Pflegestärkungsgesetz tritt am 1. Januar in Kraft

Pflegeunterstützung wird individueller

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Viele pflegebedürftige Menschen brauchen Hilfe bei der Körperreinigung. Angehörige können das selbst übernehmen – oder von einem Pflegedienst machen lassen. Dafür steht ab dem neuen Jahr mehr Geld zur Verfügung.Archivfoto: Nadine Weigel

Frankenberg - Der Pflegebeitrag von Arbeitnehmern steigt im neuen Jahr. Dafür steht mehr Geld für Pflegebedürftige und deren Angehörige zur Verfügung. Davon profitieren laut Jochen Fett vom Pflegedienst des DRK vor allem Menschen, die ambulant gepflegt werden.

Erich und Anna Schmidt genossen ihren Ruhestand - jahrzehntelang haben sie gearbeitet, wollten jetzt ganz für die Enkel da sein. Nun ist Anna Schmidt ganz für ihren Mann da. Erich Schmidt hatte einen Schlaganfall, bleibt halbseitig gelähmt und benötigt für den Rest seines Lebens Hilfe im Alltag. Anna Schmidt steht vor einer Lebensaufgabe - und weiß nicht, wie sie diese bewältigen kann, wo sie Hilfe und wo sie Geld bekommt.

Solche Szenarien erlebt Jochen Fett, Pflegedienstleiter des Frankenberger DRK, regelmäßig in seinem Alltag. „Im Optimalfall liegt eine Eileinstufung in die Pflegestufe nach Aktenlage vor“, erklärt er. Wenn ein Patient wie Erich Schmidt dann aus der Reha kommt, sind eventuell nötige Umbauten schon fertig, ein Pflegebett, Rollator, Rollstuhl und Toilettenstuhl vorhanden. „Diese Hilfsmittel bekommt Anna Schmidt per Rezept vom Sanitätshaus“, erklärt Fett. Der Sozialdienst könne bei der Organisation helfen. Bezahlt werde diese Ausstattung. Bezahlt werden auch Windeln und 31 Euro für Pflegebedarf - etwa Einmalhandschuhe, Einmalwaschlappen oder Desinfektionsmittel. Ab Januar werden 40 Euro im Monat übernommen.

Kostenlose Pflegeschulung für die Angehörigen

„Wäre die Frau noch nicht in Rente, könnte sie sich zehn Tage Urlaub nehmen, um alles zu organisieren, wenn ihr Mann aus der Reha nach Hause kommt“, sagt Fett. Das funktioniere wie bei einem kranken Kind - die Krankenkasse übernimmt in diesem Fall die Lohnkosten. Diese Neuerung kommt mit dem Pflegestärkungsgesetz am 1. Januar 2015. „Wenn aber jemand wie Herr Müller stark eingeschränkt ist und mehrmals täglich Hilfe braucht, dann ist eine volle Berufstätigkeit des pflegenden Angehörigen kaum möglich.“

Laut Fett kann sich Anna Schmidt nun daheim schulen lassen. Ein Pflegedienst würde ihr zeigen, wie sie ihren Mann wäscht, ihn aus dem Bett in den Rollstuhl bewegt oder ihm auf die Toilette hilft. Auch das ist für Anna Schmidt kostenlos. „Dann hat sie zwei Möglichkeiten: Sie kann die Pflege ihres Mannes komplett selbst übernehmen - sie kann aber auch Hilfe bei der Pflege von einem ambulanten Dienst in Anspruch nehmen.“ Erich Schmidt hat Pflegestufe zwei, aber keine eingeschränkte Alltagskompetenz - etwa Demenz, psychische Einschränkungen oder eine geistige Behinderung. Seiner Frau stehen damit 440 Euro Pflegegeld im Monat zu. Ab Januar 2015 bekommt sie 458 Euro.

Sie kann jedoch auch auf das Pflegegeld verzichten und stattdessen Pflegeleistungen eines ambulanten Dienstes einkaufen, die sogenannte Pflegesachleistung - die Pflegeversicherung übernimmt im Fall von Familie Schmidt bisher 1100 Euro, ab Januar 1144 Euro. „Kauft sie Pflegesachleistungen für 550 Euro ein, hat sie nur 50 Prozent der Gesamtsumme in Anspruch genommen“, erklärt Fett. Dann bekommt Anna Müller am Ende des Monats noch 50 Prozent vom Pflegegeld - den bisher 440 Euro - ausgezahlt. Kauft sie Leistungen für 1300 Euro ein, muss Anna Müller die übrigen 200 Euro selbst zuzahlen.

Jochen Fett arbeitet mit 58 Angestellten im Bereich Pflege, Betreuung und Hauswirtschaft im ambulanten Pflegedienst des DRK. Zuständig sind sie regelmäßig für etwa 250 Pflegebedürftige zwischen Battenberg und Vöhl. Sie sind aber nicht täglich bei jedem Kunden im Einsatz. „Meistens ist es so, dass die Angehörigen sich viel bei unseren Pflegern abschauen, Tipps geben lassen - und sich nach und nach zutrauen, selbst mehr zu übernehmen.“ Dann verzichtet Anna Müller schon mal auf einen Besuch des Pflegedienstes am Wochenende oder abends, wäscht ihren Mann selbst, zieht ihn um und bringt ihn ins Bett.

Manchmal braucht ein pflegender Angehöriger Zeit für sich, muss zum Arzt oder selbst ins Krankenhaus. Die Pflegekasse übernimmt daher jeweils vier Wochen Verhinderungspflege - ab 2015 für 1612 Euro im Jahr - und Kurzzeitpflege. Bei der Verhinderungspflege kommt laut Fett ein Pfleger ins Haus, übernimmt das Waschen oder Ins- Bett-Bringen und für einige Stunden die Betreuung - „das kann auch ein gemeinsames Kochen sein oder ein Spaziergang“, erklärt Fett.

Anna Schmidt müsste so ihren geliebten Chorgesang nicht aufgeben und könnte weiter regelmäßig zu den Proben gehen - oder sorglos zum Zahnarzt gehen. Verhinderungspflege kann auch dann greifen, wenn Anna Schmidt sich einen Arm gebrochen hat - und sich nicht um die Pflege ihres Mannes kümmern kann.

Wenn Anna Schmidt ein paar Tage verreisen möchte, dann kann sie ihn für bis zu vier Wochen auf Kosten der Pflegekasse stationär zur Kurzzeitpflege aufnehmen lassen. „Ab Januar ist es möglich, nur zwei Wochen Kurzzeitpflege in Anspruch zu nehmen und dafür sechs Wochen Verhinderungspflege zu bekommen“, erklärt Fett. „So wird die Pflege individueller - aber die Regelungen komplizierter und verschachtelter.“ Fett selbst begrüßt das neue Gesetz, auch wenn die Erhöhung des Pflegegelds und der Pflegeleistungen bei dem Einzelnen nicht sehr hoch ist. Im Fall von Familie Schmidt wären es 44 Euro - dafür übernimmt das DRK beispielsweise zweimal das Baden von Erich Schmidt. „Durch das Gesetz wird die ambulante Pflege gestärkt.“

Regelmäßige Entlastung durch Betreuer

So ist etwa vorgesehen, dass jeder pflegende Angehörige künftig für 104 Euro im Monat über die Pflegedienste einen Betreuer in Anspruch nehmen kann - bisher gab es das nur für Menschen, die in ihrer Alltagskompetenz eingeschränkt sind. „Dadurch werden wir mehr Arbeit bekommen“, sagt Fett. „Die Angehörigen werden mehr entlastet.“

Fett rät dazu, dass Angehörige sich im Pflegefall über die Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung beraten lassen - das übernimmt etwa der Pflegestützpunkt in Korbach kostenlos, aber auch die Pflegedienste. Denn die Möglichkeiten seien vielfältig - und würden es mit dem neuen Gesetz noch mehr.

Hintergrund

Das Pflegestärkungsgesetz tritt am 1. Januar 2015 in Kraft. Es sieht vor, dass die Leistungen für Pflegebedürftige und deren pflegende Angehörige erhöht und flexibler werden. Für ambulante Leistungen stehen 1,4 Milliarden Euro, für stationäre Pflege eine Milliarde Euro mehr zur Verfügung. Finanziert wird dies über eine Erhöhung des Pflegebeitrags um 0,3 Prozentpunkte. Eltern zahlen künftig 2,35 Prozent, Kinderlose 2,6 Prozent. Zudem sollen Rücklagen gebildet werden, da mehr Pflegebedürftige erwartet werden. 2013 waren 2,48 Millionen Menschen pflegebedürftig (2000 waren es 1,8 Millionen). (pk)

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