Kreisverband: Finanzielle Unterstützung ist zu gering - Corona-Krise verschärft die Situation

Musikschulen in Waldeck-Frankenberg stehen unter Druck

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Sehen den Fortbestand der Musikschulen gefährdet: Die Musikschulleiterinnen und -leiter (von links) Rainer Horn (Korbach), Daniel Senft (Bad Arolsen), Eva-Maria Scholze (Frankenberg) und Heidi Lorenz (Bad Wildungen).

Der Musikschulkreisverband Waldeck-Frankenberg schlägt Alarm. Wegen der seit Jahren unzureichenden finanziellen Ausstattung sieht er die Aufrechterhaltung seines Angebots als gefährdet an.

Die Corona-Krise verschärfe die Situation zusätzlich, weil derzeit Unterrichtsstunden, Kurse und Auftritte reihenweise abgesagt würden – Einnahmen fehlen in den Kassen der Musikschulen, die sich in den vergangenen Tagen daher intensiv Gedanken darüber gemacht haben, wie sie ihre Schülerinnen und Schüler bei der Stange halten.

„Auf medialer Ebene stehen Lehrer mit Schülern und Eltern in Kontakt. Die ersten Onlineunterrichte haben stattgefunden“, berichtet Eva-Maria Scholze, Leiterin der Musikschule Frankenberg.

Doch nicht erst seit der Corona-Krise ist die Lage für die Musikschulen angespannt. „In fünf bis zehn Jahren werden wir unsere Aufgaben nicht mehr erfüllen können“, sagt Rainer Horn, Leiter der Musikschule in Korbach. Aufgrund der zu niedrigen Zuschüsse von Land, Kreis und Kommunen müssten die Gebühren für Unterricht und Kurse in den nächsten Jahren stark ansteigen – dies sei aber nicht vermittelbar. Darüber hinaus trage eine zu geringe Entlohnung der Musikschullehrerinnen und -lehrer dazu bei, dass sich keine Fachkräfte mehr finden. „Der Markt ist ohnehin leer gefegt, weil der Verdienst zu schlecht ist“, fügt Daniel Senft, Leiter der Arolser Musikschule hinzu. Die gut ausgebildeten Musikschullehrer blieben lieber im Großraum Kassel, wo sie studiert haben, weil sie bei dem niedrigen Gehalt nicht auch noch eine stundenlange Fahrtzeit aufs Land auf sich nehmen wollten.

Zur generellen Finanzlage sagt Rainer Horn: „Hessen fördert im Vergleich zu anderen Bundesländern die Musikschulen an vorletzter Stelle mit nur 2,6 Millionen Euro. Unser Landesverband fordert acht Millionen Euro. Es müssten letztlich aber wohl zehn Millionen Euro sein, damit wir überleben können.“

Horn ist der Meinung, dass auch vom Landkreis und den Kommunen mehr Geld kommen müsste. Schließlich sei der kommunale Zuschuss in Waldeck-Frankenberg nur halb so hoch wie im Landesdurchschnitt. Er hat hierbei aber nicht so sehr die Musikschulstandorte Korbach, Arolsen, Frankenberg und Bad Wildungen im Blick. „Von unseren Angeboten profitieren Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus allen Städten und Gemeinden des Kreises“, so Horn. Folglich müssten alle einen Beitrag leisten. 

So sieht die Finanzierung in den Mittelzentren aus

In Korbach beträgt der jährliche Zuschuss der Stadt für die Musikschule – einschließlich der Gebäude- und Personalkosten – mehr als 70 000 Euro. Das berichtet Bürgermeister Klaus Friedrich auf Anfrage. „Aufgrund der Bedeutung fördern wir die Musikschule mit erheblichen Beträgen. Diese erhöhen sich durch die üblichen Preissteigerungen jedes Jahr und stellen damit auch eine regelmäßige Erhöhung unseres finanziellen Engagements dar.“ 

Bürgermeister Klaus Friedrich

Eine höhere Gerechtigkeit ließe sich nach Ansicht des Verwaltungschefs erreichen, wenn die finanzielle Belastung nicht nur beim Kreis oder den vier Mittelzentren verbleibe, sondern auf alle kreisangehörigen Städte und Gemeinden verteilt werde. Für Friedrich stelle sich auch die Frage, warum es kein „gleichgeartetes Musikschulgesetz“ gebe, um eine stärkere finanzielle Einbindung aller zu ermöglichen. 

In Frankenberg wird die Arbeit der Musikschule mit 13 000 Euro unterstützt. Zuletzt ist die Summe für das Jahr 2018 erhöht worden. „Im Sinne einer Gleichbehandlung wird die Stadt kurzfristig den Zuschuss nicht erhöhen, sofern nicht alle von der Arbeit der Musikschule nutznießenden Kommunen – wie zum Beispiel Allendorf/Battenberg – dem Musikschulkreisverband finanzielle Mittel zur Verfügung stellen“, sagt Bürgermeister Rüdiger Heß. Die Musikschule sei ein wichtiger kultureller Träger, der wertvolle Arbeit für die musikalische Ausbildung der Kinder und Jugendlichen leiste. „Mit Blick auf die rund 130 Vereine im Stadtgebiet muss die Stadt jedoch mit ihren Mitteln haushalten“, so Heß. Grundsätzlich sei man aber bereit, sich über alternative oder ergänzende Unterstützungsformen auszutauschen. „Aktuell laufen Gespräche zwischen der Stadt und der Musikschule zur Nutzung von städtischen Räumen“, berichtet der Bürgermeister, der gleichzeitig auch betont, dass er die Forderung der Musikschulen nach höherer finanzieller Förderung durch das Land Hessen unterstütze. 

Das sieht auch Bürgermeister Jürgen van der Horst aus Bad Arolsen ähnlich. „Die Finanzierung von Bildungseinrichtungen ist – mit Ausnahme der Kindestagestätten – in Hessen keine Aufgabe der Städte und Gemeinden“, sagt er. Gegenwärtig stelle die Bereitstellung von Zuschüssen sowohl für die Kommunen als auch für die Landkreise und das Land eine freiwillige Leistung dar. „Daher müsste erst einmal entschieden werden, ob die Musikschulen neben dem bestehenden musikpädagogischen Angebot der allgemeinbildenden Schulen einen eigenständigen öffentlichen Bildungsauftrag erfüllen sollen – oder nicht.“ 

Die Stadt Bad Wildungen fördert die Musikschule jährlich mit 20 000 Euro. Außerdem steht das Gebäude inklusive Nebenkosten für die Musikschule kostenfrei zur Verfügung. Eine Steigerung der Unterstützung ist laut Bürgermeister Ralf Gutheil zurzeit nicht vorgesehen. „Am Gebäude werden, wenn alles nach Plan läuft, aber noch dieses Jahr Sanierungs- und Erweiterungsarbeiten begonnen. Diese werden gefördert, aber die Stadt erbringt einen Eigenanteil“, so Gutheil.

Landkreis fordert Musikschulgesetz

Bei der Finanzierung der Musikschulen sitzt auch der Landkreis mit im Boot. Jährlich bezuschusst er diese mit insgesamt 150 000 Euro. Landrat Reinhard Kubat betont, dass auch er die geringe Entlohnung für die Musikschullehrerinnen und -lehrer für problematisch halte. Dennoch sei es für den Kreis schwierig, die Fördersumme deutlich zu erhöhen. „Der Zuschuss ist eine freiwillige Leistung, weil die Musikschulen als Verein organisiert sind“, so Kubat. Der Kreis müsse auch darauf achten, dass niemand benachteiligt werde. 

„Es gibt auch viele Musikvereine und Chöre, die stark zum kulturellen Leben beitragen“, sagt der Landrat, wenngleich er deutlich macht, dass die Musikschulen gerade auch mit Blick auf die Gestaltung des Nachmittagsangebots an Schulen und Kindergärten unverzichtbar seien. Kubat spricht zudem von einer „schiefen Finanzierung“. „Die Mittelzentren, in denen sich die Standorte der Musikschulen befinden, bezuschussen diese mit adäquaten Mitteln. Doch andernorts werden nur ein paar hundert Euro bereitgestellt, obwohl von dem Angebot der Musikschulen alle Städte und Gemeinden im Kreis profitieren.“ 

Landrat Dr. Reinhard Kubat

Nötig sei daher ein Musikschulgesetz, für das sich der Kreis in Wiesbaden stark gemacht habe. Darin müssten auch die finanziellen Mittel für die Musikschulen erhöht werden. „Ein solches Gesetz regelt, wie das Land, die Landkreise sowie die Städte und Gemeinden die Musikschulen zu finanzieren haben – und zwar nach einem fairen Verteilungsschlüssel, so dass jeder einen Beitrag leisten muss.“ Der Kreis wolle dieses Ziel zusammen mit dem Land Hessen weiter verfolgen.

Ministerin verspricht Hilfe bei Reformen

„Wir haben in der vergangenen Wahlperiode begonnen, die Mittel zu steigern, und setzen diesen Weg auch in der neuen fort. Das haben wir im Koalitionsvertrag verbindlich vereinbart“, sagt Angela Dorn, Hessens Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst mit Blick auf die Landeszuschüsse für die hessischen Musikschulen. Aktuell würden rund 2,6 Millionen Euro bereitgestellt. Der Kreisverband Waldeck-Frankenberg mit seinen vier Musikschulen habe davon 2019 insgesamt 67 322 Euro erhalten. Auch wenn das Land finanzielle Unterstützung liefert, steht für Dorn fest: „Musikschulen sind eine gesamtpolitische Aufgabe auf allen föderalen Ebenen, von der Kommune über das Land bis zum Bund. Allerdings sind Musikschulen klar kommunal verankert, physisch und gesellschaftlich.“ Deshalb sollte von dort die Initiative ausgehen. Das Land unterstütze gern. Die größte Herausforderung liege darin, dass der größte Teil der Musikschulen als Verein organisiert sei. 

„Das halte ich für nicht angemessen, weil es strukturell immer wieder zu Problemen führt, für Lehrkräfte keine Tarifbindung besteht und die kommunalpolitische Verantwortung eher mittelbar ausgeprägt ist.“ Gerne wolle sie daher mit dem Verband deutscher Musikschulen und den kommunalen Vertretern darüber sprechen, welche Betriebsformen künftig die geeignetsten sein können. „Ein Ansatz könnte sein, die Musikschulen in kommunale Betriebsformen zu überführen und somit eine Tarifbindung für die Lehrkräfte zu ermöglichen. Auf dem möglichen Weg einer Reform will ich den Verband und die Musikschulen nach Kräften unterstützen, beratend und möglicherweise auch finanziell“, sagt Angela Dorn.

Corona-Krise: Musikschulen reagieren

Wie sehr die Corona-Krise den Musikschulen und deren Personal zu schaffen macht, darauf weist Eva-Maria Scholze, Leiterin der Musikschule in Frankenberg hin. „Den Schülern steht vertraglich der Unterricht zu, für den die Eltern bezahlen. Die Lehrer werden im Normalfall aber nur für den gehaltenen Unterricht bezahlt.“ Das bedrohe deren Existenz und somit die der Musikschule. Neben Online-Angeboten seien nun Aufgaben und Unterrichtsmaterial versendet und Tonaufnahmen untereinander ausgetauscht worden. Der Gruppenunterricht in der Früherziehung und solcher mit jungen Schülern stelle jedoch eine besondere, schwierig zu lösende Herausforderung dar, an der aktuell gearbeitet werde. Auch Eltern, denen die Situation bekannt sei, denken darüber nach, wie sie helfen können. 

„Die Musikschulen danken allen Menschen, die sie hierbei unterstützen“, lobt Scholze. Dennoch wisse noch niemand, wie sich die Zahl der Abmeldungen im Lauf des Jahres entwickeln werde. Die Musikschule sei bereit, Neues zu lernen und sich schnell auf die veränderte Situation einzustellen. „Dennoch sollte der Politik spätestens jetzt klar werden, dass die Arbeit der Musikschule dringend einer gesetzlich verankerten Basis mit der entsprechenden Finanzierung bedarf“, sagt die Musikschulleiterin.

Umfangreiches Angebot - Das leisten die Musikschulen

Der Verbund aus den vier Musikschulen in Waldeck-Frankenberg ist mit 3800 Schülern und 100 Lehrkräften der drittgrößte in Hessen. An den Standorten werden Instrumente im Einzel-, Partner- oder Gruppenunterricht erlernt. Die Musikschulen sind mit ihrem Unterricht auch in 30 Kindergärten (musikalische Früherziehung), 16 Grundschulen, drei weiterführenden Schulen, zwei Förderschulen und vier Gymnasien des Kreises unterwegs. Auch Ensembles gehören zu den Musikschulen.

Quelle: HNA

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