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Pflegekräfte im Frankenberger Kreiskrankenhaus schildern die Belastungen durch die Pandemie

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Von: Martina Biedenbach

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Corona-Station am Kreiskrankenhaus Frankenberg: Über die Arbeit und Erlebnisse der Pflegekräfte in Coronazeiten berichten (von links) die Stationsmanagerin Martina Holderith, Krankenschwester Katrin Schmitt und Pflegedienstleiterin Silvia Vesper. Zur Versorgung der Patienten muss Schutzausrüstung getragen werden.
Corona-Station am Kreiskrankenhaus Frankenberg: Über die Arbeit und Erlebnisse der Pflegekräfte in Coronazeiten berichten (von links) die Stationsmanagerin Martina Holderith, Krankenschwester Katrin Schmitt und Pflegedienstleiterin Silvia Vesper. Zur Versorgung der Patienten muss Schutzausrüstung getragen werden. © Martina Biedenbach

Seit März 2020 löste eine Corona-Welle die nächste ab. Was das für die Pflegekräfte einer Corona-Station bedeutet, schildern drei Krankenschwestern vom Kreiskrankenhaus Frankenberg.

Frankenberg – Ob Grippewellen oder ansteckende Durchfallerkrankungen – für die Pflegekräfte der Station III im Kreiskrankenhaus in Frankenberg gehörte der Umgang mit Infektionskrankheiten zur täglichen Routine – bis Corona auftauchte und das Team vor bisher nicht erlebte Herausforderungen stellte. Und vor eine Dauerbelastung, deren Ende nicht in Sicht ist – auch wenn die aktuelle Omikron-Welle nun abebbt.

Wie sie die Pandemie auf der Station III erleben, beschreiben Stationsmanagerin Martina Holderith (54) und Krankenschwester Katrin Schmitt (42) sowie die Pflegedienstleiterin Silvia Vesper (47) im Gespräch mit unserer Zeitung.

Pandemiebeginn

„Besonders schwierig war die erste Zeit. Es wusste ja niemand, was da auf uns zukommt“, sagt Martina Holderith. „Wir erlebten Patienten, die beim Eintreffen noch gut gehen konnten und die zwei, drei Stunden später um ihr Leben rangen.“

Die Station III wurde Corona-Station und betreut seither Infizierte – je nach Infektionsgeschehen zwischen zwei und 20 Patienten gleichzeitig. Die Arbeit in kompletter Schutzausrüstung mit Doppelmaske, Visier und Kunststoff-Kittel ist schweißtreibend und kräftezehrend. Bei jedem Zimmerwechsel muss die Schutzausrüstung gewechselt werden, was erheblichen Zeitaufwand für das auch schon vor Corona knappe Pflegepersonal bedeutet.

Die Pflegekräfte wurden am Beginn der Pandemie in vier Teams aufgeteilt, die keinen Kontakt miteinander haben durften, damit sie sich nicht gegenseitig infizierten. Auch von anderen Stationen musste Abstand gehalten werden, schildert Holderith. „Und wir machten uns große Sorgen, uns selbst und unsere Angehörigen anzustecken“, ergänzt Katrin Schmitt, die mit einer kleinen Tochter und den Eltern zusammenlebt. „Wir hatten ja die Bilder aus Italien mit den vielen Toten vor Augen.“

„Glücklicherweise haben die Hygiene- und Schutzmaßnahmen gegriffen. Es gab auf der Station keine einzige Pflegekraft, die sich nachweislich in der Klinik angesteckt hat“, betont Pflegedienstleiterin Silvia Vesper.

Anfangs dauerte es zwei Tage, bis die Ergebnisse der PCR-Tests aus den auswärtigen Labors eintrafen. So lange mussten Patienten wie Infizierte behandelt werden, auch wenn sie es vielleicht gar nicht waren. Erleichterung verschaffte dann die Möglichkeit, PCR-Tests im eigenen Labor auszuwerten. Jetzt kann man das Ergebnis nach zirka 70 Minuten erhalten.

Zweite Pandemiewelle

Als fast ebenso belastend wie die erste Pandemiewelle empfanden die Pflegefachfrauen die zweite Welle Ende 2020/Anfang 2021 – als sehr viele, meist vorerkrankte Patienten starben, sowohl auf der Isolierstation als auch auf der Intensivstation. Einige Patienten hatten in Patientenverfügungen festgelegt, dass sie keine intensive Behandlung wünschten.

„Wenn in den Medien von Pflegekräften in Coronazeiten berichtet wird, dann werden fast immer Bilder aus den Intensivstationen gezeigt, aber auch auf Stationen wie unserer ist die Belastung sehr groß“, sagt Holderith.

„Die Angehörigen durften die Patienten nicht besuchen. Wir Pflegekräfte begleiteten viele Menschen beim Sterben. Es war ja sonst niemand da.“ Eine große psychische Belastung für die Krankenschwestern, die zu den coronabedingten zusätzlichen Aufgaben noch hinzukam. Zum einen mussten sie mit den vielen Todesfällen selbst erst einmal klarkommen, zum anderen die Angehörigen informieren, deren Sorge und Trauer miterleben.

„Es tat auch uns weh, dass die Angehörigen sich nicht von den Sterbenden verabschieden konnten. Sie durften den Verstorbenen auch nicht mehr sehen“, ergänzt Katrin Schmitt. Der Bestatter musste die Leichname in einem Leichensack abholen, der Sarg wurde versiegelt, um sicherzustellen, dass er nicht geöffnet wird.

„Das waren traumatische Erlebnisse“, sagt Holderith. „Allerdings sind wir durch diese Erfahrungen als Team noch mehr zusammengewachsen. Wir haben uns gegenseitig gestützt“, sagen sie und Kollegin Schmitt. Dankbar sind sie auch der Klinikseelsorgerin Sabrina Niemeyer, die nicht nur für die Patienten da sei, sondern auch psychische Begleitung in Form von Gesprächsangeboten für das Personal mache.

Durch das Besuchsverbot fielen auch viele Hilfsleistungen weg, die sonst Angehörige oft für die Patienten erledigen, zum Beispiel das Anreichen von Essen und Getränken. Und insbesondere bei dementen Patienten habe die beruhigende Wirkung von vertrauten Personen gefehlt, schildern die Pflegekräfte.

Die Schutzimpfung

Mit der Zulassung von Schutzimpfungen kam etwas Entlastung in Sicht. Nach Weihnachten 2020 wurden zunächst sehr alte Menschen geimpft, am 21. Januar 2021 erhielten dann 84 Mitarbeiter des Kreiskrankenhauses die erste Impfung. Zuerst natürlich diejenigen mit direktem Kontakt zu Corona-Patienten. „Wir waren erleichtert“, sagen die Pflegekräfte.

Allerdings sorgte etwas später die erste Impfung mit dem Impfstoff Astrazenca zunächst kurzfristig für ein neues Problem: „Eine ganze Schicht fiel wegen der Impfreaktion mit starken Grippesymptomen einige Tage aus“, schildert Pflegedienstleiterin Silvia Vesper die Erfahrung mit dem damals neuen Impfstoff. Deshalb wurden bei den folgenden Terminen immer nur noch Teile eines Teams geimpft. Mittlerweile seien alle Kräfte auf der Station mehrfach geimpft.

Omikronwelle

Allerdings infizierten sich in Zeiten der hochansteckenden Omikron-Variante auch Mitarbeiter im privaten Bereich. „Wir können uns ja privat nicht von allem fernhalten. Auch wir brauchen mehr Normalität“, sagt Katrin Schmitt, deren Tochter als Erstklässlerin 2020 im Lockdown das ABC gelernt habe. Erst Homeschooling, dann Spätdienst, beschreibt sie den Alltag.

Wenn Pflegekräfte derzeit positiv sind, sich aber nicht krank fühlen, können sie nicht im Homeoffice weiterarbeiten wie in anderen Berufen. Auch das sorgt für mehr Lücken im Personalbestand als in anderen Bereichen.

„Wir Pflegekräfte müssen die ganze Coronazeit hindurch einen besonders hohen Beitrag leisten. Bis heute: Während überall Lockerungen stattfinden, gelten für unseren Berufsalltag viel strengere Regeln. Wir tragen immer noch FFP2-Masken, Schutzausrüstung bei der Versorgung der Corona-Patienten, weil es nötig ist“, sagt Stationsmanagerin Holderith.

Dauerbelastung

Die aktuelle Coronawelle ebbt ab. Doch wie das Infektionsgeschehen im Herbst weitergeht, ob es eine neue Welle gibt und was das für die Corona-Station bedeuten wird, das ist derzeit noch unklar. „Wir sind krisenerprobt, wir haben als Team noch mehr zusammengefunden“, ist ein Fazit der Pflegekräfte. Es sei hilfreich, dass man sich in einem kleinen Krankenhaus wie dem Frankenberger kenne. Doch es gebe auch hier wie im ganzen Land Kollegen, die die Dauerbelastung nicht mehr ertragen wollen und kündigen.

Von Martina Biedenbach

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