Frankenberger bekämpft Alkoholabhängigkeit und hilft heute Suchtkranken

Neustart nach schwerer Zeit

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2014 galten in Deutschland laut Drogenbericht der Bundesregierung rund 1,77 Millionen Erwachsene als alkoholabhängig. Manche gehen gestärkt aus der Sucht hervor.Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Frankenberg - Wahrscheinlich geht jeder Mensch mindestens einmal durch schwierige Zeiten. Manche schöpfen daraus neue Kraft. Das gilt auch für einen Frankenberger, der wegen seiner Alkoholsucht beinahe seine Familie verloren hätte. Heute engagiert er sich ehrenamtlich.

„Dann setzte mir meine Frau die Pistole auf die Brust. Sie drohte auszuziehen, mit meiner Tochter.“ Plötzlich ist er da, dieser Leidensdruck, wie der 51-jährige Frankenberger sagt. Der Leidensdruck, der die Augen öffnet. Der Punkt, an dem das Leben auseinanderzubrechen droht, wenn nicht gehandelt wird.

Er handelt. Elf Monate ambulante Therapie liegen hinter ihm. Arbeitsplatzverlust. Rückfall. Der Alkohol droht zu siegen. Über den Willen. Über den Körper. Über das Leben. „Ich habe mir gesagt: So kann es nicht weitergehen.“ Dann also stationäre Therapie. Den letzten Tropfen Alkohol trinkt der Frankenberger Anfang 2008. „Man braucht einen gewissen Leidensdruck. Ich sah mich selbst lange nicht als Alkoholiker“, erklärt er.

Am Anfang war das Trinkverhalten „normal“

Doch wie kann es so weit kommen, warum muss es so weit kommen? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Alkoholismus ist wie andere Süchte auch eine anerkannte Krankheit. Die Ursachen können genetisch, sozial oder psychologisch bedingt sein. Meist ist es ein Cocktail aus mehreren Faktoren. „Bei uns im Elternhaus gab es immer Alkohol. Das erste Mal selbst getrunken habe ich bei meiner Konfirmation“, erinnert sich der Familienvater. Das Trinkverhalten sei „normal“ gewesen. Abends weggehen, mit Freunden feiern - wie es viele andere ja auch machen.

„Abhängigkeit ist ein schleichender Prozess, man trinkt immer etwas mehr.“ Einen festen Punkt, ab dem man als abhängig gilt, gibt es nicht. Rückblickend ist für den 51-Jährigen aber der Umbau des Hauses in viel Eigenarbeit der Punkt, ab dem der Alkoholkonsum über das, was vielleicht als normal gilt, hinaus geht. „Wir bauten 2000 das Haus um, ich hatte an der Arbeit viel Stress. Zur Entspannung gab es das ein oder andere Bier - später dann auch härtere Sachen.“ Irgendwann habe er das Gefühl gehabt, Alkohol zu brauchen, um überhaupt klar zu kommen, um den Alltag meistern zu können. „Ich war früher ein sehr unsicherer Mensch. Der Alkohol hat mir anfangs noch Sicherheit gegeben.“ Er trinkt täglich zu Hause. Wenn er mit Freunden in eine Kneipe geht, hält sich der Frankenberger zurück, um nicht aufzufallen. „Aber dann hatte ich halt vorher schon zu Hause was getrunken.“

Von seinen Freunden bemerkt die Probleme keiner - zumindest spricht sie niemand an. Auch an der Arbeit kann er die Sucht verstecken. Zur Hochphase der Abhängigkeit „war es über den Tag verteilt eine halbe bis dreiviertel Kiste Bier. Wenn das nicht reicht, steigt man auf härtere Sachen um“.

Seine Frau stellt ihn vor die Wahl: Mit Alkohol und ohne Familie oder ohne Alkohol und mit Familie. Der 51-Jährige schafft es, seit sieben Jahren ist er trocken. Schon vor der Therapie nimmt er Kontakt zum Selbsthilfeverein Freundeskreis in Battenberg auf, „mehr aus Druck von zu Hause aus als freiwillig“. Dort gibt es allgemeine Informationen für neue Mitglieder und Intensivgruppen für langjährige Mitglieder. Aus dem anfänglichen Zwang entwickelt sich für den Frankenberger schnell Engagement für Menschen, die ähnliches erleben wie er es erlebt hat. Er besucht regelmäßig Patienten auf der Entgiftungsstation in Haina und stellt dort das Angebot des Vereins vor. Wenn Alkoholabhängige bei ihm anrufen, vereinbart er mit ihnen vor dem ersten Treffen in der Gruppe ein Vier-Augen-Gespräch. Es gilt die Schweigepflicht.

Der Wille, anderen zu helfen ist da, auch weil er sich so selbst hilft. Er gewinne an Selbstvertrauen, entdecke in den Klienten häufig auch etwas von seinem früheren Ich. „Ich kann nur empfehlen, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Sonst fällt man ganz schnell in alte Gewohnheiten zurück.“

Offener Umgang mit Alkoholismus ist wichtig

Wichtig sei es, gegenüber Familie, Freunden und Kollegen offen mit der Krankheit umzugehen. „Wenn es bei einem Geburtstag eine Schnapsrunde gibt, bekomme ich heute ganz automatisch einen Espresso“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Wichtig ist dem 51-Jährigen, dass die Gesellschaft offen mit dem Thema Alkoholsucht umgeht. „Freunde sollten denjenigen darauf aufmerksam machen, auch wenn er es nicht wahrhaben will. Vielleicht wird er über sich selbst nachdenken.“ Mit diesem Schritt könnte mancher vielleicht der Pistole auf der Brust entgehen.

Gruppenabende des Freundeskreises finden dienstags und donnerstags von 20 bis 22 Uhr in der Senchonesstraße 3 in Battenberg statt, Kontakt ist unter 06452/3944 oder 0160/6502503 möglich.

Von Tobias Treude

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