Frankenberg

Modellbahner sind auch Romantiker

- Frankenberg (mba). In der Ederberglandhalle ging es am Sonntag zu wie auf einem Verschiebebahnhof. Wagen und Loks, Schiene und Achsen – es gab alles, was das Miniatur-Eisenbahnerherz begehrte; sogar einen Adventskranz.

Die Liebe zur Modellbahn ist ganz eindeutig eine Jugendliebe: Bei den allermeisten Hobby-Eisenbahnern – in der überwiegenden Mehrzahl kleine und große Jungs – entflammt die Leidenschaft für die ganz kleinen Spurweiten schon im zarten Kindesalter und hält dann ein Leben lang, oft zum Leidwesen der vernachlässigten Freundinnen und Ehefrauen.

Alexander Hebeler etwa, von Beruf Schreiner aus Fritzlar, „spielt“ seit 23 Jahren mit Miniatureisenbahnen – er selbst ist gerade 25 Jahre alt. Obwohl man das Wort „spielen“ besser nicht in Gegenwart von ehrgeizigen Modellbauern fallen lassen sollte, denn die sind mit großem Ernst bei der Sache. Dass die „großen Jungs“ oft sehr pingelig mit den Miniaturzügen sind, darunter leiden dann die „kleinen Jungs“, ihre Söhne, die einfach nur damit spielen wollen.

Hebeler, Mitglied des Modellbahnclubs „Insiderstammtisch Geismar“, gehört zweifellos zu den ernsthaften Bastlern. Er nennt rund 150 Loks und etwa 450 Wagen sein Eigen. Er hat sich ganz dem Märklin-Miniclub im Maßstab 1 zu 220 – das ist Spurweite Z – verschrieben. Dennoch hat er beim Modellbahnbauen offenbar den Schalk im Nacken. Wie sonst kommt man auf die Idee, einen kleinen Dampfzug auf einer Toilettenbrille seine Runde drehen zu lassen? „Es ist der Kick am Besonderen“, beschreibt der Tüftler seine Motivation.

Klosett-Express ist Publikumsmagnet

Der Klosett-Express ist natürlich in erster Linie als Publikumsmagnet für seinen Stand gedacht. Für ihren eigentlichen Zweck ist die Schüssel nicht mehr zu gebrauchen. Doch in der Mitte ist ein schmaler Schlitz.

Wozu? „Beim Stammtisch benutzen wir es als Spendenbox oder Wahlurne“, erklärt Hebeler.Der Modellbahnbauer hat an seinem Stand noch zwei andere Blickfänge: In einer großen Kiste mit Glasdeckel steht eine tragbare Modellanlage – wenn man mal unterwegs ist. Einige Züge sind gerade in Betrieb und kaum ein Modellbahnfreund kann an so einer praktischen Anlage vorübergehen, ohne nicht einen prüfenden Blick darauf zu werfen. An der Modellbahnkiste war offensichtlich auch der Schreiner am Werk. Dass Modellbahner durchaus Sinn für häusliche Feiertagsdekoration haben, beweist Hebeler ebenfalls. Er bietet einen selbstgebastelten Adventskranz zum Verkauf an. In der Mitte der vier Kerzen liegt ein kleines verschneites Dorf: Drei Häuser, eine Straßenkreuzung, ein paar Skifahrer. Einer der Tannenbäume hat sogar elektrisch leuchtende Christbaumkugeln. Und natürlich zieht außen herum eine kleine Dampflok mit ein paar Wagen ihre Kreise.

Im großen Saal der Ederberglandhalle ist es dagegen nicht sehr vorweihnachtlich dekoriert. Hier geht es an diesem Sonntag zu wie auf einem Verschiebebahnhof. Überall stehen lange Tische, auf denen sich die Schachteln mit den Eisenbahnwagen stapeln. Es gibt unzählige Kisten mit vielen hundert Kilometern Gleisen der unterschiedlichen Spurweiten, Kisten mit Achsen und Kupplungen, Kisten mit Plastikbäumchen, Plastik-Häuschen, Kisten mit kleinen Plastik-Passagieren – es gibt fast nichts, was es nicht im gewünschten Maßstab gibt. Dampfloks, Dieselloks, E-Loks und Triebwagen wechseln den Besitzer – der Käufer hat dann meist ein Strahlen im Gesicht, der Verkäufer mitunter eine stattliche Summe Bargeld.

„Diese E94 von 1954 ist je nach Zustand zwischen 400 und 450 Euro wert“, sagt Modellbahnverkäufer Axel Naumburg aus Alsfeld und hält das grüne Schmuckstück hoch. „Es ist die erste Gleichstromausgabe“, betont er. Was auch immer das modellbahntechnisch bedeutet – es macht diese Lok zu etwas ganz Besonderem.

Das mit dem Verkaufen ist bei Naumburg eigentlich auch mehr ein Hobby als ein Beruf. Er ist mit 68 schon im Bahn-Pensionärs-Alter. Aber vom Modellbauen kann er nicht lassen. Er hat seit dem 16. Lebensjahr das „Eisenbahnfieber“. Und wen das befallen hat, der kommt davon wohl nicht mehr los. Die grüne Lokomotive hat es ihm besonders angetan. „Ich habe alle neun Ausgaben der E94. Ich habe sogar welche umlackiert“, erzählt er.

Fingerspitzengefühl und Autodidaktik

Zuhause betreibt er eine Eisenbahnwerkstatt. Wenn ihn ein technisches Problem plagt, raubt ihm das mitunter den Schlaf. Und fällt ihm im Traum eine Lösung ein, steht er sofort auf, um sich an die Arbeit zu machen. „Das muss man sich selbst beibringen. Man braucht viel Fingerspitzengefühl“, antwortet er auf die Frage nach der entsprechenden Ausbildung. Er macht im Auftrag Reparaturen für weniger geschickte Modellbahner – und ist sich der Qualität seiner Arbeit sicher: „Ich gebe auf jede Lok eine Garantie“, betont der Bastler.

An seinem Stand begutachtet gerade Otto Klee, 66, aus Marburg, das Angebot an Lokomotiven der Spurweite H0. Er ist seit 38 Jahren Modellbahner. „Die erste habe ich kurz nach der Geburt meines ältesten Sohnes gekauft“, erzählt er und muss schmunzeln: „Mein Sohn hat die Bahn geschenkt gekriegt – und ich habe damit gespielt.“

So ist auch Klee inzwischen stolzer Besitzer einer „Oldtimer-Modellbahn“ des Fabrikats Trix Express. „Voll funktionstüchtig“, wie er unterstreicht. Auch Ersatzteile würde man nach wie vor für die alten, längst nicht mehr hergestellten Modell bekommen. „Man muss nur wissen, wo“, sagt Klee. Im Laufe der Zeit hat er rund zehn- bis fünfzehntausend Euro in seine Bahn investiert, schätzt er. Sein Lokbestand ist dabei noch sehr überschaubar: Fünf Züge verkehren auf seiner gut sieben Quadratmeter großen Anlage.

Seine Ehefrau steht die ganze Zeit über schweigsam neben ihm. Modellbahnen sind erkennbar nicht ihre große Leidenschaft. Ob sie denn auch mal mit der Bahn ihres Mannes spielen dürfe? Sie grinst, schüttelt mit dem Kopf und verdreht die Augen. Ihr Mann ist schon wieder vertieft in die Fachsimpelei mit Axel Naumburg. „Ich würde meine Frau überhaupt nicht auf so eine Börse kriegen“, sagt der. „Frauen und Eisenbahn, das ist wie Feuer und Wasser.“

Spezialanfertigung für eine Hochzeit

Dass Modellbahner aber auch große Romantiker sein können, weiß Hartmut Vincon aus Wilhermsdorf zu berichten. Der Diplom-Ingenieur hat eine kleine Firma, die in Auftragsarbeit Eisenbahnmodelle herstellt. Für die Hochzeit eines Kunden sollte er mal eine Spezialanfertigung produzieren – und zwar ein kleinen Güterwaggon mit der Aufschrift „Ursula & Martin“, dem Hochzeitspaar. Wobei Ursula Ärztin ist und Martin der Eisenbahnfan. „Jeder Gast aus der Hochzeitsgesellschaft hat zur Erinnerung einen Wagen bekommen“, erzählt Vincon. Die Braut fand die Idee auch sehr romantisch, versichert er.

Vincon ist in der Ederberglandhalle auch der Marktmeister. Für seinen Club, die Eisenbahnfreunde Kirchhain, organisiert er zweimal im Jahr Modellbörsen, eine im Frühjahr in Kirchhain und eine im Spätherbst in Frankenberg. Das hat inzwischen eine 20-jährige Tradition.

Am diesem Sonntag sind 35 Händler gekommen, von Gießen bis Südniedersachsen. Rund 500 Besucher kämen jedes Mal, sagt Voncon, dazu nochmal hundert Kinder. „Modellbahn ist heutzutage nicht mehr so ein Massenhobby wie früher“, sagt er. Dennoch gäbe es nach wie vor sehr viele Modellbahn-Liebhaber, die auf solchen Börsen ganz gezielt nach Raritäten, Ersatzteilen und Schnäppchen suchen.Er selbst lasse auch seine Kinder an die Eisenbahn, sagt Vincon. „Man muss ihnen das Spielen erlauben. Und nicht immer sagen: Lass das, du darfst nicht.“ Dann würden sie auch ein Verantwortungsgefühl entwickeln und achtsam mit den Modellen umgehen. Wenn sie dagegen immer nur zuschauen dürften, wird die Bahn schnell langweilig. Vielleicht würde diese Taktik ja auch mit den Ehefrauen funktionieren?

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