Biedenkopf

Notfallseelsorge wird neu strukturiert

- Biedenkopf (da). Christian Reifert ist neuer Leiter der Notfallseelsorge Oberes Edertal. In den nächsten Monaten will er auch Ehrenamtliche mit einbeziehen und zu Krisenhelfern ausbilden.

Nach einem traumatischen Ereignis brauchen Menschen Hilfe. Feuerwehrleute müssen nach belastenden Einsätzen ebenso betreut werden wie Menschen, die unerwartet ein Familienmitglied verloren haben.

Seit dem Jahr 2000 sind im Oberen Edertal Notfallseelsorger für andere da und helfen, wo sie benötigt werden. Einsatzbereit sind sie Tag und Nacht, das ganze Jahr. Wenn sie verständigt werden, geht es fast immer um einen Todesfall.

Noch engagieren sich im Oberen Edertal ausschließlich Pfarrer in der Notfallseelsorge, kurz NFS. Das soll sich ändern: Christian Reifert will künftig auch ehrenamtliche Helfer ausbilden. Reifert ist ab dem 1. Januar neuer Leiter der Notfallseelsorge im Oberen Edertal. Er übernimmt die Aufgabe von Pfarrerin Sabine Färber-Awischus, die mit ihrem Mann Jörg Awischus neue Stellen angetreten hat (WLZ-FZ berichtete).

Unter seiner Leitung soll die Notfallseelsorge neu strukturiert werden. Reifert, selbst aktiver Feuerwehrmann mit Zugführer-Ausbildung, hat Erfahrung mit ehrenamtlichen Krisenhelfern: In Marburg-Biedenkopf ist er Sprecher und Mitarbeiter des Kriseninterventionsdiensts, kurz KID, das ebenfalls aus Pfarrern und ehrenamtlichen Helfern besteht. „Eine Stärke dieses gemischten Systems ist vor allem die Flexibilität“, sagt er. Hauptberuflich ist der Religionspädagoge als Jugendreferent im Dekanat angestellt und kennt dadurch das Obere Edertal. Die seelsorgerische Arbeit in Notfällen bleibe unter dem Dach des Dekanats Biedenkopf und damit in Kirchenhand, betont er. Deshalb sollen die Pfarrer in ihren Gemeinden geeignete Menschen suchen, die sich in der Notfallhilfe engagieren könnten.

Auch die Pfarrer selbst sollen weiterhin an Bord bleiben – wenn sie wollen. Denn anders als im Bereich der evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck ist die Notfallseelsorge in Hessen-Nassau – dazu gehören die Gemeinden im Oberen Edertal – keine Pflichtaufgabe der Geistlichen. „Wir wollen die Pfarrer nicht aus ihrer Pflicht entlassen, aber sie brauchen Unterstützung“, sagt Christian Reifert. Die Freiwilligkeit sei dabei aber entscheidend, „dann ist das Engagement größer“.

Geplant sind Zweierteams, die zusammen Rufbereitschaft haben und bei Bedarf über Funkmeldeempfänger alarmiert werden. Angefordert werden sie von Polizei, Rettungsdienst oder den Einsatzleitern der Feuerwehr.

Im Idealfall, sagt Christian Reifert, bestehen diese Zweiergruppen aus einem Pfarrer und einen ehrenamtlichen Notfallseelsorger. Die Dienste werden vierteljährlich festgelegt. Etwa 10- bis 15-mal im Jahr rückt die NFS des Oberen Edertals aus.Wie die Pfarrer haben auch die freiwilligen Seelsorger eine Schweigepflicht. Geht es bei Gesprächen um kritische Fragen, die beispielsweise für die Polizei von Interesse sein könnten, können die Helfer auf Pfarrer verweisen, die an das Beichtgeheimnis gebunden sind. Schon jetzt gilt: Die Konfession von Betroffenen ist nicht entscheidend, die Notfallseelsorger helfen unabhängig von religiösen Zugehörigkeiten. Reiferts Amt beginnt zwar erst am 1. Januar, doch schon jetzt stellt er bei den Feuerwehren im Edertal das neue Konzept vor. Nach der gemeinsamen Versammlung der Battenberger Wehren vor zehn Tagen hat er bereits Anfragen von drei interessierten Feuerwehrleuten erhalten.

Der designierte Leiter der NFS ist deshalb zuversichtlich, dass sich auch in anderen Wehren und in den Kirchengemeinden potentielle Helfer finden – Reifert hofft auf mindestens 15 Neulinge. Gefragt sind vor allem Ehrenamtliche, die Erfahrung im Umgang mit Menschen haben – zum Beispiel Erzieher, Psychologen, Pädagogen, Ärzte oder Sozialarbeiter. Das Mindestalter ist auf 25 Jahre festgesetzt.

In zwei Seminaren werden die neuen Notfallseelsorger auf ihre schwierigen und vielfältigen Aufgaben vorbereitet. Sie lernen psychosoziale Grundlagen, erhalten aber auch Informationen zum richtigen Verhalten an einer Einsatzstelle. Voraussichtlich im Herbst 2010 nimmt die neustrukturierte Gruppe ihre Arbeit auf, schätzt Reifert.

Nach dem Ausbildungs- und dem Aufbaukurs können Interessierte auch noch einen SbE-Lehrgang besuchen. SbE steht für „Stressbewältigung nach belastenden Ereignissen“. Sie richtet sich an Helfer und Retter, die nach belastenden Hilfseinsätzen Ansprechpartner benötigen. Wegen der Nähe zum KID in Marburg-Biedenkopf ist eine Zusammenarbeit denkbar – zum Beispiel bei Weiterbildungen. Die SbE-Teams gibt es schon jetzt, „das läuft wie gewohnt weiter“, erklärt Christian Reifert.

Bis das neue NFS-Team im Oberen Edertal seine Arbeit aufnimmt, unterstützen Pfarrer aus dem Kirchenkreis Frankenberg ihre Kollegen im Oberen Edertal in der Notfallseelsorge und umgekehrt. Bislang war die Leitung der NFS im Oberen Edertal mit einer 25-prozentigen Pfarrerstelle verbunden. Um die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen, übernimmt Christian Reifert jetzt diese Aufgabe. Er hält es für denkbar, dass im Jahr 2012 wieder ein Pfarrer die Funktion des leitenden Notfallseelsorgers übernimmt. Denn ab dann solle die umstrukturierte Krisenhilfe im Oberen Edertal wieder eigenständig funktionieren.

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