Oratorium voller Dramatik: Kantorei der Liebfrauenkirche beeindruckte mit Keisers Markuspassion

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Kantorei als großer Klangkörper: Der oratorischen Markuspassion des barocken Komponisten Reinhard Keiser verlieh die Kantorei der Liebfrauenkirche unter Leitung von Daniel Gárdonyi musikalischen Glanz und ausdeutende Innerlichkeit. Foto: Völker

Frankenberg. Eine Passionsmusik voll zarter, mitleidender Innerlichkeit, zugleich aber vorangetrieben von den dramatischen Affekten eines großen Oratoriums erlebte am Abend des Palmsonntags in der Liebfrauenkirche das Frankenberger Konzertpublikum.

Aufgeführt wurde von der Kantorei unter Leitung von Daniel Gárdonyi die „Markuspassion“ des heute kaum noch bekannten Reinhard Keiser (1674-1739), der in seiner Hamburger Zeit als einer der besten deutschen Opernkomponisten galt und mit seiner geistlichen Musik auch von Johann Sebastian Bach bewundert wurde.

Kantor Gárdonyi hatte sich für die Fassung von Bachs erster Aufführung der Keiser-Passion 1712 in Weimar entschieden, in die Hoforganist Bach zwei Choräle einfügte. Auch wenn es dadurch noch immer nicht zum Werk im gewohnt-gebundenen Stil von „unser aller Bach“ wurde, was vermutlich der Wiederaufführung in Frankenberg einen noch größeren Besuch beschert hätte, so faszinierte das Werk umso mehr durch den musikdramatischen Duktus einer oratorischen Passion. Ganz neues Hinhören war gefordert.

Wohl vorbereitet, mit fein dosierter Dynamik und ansprechender Homogenität auch bei polyphoner Bewegung, stets präsent, dramatisch zupackend in den Turba-Chören (vom scharfen „Kreuzige ihn!“ übergangslos in sanften Choral) folgte die Kantorei der Liebfrauenkirche dem ruhigen, konzentrierten Dirigat ihres Kantors. Der Dialog des 60-köpfigen Klangkörpers mit den Solisten, die bei den Chorälen teilweise sogar die Choraufgaben übernahmen, erhöhte den szenischen Effekt der Erzählung von Leiden und Tod Jesu noch zusätzlich.

Herausragend die Solisten: Aljoscha Lennert sorgte in der Rolle des Evangelisten mit seiner ebenso einfühlsamen wie ausdeutenden Tenorstimme für Textverständlichkeit und spannenden Erzählfluss, die in Frankenberg besonders beliebte Sopranistin Marion Clausen setzte mit ihrer wunderschönen Arienstimme im Dialog mit den Violinen anrührende Akzente („O Golgatha!“) und Thomas Wiegand (Bass) füllte die auf Streicher-Akkompagnato hervorgehobene Jesus-Rolle mit würdevoller, in allen Registern ansprechender Deklamatorik. Weiteren Figuren der Passionsgeschichte verlieh Lena Naumann (Alt) effektvolle Konturen, und mit warmem Timbre gestaltete sie Arien und Choral („Wenn ich einmal soll scheiden“).

Florian Brauer (Tenor) zeichnete ein breites Gefühlsspektrum zwischen feiger Petrus-Lüge und klagender Verzagtheit („Wein’, ach wein’ jetzt um die Wette“). Zweimal hatte auch Sekunden lang Stille in dem Passionskonzert ihren Platz: Nach Jesu letzten Worten und Tod, dann nach dem „Amen“ des Schlusschorals.

Danach aber gab es lang anhaltenden, herzlichen Beifall für die Kantorei, das Barockorchester „La Visione“, die Solisten und Kantor Daniel Gárdonyi für die erfolgreiche Würdigung eines Werks, das nachhaltigen Eindruck hinterlassen wird.

Quelle: HNA

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