeugenberichten und Feldpostbriefen an Ereignisse von damals, vor allem aber an konkrete Frauenschicksale erinnerten. Etwa 17 Millionen Tote erforderte diese „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts.

Gedenktafeln erinnern

an männliche Opfer

Allein aus den Familien in Schreufa kamen 14 junge Männer um, die die Gedenktafeln auf der Empore der kleinen Fachwerkkirche verzeichnen. „Dahinter stehen Namen von Müttern, Frauen und Kindern, die nicht erinnert werden“, sagte Wöllenstein. „Erinnern ist aber ein Grundbegriff unserer christlich-jüdischen Theologie, eine Bedingung der Erlösung. Wir erinnern uns, um frei zu werden für die Zukunft.“

Deshalb kamen in dem Abendgottesdienst Stimmen zu Wort, die schilderten, wie Frauen angehalten wurden, an die Front nur „Sonntagsbriefe“ zu schicken und dort nicht „durch Klagen die Waffen stumpf zu machen“. Frauen strickten und nähten, sammelten „Liebesgaben“ für die Soldaten, mussten Aufgaben der Männer in Landwirtschaft, bei Bahn, Post und in Munitionsfabriken übernehmen. In Schreufa wurden sie zu Haussammlungen unter dem Motto „Frauen helfen, den Krieg zu gewinnen“ aufgerufen. „Frauen waren Opfer des Krieges, aber sie wurden auch zur ideologischen Unterstützung des Kriegstreibens benutzt“, stellte eine Sprecherin fest.

Als mahnendes Zeichen des Erinnerns hatte die Frauengruppe ein Stück alten, handgewebten Leinenstoff schwarz gefärbt. An dieses auf den Altar gelegte Gedenktuch hefteten sie zu Namen von ihnen bekannten Frauen, die damals Leid erlitten, jeweils weiße Taschentücher. Spontan und teilweise tief bewegt nannten Besucherinnen des Gottesdienstes ebenfalls Namen von Großmüttern, die geliebte Menschen verloren und ihnen davon erzählt hatten.

In ihrer Predigt erinnerte Pfarrerin Wöllenstein an die Losung „Nie wieder Krieg!“ von 1918, aber auch an den nächsten Weltkrieg schon 21 Jahre später. Mauerfall, abgebaute Waffensysteme und ein vereintes Europa hätten Frieden und Freiheit gebracht, doch spätestens mit dem Ukraine-Konflikt sei der Krieg plötzlich wieder in den Bereich des Möglichen gerückt.

„Wir können die Welt nicht retten, aber den Samen des Friedens säen: hinschauen, wachsam sein, in Familie und Erziehung den Frieden beginnen und beten“, forderte sie auf. Nicht nur das Erinnern, sondern auch der Ruf nach Frieden wurde in Gebeten, Kanons und Chorälen beim Gottesdienst der Frauen in Schreufa laut.

Bettina und Eva-Maria Scholze griffen die Thematik mit einfühlsamer Musik für Flöte und Orgel auf. Es gab Gelegenheit zum Gespräch und Imbiss mit selbst gebackenem Brot. Die Inhalte wurden für zwei Gedenkgottesdienste in Schreufa und Kleinern erarbeitet von Vera Adler, Inge Blümer, Gudrun Drescher, Carola Eckel-Küster, Elisabeth Guthoff, Anke Katte, Anja Müller, Marianne Naumann, Monika Rasch, Charlotte Regenbogen-Backhaus, Erika Ruppert, Irene Trachinow, Petra Truß, Emilie Weinreich und Andrea Wöllenstein. (r)

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