Frankenberger Christdemokraten entziehen Hesse das Vertrauen

Müller will CDU wieder einen

Frankenberg - Knapp zwei Monate nach dem desaströsen Ergebnis bei der Bürgermeisterwahl hat die CDU einen vorläufigen Schlussstrich unter eines der bittersten Kapitel in der Geschichte des Stadtverbands gezogen. Mit der Wahl von Thomas Müller zum Parteichef sind zumindest die Personalien geklärt.

Im Fußball ist hin und wieder von goldenen Generationen die Rede. In den 70er-Jahren verfügte Bayern München über Ausnahmefußballer, denen eine große Zukunft vorhergesagt wurde. Und Beckenbauer, Müller und Co. führten ihre Teams zu Ruhm und Ehre.

Einige Maßstäbe kleiner, auf lokaler Ebene, wusste auch die Frankenberger CDU in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten ambitionierte Kommunalpolitiker in ihren Reihen: allen voran Bernd Bluttner und Rainer Hesse. Zunächst prägten sie das Gesicht der Jungen Union, dann übernahmen beide Verantwortung: Bluttner stieg zum Stadtrat auf, Hesse zum Stadtverordnetenvorsteher.

Drei Bewerber um Vorsitz

Doch ausgerechnet in den Wochen und Monaten, in denen die Eigengewächse die Frankenberger CDU in eine neue Zeitrechnung, die Nach-Engelhardt-Ära, führen sollten, scheiterten sie auf ganzer Linie. Parteichef Hesse gelang es nicht, während des Findungsverfahrens Einigkeit innerhalb der CDU herzustellen, Bürgermeisterkandidat Bluttner fuhr mit 17 Prozent ein schlechtes Ergebnis ein. Die Folge ist bekannt: Nach 28 Jahren ist das Rathaus nicht mehr in christdemokratischer Hand. Noch viel problematischer für die CDU: Sie ist ein zerstrittener Haufen. Es wird übereinander statt miteinander geredet.

Dieses Bild bot sich den Mitgliedern nicht zuletzt während der Versammlung am Mittwoch, die direkt nach der Bürgermeisterwahl als dritter Akt der Wahlanalyse anberaumt war. Zur Erinnerung: Mitte März hatte die Parteibasis getagt, um die Wahlwunden zu lecken und Verantwortliche auszumachen. Parteichef Hesse sah seinerzeit keine Veranlassung, persönliche Konsequenzen zu ziehen.

Der zweite Akt endete eineinhalb Wochen später zumindest mit personellen Veränderungen innerhalb der Fraktion. Deren Chef Martin Fallenbüchel begründete seinen Rückzug mit gesundheitlichen Problemen. Seine Aufgabe übernahm mit Pierre Brandenstein der Mann, den sich weite Teile als starken Mann gewünscht hatten.

Vor allem die Bluttner- und Hesse-Kritiker, von denen einige sogar im Bürgermeisterwahlkampf mit Rüdiger Heß sympathisierten, hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen zweiten Mann für den Neuanfang auserkoren: Thomas Müller. Mit 29 Jahren ist er zwar der zweitjüngste CDU-Stadtverordnete, doch das Spiel auf der Klaviatur der Kommunalpolitik beherrscht er aus dem Effeff.

Viele Mitglieder geworben

In seiner Zeit als Mitarbeiter von Bundestagsabgeordnetem Bernd Siebert hat Müller als Nebendarsteller die Luft auf der großen politischen Bühne bereits geschnuppert. Und es ist auch außerhalb der Union kein Geheimnis, dass seine Lebensplanung darauf ausgerichtet ist, irgendwann als Hauptdarsteller diese Luft zu atmen.

Bis vor wenigen Monaten taten arrivierte Christdemokraten Müllers Ambitionen noch mit einem Handstreich ab. Nicht alle wollten ihm verzeihen, dass er vor Jahren mal durch unüberlegte Kommentare im Internet negativ aufgefallen war. Sogar sein Ziehvater Siebert zeigte ihm damals die kalte Schulter.

Doch die ihm nun zunehmend zuteil werdende Wertschätzung basiert auf seinen treuen Diensten, die er der Partei und der Fraktion seit geraumer Zeit leistete. Ohne zu murren übernahm er Fleißarbeiten - zuletzt im Bürgermeisterwahlkampf. Davor als JU-Vorsitzender, als er über Jahre hinweg junge, an Politik interessierte Frankenberger für die Partei warb und für einen Unterbau sorgte, den andere Gruppierungen gerne hätten.

Müllers großer Auftritt folgte dann bei der ersten Mitgliederversammlung nach der Bürgermeisterwahl. Trotz heftiger verbaler Angriffe analysierte er sachlich das Wahlergebnis. Als guter Netzwerker gelang es ihm in den Tagen danach, auch mit den schwierigen Charakteren ins Gespräch zu kommen. Seine Bewerbung um die Aufgabe des Parteichefs war schließlich ausgemachte Sache; ein Erfolg aber keineswegs sicher, weil keine Einigkeit in der Union herzustellen war. In Vorbereitung der Mitgliederversammlung war zwar der gesamte Vorstand geschlossen zurückgetreten, CDU-Chef Hesse aber eher widerwillig. Sein klar kommuniziertes Ziel: Er wolle sich erneut zum Parteivorsitzenden wählen lassen.

Doch nicht nur Hesse hatte dieses überraschende Ansinnen. Urplötzlich warf sogar noch ein weiterer Christdemokrat seinen Hut in den Ring: Thomas Rampe, der Stadtrat aus Röddenau, dessen Kandidatur bei der Bürgermeisterwahl vom Findungsausschuss um Parteichef Hesse nicht gewollt war.

Akt drei der Wahlnachlese

Und so hatten die Mitglieder am Mittwochabend, beim dritten Akt der Wahlnachlese, eine tatsächliche Wahl. Am Ende votierten 19 Mitglieder für Müller als neuen Stadtverbandsvorsitzenden, auf Rampe entfielen zehn Stimmen, auf Hesse lediglich sieben, ein Stimme war ungültig. Der Posten des zweiten Partei-Vize wurde ebenfalls in einer Kampfabstimmung vergeben. Keinen Diskussionsbedarf gab es bei Brandenstein, auf den 33 Stimmen entfielen. Im direkten Duell um die Gunst der Mitglieder setzte sich Stadtrat Rampe mit 19:18 Stimmen gegen den bisherigen Beisitzer Manfred Hacker durch.

Doch der Star des Abends war Thomas Müller, der seit seinem Eintritt in die Junge Union jede freie Sekunde für die CDU geopfert hat. Und er wird weiterhin viel Zeit investieren müssen: jetzt allerdings als Hauptverantwortlicher für die CDU. Die nächsten Monate, vielleicht auch Jahre, werden zeigen, ob er, zumindest im kleinen Maßstab, tatsächlich ein Ausnahmepolitiker ist - und die Frankenberger CDU zu Ruhm und Ehre führen kann.

Die Ziele des neuen CDU-Parteichefs

Dass noch nicht alle Probleme innerhalb der CDU ausgestanden sind, dessen ist sich auch der neue Parteivorsitzende Thomas Müller bewusst. Mit Mut und Tatkraft wolle er die CDU in die Zukunft führen, erklärte er gestern. Als wichtigsten Schwerpunkt seiner Arbeit nannte Müller die Aktivierung der Christdemokraten: „Die Mitglieder sind das größte Potenzial der CDU. Dieses müssen wir pflegen und aktivieren, denn ohne Mitglieder und ohne die Arbeit an der Graswurzel funktioniert Politik nicht.“ Dazu zähle eine intensive Kommunikation zwischen Funktionsträgern und Mitgliedern. „Die CDU muss raus ins Leben. Wir wollen den Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen suchen. Nur so können wir ernsthaft eine Interessenvertretung aller Frankenberger sein“, ließen sich Müller, seine Stellvertreter Rampe und Brandenstein in einer Pressemitteilung zitieren. Zudem sei eine engere Verzahnung von Stadtverband und Fraktion notwendig. „Wir müssen eigene Ideen kreieren und damit definieren, wie für uns die Zukunft Frankenbergs aussehen soll“, erklärte Müller. Seinem Vorgänger dankte er für die Arbeit. „Rainer Hesse hat sich um die CDU verdient gemacht. Als Stadtverordnetenvorsteher wird er weiter eine wichtige Stütze unserer Partei und unserer Arbeit in Frankenberg sein.“Als Schatzmeister wurde Hans-Jürgen Wilhelm in seinem Amt bestätigt. Wiedergewählt wurde Schriftführer Tim Winkelmann. Den Vorstand komplettieren die Beisitzer Dirk Bressler, Manfred Hacker, Sebastian Held, Martin Fallenbüchel, Louisa Schwickerath und Jens Seipel.

Die Vita des neuen Parteichefs

Die Politik ist für Thomas Müller mehr als nur Hobby, sie ist seine Passion. Seit mittlerweile zwölf Jahren engagiert er sich in der CDU. 2000 ist der Frankenberger in die Nachwuchsorganisation Junge Union eingetreten, ein Jahr später in die CDU. In den folgenden Jahren prägte er maßgeblich die Arbeit der JU. Von 2001 bis 2004 und 2007 bis 2011 war Müller Vorsitzender der JU Frankenberg. In verschiedenen Funktionen war er auf Landes- und Bundesebene aktiv, unter anderem als stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Union. Bei seinem Ausscheiden aus dem Frankenberger JU-Vorstand wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Dem Frankenberger Stadtverbandsvorstand gehört er seit elf Jahren an, ebenfalls mit verschiedenen Aufgaben. 2011 wurde der gelernte Bürokaufmann zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Auch auf Kreisebene bringt sich Müller in die Parteiarbeit ein. Seit 2004 ist er Vorstandsmitglied der Waldeck-Frankenberger CDU, seit 2008 ist er Kreisschriftführer. Bei der Kommunalwahl im März 2011 schenkten ihm die Menschen in der Kernstadt und in den Stadtteil erstmals das Vertrauen. Er ist Stadtverordneter und ehrenamtlicher Geschäftsführer der CDU-Fraktion.Thomas Müller ist 29 Jahre alt und arbeitet bei der Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg als Referent für Öffentlichkeitsarbeit. In seiner Freizeit engagiert er sich im TSV Röddenau.

Von Rouven Raatz

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