Gemünden

Im Mitropa-Schlafwagen geht es ins Land der Träume

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- Es ist vielleicht nicht die komfortabelste Art zu übernachten. Aber eine Schlafkabine im alten Eisenbahnwaggon ist mit Sicherheit das ungewöhnlichste „Hotelzimmer“ weit und breit.

Der Alte Bahnhof und Klaus Obermann – man könnte dieses Zusammenspiel fast als Symbiose bezeichnen: Das eine geht einfach nicht ohne das andere. Denn ohne Klaus Obermann, seine Ideen und Überzeugungen, wäre der Alte Bahnhof niemals zu dem geworden, was er heute ist: ein sehr beliebtes Lokal mit regionaler Küche und frischen Zutaten, mit kulturellem Schwerpunkt, mit einem Meditationsraum – und mit einzigartigen „Hotelzimmern“. Und Klaus Obermann wiederum gehört einfach dorthin. Es ist nicht zu übersehen, dass er sich in und mit seinem Bahnhof wohlfühlt. Als angestellten Koch in einer Großküche kann man sich den Wirt mit dem blonden Zopf einfach nicht vorstellen. Doch genau so hat er angefangen. Der gebürtige Gemündener hat eine Lehre zum Koch absolviert und war dann viele Jahre lang in verschiedenen Restaurants angestellt – zuletzt bei einem Sternekoch. „Das war nicht meine Welt“, erzählt Obermann nachdenklich. Er entschied sich für die Selbstständigkeit: „Ich wollte viele freie Entscheidungen treffen. Dadurch kann man viel mehr bewegen“, erklärt Obermann. „Es gibt Dinge, die wollen ans Licht. Aber die kann ich nur umsetzen, wenn ich selbst verantwortlich bin.“ Im August 1984, vor genau 25 Jahren, kaufte Klaus Obermann das alte Bahnhofsgebäude in seiner Heimatstadt. Im oberen Stockwerk richtete er Mietwohnungen ein. Doch im unteren Geschoss sollte so viel wie möglich an den Originalzustand des einstigen Bahnhofs erinnern. Die Fußböden und sämtliche alte Türen bis auf drei wurden erhalten. „Für mich war immer klar: Der Bahnhof muss ein Bahnhof bleiben“, erklärt Obermann. Doch der Alte Bahnhof entwickelte sich weiter. Nicht geplant und konzipiert, sondern als Reaktion auf einen neuen Bedarf oder eine neue Überzeugung. In den ersten Jahren gab es zum Beispiel keine Übernachtungsmöglichkeit. „Ich wollte ja eben gerade kein Hotel. Ich wollte nicht jeden Tag um sieben Uhr aufstehen müssen“, erinnert sich Klaus Obermann. Doch als er einmal bei Glatteis eine Frau wegschicken musste, weil er kein Bett oder Sofa für sie hatte, entschied er, dass sich das ändern musste. Sofort räumte er eine Rumpelkammer aus, renovierte den Raum und schaffte die ersten Betten – doch die reichten nie. Und so reifte eine neue Idee in Obermanns Kopf. „Ich hatte einmal einen Hof mit Zirkuswagen gesehen. Ich dachte: ‚So etwas muss doch hier auch möglich sein'“. Gemeinsam mit Udo Fugmann machte er sich auf die Suche. Im Internet fanden sie einen Händler für Eisenbahnwagen und fuhren zu ihm. Dort stand der Mitropa-Wagen, damals noch voller Grafitti und stark restaurationsbedürftig. „Dieser Wagen war für uns bestimmt“ – das habe er sofort gewusst. „Es war der letzte.“ Es gab zwar noch einige französische Modelle, doch die hätten auf dem Tieflader nicht unter die Autobahnbrücken hindurch gepasst. Dass dieser Wagen der richtige für den alten Bahnhof war, fand Obermann später noch einmal bestätigt: Beim Aufstellen des Triebwagens, der schon seit zwölf Jahren am Bahnsteig steht, waren Gleisstücke und Schwellen übrig geblieben. Obermann hatte sie aufgehoben. Und diese Reste passten ganz genau unter die Räder des Schlafwagens: „Sie waren wie dafür gemacht.“ Seit sechs Jahren steht der Schlafwagen am Alten Bahnhof. Seither haben unzählige Radfahrer, Wanderer, Jugendgruppen, Wanderreiter und andere Abenteuerlustige darin übernachtet. 20 Euro kostet die Nacht inklusive Frühstücksbuffet, das – stilecht – im alten Triebwagen serviert wird. Zwar sind die Wände zwischen den Schlafabteilen dünn, und im Hochsommer ist es ein wenig stickig darin. Nicht alle kommen mit dem beengten Platz zurecht – „manche sind einfach zu groß für die Betten“, sagt Obermann. Für diese Gäste hat er noch vier „normale“ Betten. Aber die meisten, die im Alten Bahnhof übernachten, kommen gerade, um eine Nacht im Schlafwagen zu verbringen. Besonders für Kinder ist das ein echtes Abenteuer. Und wenn man morgens aufwacht und durch die alten Zugfenster ins Grün der Bäume blinzelt, fragt man sich für einen Moment, warum man den Zug nicht rattern hört. (apa)

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