Hessisches Landestheater zeigt "Biberpelz"

An Mutter Wolffens schwerer Brust

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Fliegt die Diebesserie auf, entdeckt Amtsvorsteher von Wehrhahn die wahren Probleme in seinem Kaff unweit von Berlin? Das Ensemble von Hauptmanns „Der Biberpelz“ spielte in Frankenberg großartig auf.Fotos: Christian Buseck/HLTH

Frankenberg - Großes Theater in Frankenberg: Spielfreudig präsentierten Marburger Darsteller einen Klassiker im runderneuerten Gewand - und versehen mit frischer Deutung.

Wenn Christiane Reinhardt die Bühne betritt, dann beherrscht sie diese, wie ihre Figur, Mutter Wolffen, ein kleines Kaff in der Nähe von Berlin beherrscht: nicht von oben herab, nicht dominant, sondern durch List, Schläue und ein großes manipulatives Potential. Ihre Fäden spinnt Wolffen ebenso leise durch dieses Dorf irgendwo an der Spree, wie Reinhardt durch das Publikum in der Ederberglandhalle. Die Frau fasziniert mit ihrem lustvollen Spiel und mit ihrer Ausdrucksstärke.

Sie ist die richtige Besetzung für die Rolle der mit viel krimineller Energie gesegneten doch stets fürsorglichen Hauptperson aus Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“. So wie sie die Rolle anlegt, stellt sie selbst die Frage, ob man sie nun mögen soll, oder nicht. Keinesfalls mögen muss man ihren Gegenspieler Amtsmann Baron von Wehrhahn, großartig gespielt von Sebastian Muskalla. Der Amtsvorsteher ist die personifizierte Biederkeit jener Zeit, in der das Stück entstand und auch angelegt ist: Kaiser Wilhelms langer Arm reicht bis in die letzten Ecken des Reiches - und erst recht ins Umland seiner Residenzstadt Berlin. Von Wehrhahn gibt sich scharf: Sozialdemokraten, Kommunisten und anderes Pack machen sich breit - glaubt er. So hat er es auf den Gelehrten Doktor Fleischer (Johannes Hubert) abgesehen. Dabei ist der arme Tropf derzeit weniger am republikanischen Umsturz als vielmehr an der vorlauten Adelheid gelegen, der jungen Tochter von Mutter Wolffen.

Die alte Wäscherin weiß genau, dass sie die Gör, deren feisten und weinerlichen Bruder Leon (Ogün Derendeli) und ihren einfältigen Gatten Julius (Jürgen Keuchel) mit ehrlicher Hände Arbeit allein nicht über die Runden bringen kann. Praktisch, wenn täglich der Kahn von Wulkow (Thomas Huth) in die nahe Großstadt schippert - und zwischen all den Waren immer etwas Platz für Diebesgut ist.

Was der junge, niederländische Regisseur Marc Wortel mit Ausstatter Donald Becker da auf die Bühne bringt ist ein verstörendes Stück. Eigentlich ist es naturalistisch angelegt, doch geht ihm in der Fassung des Hessischen Landestheaters aus Marburg jeglicher Naturalismus ab. Keine Dorfküche, keine Spree, keine Amtsstube - stattdessen viel Schwarz und ein großer Biber, der mit laser-scharfem Blick über allem wacht, gar thront. Zumindest optisch ist der „Biberpelz“ dicht an Kubricks Klassiker „Clockwork Orange“ angelehnt. Und auch inhaltlich sind sich die Werke nahe - wenn sie auch das Thema „Unterdrückung und Auflehnung“ grundverschieden angehen.

Hauptmann ist als Zeitgenosse nahe bei Heinrich Mann, der mit seinem Untertan wohl das Standardwerk über die repressive wilhelminische Zeit verfasst hat. Hier wie dort wird nach oben gebuckelt, nach unten getreten. Während Manns Diederich Heßling zugleich Gefangener und Profiteur dieser Zeit ist, erwehrt sich Mutter Wolff dem Diktat. Geschickt entzieht sie sich dem Amtsvorsteher, obwohl sie eigentlich schon geliefert haben. Sie entzieht sich - und erzieht ihn, bis an ihre schwere, volle Mutterbrust.

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