Frankenberg

„Da musste man sich reinfriemeln“

- Ob Seide, Leinen oder Baumwolle – Stoffe gibt es bei Barbara Jürgens in der Bahnhofstraße in Frankenberg „Am laufenden Meter.“ So hat sie auch das Geschäft genannt, das sie inzwischen seit 25 Jahren erfolgreich führt.

Frankenberg. „Brauchen Sie Hilfe oder möchten Sie lieber erstmal schauen?“, fragt Barbara Jürgens eine Kundin, die gerade in ihr Geschäft in der Bahnhofstraße gekommen ist. Die schaut in das lachende Gesicht von Barbara Jürgens, sagt klar „Hilfe“ – und schon zaubert die Stoff-Fachfrau zusammen, was die Dame wünscht: Bald liegt brauner Taft auf dem großen Zuschneidetisch, auch passendes Nähgarn und ein Reißverschluss sind schnell gefunden. Der nächste Kunde kommt im Auftrag seiner Frau, soll einen Knopf kaufen, und ein Ehepaar sucht wieder Patchwork-Stoff für Topflappen. „Der letzte hat uns so gut gefallen“, sagen sie. Mit allem kann Barbara Jürgens in ihrem Geschäft „Am laufenden Meter“ dienen. Stoffe aus Wolle, Leinen, Baumwolle, Seide und Samt sowie Jute oder Latexnetz sind ebenso zu haben wie Knöpfe, Nähnadeln, Bänder oder Druckknöpfe und aufbügelbare Applikationen. Sogar Strumpfbandhalter führt sie noch. Anfang der 1980er war Barbara Jürgens aus Berlin nach Frankenberg gekommen – von der Großstadt aufs Land gezogen. „Wenn Land, dann richtig Land“, hatte sich die gebürtige Düsseldorferin gesagt und ein Haus in Schreufa ausgesucht, wo es genügend Platz für Tiere und Garten gibt. Auf die Idee, einen Stoffladen zu eröffnen, war die gelernte Erzieherin gekommen, als sie mal vergeblich auf der Suche nach einem bestimmten Stoff war, erinnert sich die Frau, die schon immer viel Sinn für Kreativität und ein Faible für Stoffe hatte. So war eine Idee geboren und sie wagte es, zusammen mit einer Freundin ein Geschäft am Untermarkt einzurichten, wo sie 15 Jahre lang Stoffe und Kurzwaren anboten. 1999 zog Barbara Jürgens mit dem Laden in die Bahnhofstraße 24 – und feiert dort inzwischen ihr 25-jähriges Geschäftsjubiläum. Dabei war der Anfang durchaus schwierig. „Stammlieferanten mit einem passenden Angebot zu finden, das brauchte seine Zeit“, erinnert sich die agile Frau: „Da musste man sich erst mal rein­friemeln.“ Über das dann folgende Vierteljahrhundert hinweg hat sich viel verändert. Es gab Höhen und Tiefen und ab Mitte der Neunzigerjahre auch ganz besonderen Einsatz, als ihre Tochter geboren wurde und bald viel Spaß beim Spielen mit all den Stoffen im Laden hatte. Voll im Trend Wurden früher vor allem praktische Blusen, Hosen und Kinderkleidung genäht, haben die Kunden inzwischen eher Individuelles im Blick: Von der Abendgarderobe bis zu Wohnaccessoires. Derzeit liege vor allem Walkwolle im Trend, weil sie so vielseitig und individuell einsetzbar sei. Wie das Stricken erfährt auch das Nähen derzeit eine Renaissance – je anstrengender und uniformierter das Leben draußen wird, desto mehr Wunsch nach Individualität und Kreativität macht sich bemerkbar: „Ja, die Lust auf Nähen ist wieder da; viele sehen die Handarbeit als Ausgleich“, erklärt Jürgens und freut sich zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Annegret Schilling über das neu erwachte Interesse. Damit die beiden mit ihrem Angebot stets im Trend bleiben, besuchen sie viele Messen. „Wenn man nur steht und sich nicht bewegt, geht’s nicht“, weiß Barbara Jürgens. Also bewegen sie sich. Damit sie gute Tipps geben können, verarbeiten sie Stoffe, die sie noch nicht kennen, bevor sie an die Kunden weitergegeben werden. „Wir müssen sehen, wie die Stoffe fallen, ob sie vielleicht kratzen – das ist ja wichtig für die Kunden, wenn sie ihre Auswahl treffen“, erklärt die Fachfrau. Wichtig für die Kunden ist auch, dass in dem Geschäft „Am laufenden Meter“ noch Kurzwaren zu haben sind – ein Angebot, das ansonsten immer seltener zu finden ist. Nähgarn, Knöpfe, Reißverschlüsse – alles, was zum Ausbessern nötig ist, ist für viele Kunden ein wichtiger Grund, ins Geschäft zu kommen, erklärt Jürgens. Ein weiterer Grund ist, dass sie und Annegret Schilling auch weiterhelfen, wenn’s beim Nähen mal hakt. „Dann kommen die Kunden mit ihrem ganzen Kram her und wir schauen, was anders gemacht werden muss“, sagt die Frau mit der unkomplizierten Ader fürs Praktische. Hat sich im Laufe der 25 Jahre auch vieles verändert – gleich geblieben ist der Spaß, den Barbara Jürgens an ihrer Arbeit hat. Das ist nicht zu übersehen. Und damit wendet sie sich gleich dem nächsten Kunden zu. (md)

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