Der Förderkreis Alte Kirchen hält in Marburg mit einer Ausstellung Rückblick auf seine Arbeit

Mutig gegen die Abbruchwelle

Hand in Hand gegen Abriss: Kurz vor dem Abbruch des „Verkehrshindernisses“ in Vöhl-Ederbringhausen demonstrierten 1975 die FAK-Mitglieder noch einmal an der Fachwerkkirche, wie breit die Dorfstraße doch eigentlich hier war. Foto: Völker

Waldeck-Frankenberg. Jahrhunderte hatten sie Leben und Tod, Glauben und Hoffnung der Menschen begleitet. Aber in den Wirtschaftswunderjahren galten die kleinen, vielfach baufällig gewordenen Dorfkirchen nichts mehr. Sie mussten dem Fortschritt weichen: beispielsweise 1967 in Bottendorf, 1971 in Strothe, 1972 in Kohlgrund, 1975 in Ederbringhausen – die Liste ließe sich fortsetzen. Etwa 100 Total- und Teilabbrüche von ursprünglich 450 Fachwerkkirchen in Hessen hat der Förderkreis Alte Kirchen Marburg (FAK) verzeichnet und dabei den Kampf um ihre Rettung bis heute nicht aufgegeben.

Einsatz seit 50 Jahren

„50 Jahre Einsatz für Dorfkirchen“ ist der Titel einer Fotoausstellung, mit der der FAK bis zum 13. Mai werktags von 9 bis 16 Uhr im Institut für Kirchenbau der Marburger Philipps-Universität Rückschau hält auf seine Arbeit, darunter auch zahlreiche Bilder aus Waldeck-Frankenberg.

„Der Ruf nach Neuem wuchs im Fortschrittsland Hessen in den 1960er-Jahren. Es war eine Zeit, in der man neue, moderne Kirchen haben wollte“, berichtet Förderkreis-Vorsitzender Angus Fowler, gebürtiger Schotte. Zusammen mit dem Franzosen Jean Chanel gehörte er zu den Pionieren, die sich mutig, häufig unbeliebt und angefeindet, gegen die Abbruchwelle und den Verfall der Kirchen stemmten.

Es war gerade diese kleine Gruppe von ausländischen Kunsthistorikern, die den für Europa einzigartigen Fachwerkkirchen-Gürtel in Nordhessen, vergleichbar mit den Stabkirchen in Norwegen, in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückten. Wissenschaftler und Denkmalpfleger wie Dr. Gottfried Kiesow stellten sich auf die Seite des FAK, der manchmal in letzter Minute den bereits beschlossenen Abriss von Dorfkirchen wie in Bürgeln verhindern konnte. Auch an der alten Kirche in Allendorf-Eder stand der Räumbagger schon bereit – heute ist die renovierte, vom örtlichen Kulturförderkreis mit neuer Funktion versehene Chorturmanlage von 1496 das Herzstück im alten Dorfkern der Industriegemeinde.

Jean Chanel, seit 1957 Lektor an der Universität Marburg, fuhr mit seinem kleinen Renault über Land, prüfte nach, ob gefährdete Kirchen überhaupt noch standen, fotografierte und dokumentierte sie. Vier stark gefährdete Kirchen nahm der FAK in sein Eigentum auf: Bellnhausen, Bürgeln, Niedereisenhausen, Volpertshausen. Er sammelte von 1979 bis 2010 insgesamt eine Million Euro an Spenden für kostenträchtige Renovierungen und verschuldete sich dabei. Vernetzung mit ähnlichen Organisationen im Ausland („Europa Nostra“, „Friends of Friendless Churches“, „Arbeitskreis für Holzkirchen“ in Polen) und hohe Auszeichnungen stärkten den Verein ideell. „Jetzt möchte der FAK Marburg die von ihm übernommenen Kirchen in verantwortungsvoller örtlicher Trägerschaft sehen“, hofft Angus Fowler. „Am liebsten, ähnlich wie in Großbritannien und den Niederlanden, in einer für die Erhaltung aufgegebener Kirchen geeigneten Stiftung.“

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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