FZ-Serie über die Orchesterklasse an der Edertalschule: Ungewöhnlicher Elternabend mit Programm

Musiker auch auf Theaterbühne stark

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Frankenberg - Für viele Mamis und Papis ist ein Elternabend in der Schule eine Pflichtveranstaltung – im Klassenraum einer sonst leeren Schule, an Tischen und Stühlen, auf denen sonst ihre Kinder im Unterricht sitzen. In anderer Atmosphäre fand der Info-Abend für die Eltern der Orchesterklasse statt: die Kinder hatten ein Programm vorbereitet.

In der Aula der Edertalschule gaben die Sechstklässler ein exklusives Konzert, das ursprünglich vor den Sommerferien hätte stattfinden sollen. Glück für die Eltern: Im Laufe des neuen Schuljahrs sind noch neue Stücke hinzugekommen und so wurde eine knapp halbstündige Musikaufführung daraus.

Martin J. Fischer, Leiter der Orchesterklasse, sagte dieses „Kur-Konzert“ mit Stolz an: „Sie werden staunen, die Stücke, die sie noch vom letzten Jahr kennen, klingen mittlerweile ganz anders.“ Und er hatte Recht: Schon beim ersten Stück, einem französischen Volkslied, hörten die Eltern, wie sicher die Streicher geworden sind und wie ausdrucksstark die Bläser intonierten. Erfreulich war zu erkennen, wie „verwachsen“ die Kinder mittlerweile mit ihrem Instrument sind und somit noch aufmerksamer ihrem Dirigenten folgen. Und wer die Arrangements von Martin Fischer kennt, die er für seine Orchesterklasse schreibt, weiß, dass sie zunächst schwer spielbar klingen und dann aber einen schönen Gesamtklang entwickeln. So auch J.S. Bachs „Menuett“ und ein „Kleiner Marsch“, ein neues Stück, das die 22 Mädchen und Jungen üben.

Gute Lernfortschritte

Die einzelnen Instrumentengruppen sagten ihre Beiträge selber an. Das Konzertstück der Geigen und Bratschen bewies einen sehr guten Lernfortschritt. Sie spielten nicht nur sauber und vollklingend, sondern boten auch optisch einen sehr einheitlichen Bogenstrich. Die vier Cellisten erfüllten die Aula mit einem sehr warmen Klang, ihr Trio-Konzert ist ein Unisono-Stück in einem beachtlich großen Ton-Raum. Die drei Hornistinnen griffen nochmals das Stück „Vorhang auf!“ auf, welches sie im vergangenen Jahr für den Sparkassen-Jugend-Musikwettbewerb einstudiert hatten. „Das gefällt uns so gut, dass wir es nochmal spielen wollen.“ Die Akustik in der Aula ermöglichte, sich für den Moment des wunderschönen Waldhorn-Klangs eher ein „Alpenglühen“ statt eines Zirkus vorzustellen.

Fortsetzung in Kulturhalle

Die Trompeten hatten ihre Begleit-Band auf CD dabei: „Bad weather“ dreistimmig – und sofort war das BigBand-Feeling da. Und was wäre ein Orchester ohne „coole“ Bassisten: Die beiden zupften ganz locker ihr „Twinkle, twinkle little star“ und konnten sich das Grinsen nicht verkneifen. Mit dem „Piratenlied“ endete nur der musikalische Teil des Elternabends.

Während die Eltern bei der eigentlichen Info-Veranstaltung Neuigkeiten erfuhren, „verwandelten“ sich die Musiker in der Kulturhalle zu Schauspielern und empfingen ihre Eltern und Familienmitglieder dort zu einem Theaterstück, das sie mit ihrer Deutschlehrerin Ingrid Obermann einstudiert hatten. Sie hatten das Thema „Sagen“ anhand der „Abenteuer des Odysseus“ durchgenommen. Dass der Deutschunterricht einer Lehrerin für das Fach „Darstellendes Spiel“ mehr bedeutet, als nur Texte zu bearbeiten, und dass ihre Vorstellungen mit den Ideen von erfreulich motivierten Sechstklässlern zu einer „Ideen-Explosion“ werden, erlebten die Zuschauer eindrucksvoll. „Die Kinder haben geschnippelt und gebastelt und getextet und gerappt: Es ist unvorstellbar, was die sich alles haben einfallen lassen“, sagte Ingrid Obermann.

Troja aus Lego nachgebaut

Das Hauptthema: Die Irrfahrt des Odysseus, dem bekanntesten Held aus der griechischen Mythologie, vom Kriegsschauplatz Troja zurück nach Ithaka zu seiner Familie. Augenzwinkernd spielten sie einige von Odysseus’ Abenteuern und seinen Taten nach und vermittelten, dass Odysseus sich durch außergewöhnlichen Verstand und listige Taten auszeichnete.

Beginnend mit einer Bläser-fanfare hörten die Zuschauer die Erzählung der Geschehnisse von der Schlacht um Troja aus der Sicht der Götter und selbst aufgenommene Schlachtgeräusche um eine Troja-Nachbildung aus Lego. Verteilte „Zeitungen“ (kunstvoll selbst gestalteter „Götterklatsch“) berichteten vom Sieg über Troja. Dann „schritten“ die Zuschauer des Stationstheaters den mit gebastelten Schiffen ausgestatteten Seeweg des Odysseus ab.

Im Land der Zyklopen geriet Odysseus an den einäugigen Riesen Polyphem (hochgewachsen: Mareike Müller), der einen Teil seiner Mannschaft (im Theaterstück nur Stutenkerle) auffraß. Nachdem Odysseus Polyphem „betrunken“ gemacht hatte, stach er ihm das Auge aus. Um zu fliehen, klammerten sich die Männer an die Bäuche von Widdern, denen der Polyphem nur den Rücken abtastete und die Flucht so nicht bemerkte.

Ein weiteres Abenteuer erlebte Odysseus bei der scheinbar freundlichen Zauberin Kirke (liebreizend: Leonie Neumark), die Odysseus’ Männer erst zu Wein einlud, sie aber in Schweine verwandelte. Odysseus rettete seine Männer, weil er vom Gott Hermes eine ihn vor Kirkes Zauberei schützende Pflanze bekam. Schließlich gab sie den verzauberten Gefährten ihre menschliche Gestalt zurück.

Griechische Sagenwelt

Es folgte die rappend vorgetragene Zusammenkunft mit Aeolus, dem Windgott, der Odysseus günstigen Fahrtwind schenkte. Die von Aeolus in einen Schlauch „gesperrten“ ungünstigen Winde ließ die neugierige Mannschaft frei, sodass sie wieder in die Gegenrichtung segelten.

An der nächsten Station stopfte Odysseus seinen Männern vor der Vorbeifahrt an der Insel der Sirenen (weibliche Fabelwesen, die mit ihrem Gesang Seefahrer anlocken und dann töten) die Ohren mit Wachs zu (hier in Form von Kopfhörern mit Musik), seine eigenen verschloss er aber nicht, um den betörenden Gesang hören zu können. Odysseus ließ sich aber am Mast festbinden und konnte so den Verlockungen der menschenverschlingenden Skylla (Lilli-Marie Brandt) widerstehen.

Die Meernymphe Kalypso empfing Odysseus nach seinem Schiffbruch freundlich und machte ihn zu ihrem Geliebten, doch Odysseus sehnte sich nach Ithaka zu seiner Gattin Penelope zurück. Diese Geschichte las die Amerikanerin Chloe Sargent.

Zum Schluss des Theaterstückes fanden sich Odysseus und seine Familie samt Enkel Jahre nach seiner Rückkehr im Wohnzimmer wieder und Odysseus las aus seinem Tagebuch vor. Auch wenn die dargestellten Szenen vom Original abwichen, hatten sie ihren eigenen Charme und brachten einen an unsere Zeit angepassten Blick in die griechische Sagenwelt.

Von Dorothea Wagener

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