Rezeptpflicht oder nicht?

"Pille danach" beim Experten holen

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Johannes Benner hat in seiner Eder- und der Löwenapotheke immer beide in Deutschland erhältlichen Präparate der „Pille danach“ auf Lager und verkauft sie vor allem im Notdienst.Fotos: Kutsch

Frankenberg - Die "Pille danach" ist ein sogenanntes Notfall-Verhütungsmittel: Sie kann den Eisprung verzögern oder unterbinden. Aber kann eine Frau ohne ärztlichen Rat entscheiden, ob sie die Tablette schlucken sollte? Der Bundesrat findet: Ja. Die meisten Frauenärzte sind jedoch dagegen.

„Es gibt keinen sinnvollen Grund, die Rezeptpflicht aufzuheben“, sagt der Frankenberger Gynäkologe Dr. Heinz Loth. Er sieht darin „eigentlich nur Nachteile“. Ohne Rezept erfolge keine Beratung der Patientinnen, das Präparat werde unreflektiert ausgehändigt. Was bisher die Fachärzte übernehmen, falle dann in die Zuständigkeit der Apotheker. Dabei geht es unter anderem darum, den Frauen die gesundheitlichen Risiken wie Thrombose, Übelkeit und Kopfschmerzen oder Auswirkungen auf den Zyklus zu erläutern. „Dafür haben wir Ärzte die Expertise, besonders bei solchen heiklen Vorgängen“, betont Loth.

Vor allem sei die Verordnung der „Pille danach“ nur sinnvoll, wenn die Patientin noch keinen Eisprung hatte. „Deshalb ist eine Zyklusanamnese wichtig“, betont der Frauenarzt. Denn die beiden Präparate, die auf dem Markt sind, verschieben den Eisprung und können ihn bis zu einem bestimmten Zeitpunkt unterbinden. „Je zeitnäher sie genommen werden, desto sicherer sind sie auch.“

Der Preis für die ältere „Pille danach“ („Pidana“) liegt bei 18,33 Euro. Sie muss bis 72 Stunden nach dem Ereignis eingenommen werden - und nur um dieses Medikament geht es in der aktuellen Diskussion um die Freigabe (siehe Kasten). „Dieses Präparat wird aber nicht favorisiert“, betont Dr. Loth, „das neuere ist das Präparat der Wahl. Es hat eine ganz andere Wirkung und ist deutlich sicherer“. Die „EllaOne“ kostet 35,72 Euro und kann bis zu 120 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Für diese Tablette wäre auch weiterhin ein Rezept notwendig.

Der Frankenberger Apotheker Johannes Benner gibt jedoch häufiger die „Pidana“ heraus. Oft verschreiben die Ärzte das günstigere Präparat, das bis zu drei Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden kann. „Die meisten Frauen kommen zeitnah in den ersten 12 bis 24 Stunden zu uns“, erklärt er. In der Eder- und der Löwenapotheke hat das Team von Benner immer beide Präparate vorrätig.

Die „Pille danach“ gibt keine hundertprozentige Sicherheit: Sollte der Eisprung schon stattgefunden haben und eine Eizelle befruchtet sein, habe das Präparat darauf keine Auswirkung, erläutert Dr. Heinz Loth. Eine mögliche Schwangerschaft werde nicht beeinflusst. Deshalb sei die „Pille danach“ auch keine Abtreibung. Der Apotheker erklärt, dass die „Pille danach“ aber nicht eingenommen werden darf, wenn vielleicht schon eine Schwangerschaft besteht.

Das Notfalltherapeutikum darf laut dem Inhaber der Eder-Apotheke auch bei Frauen verabreicht werden, die jünger sind als 18 Jahre - und ohne das Wissen ihrer Eltern. Das Präparat werde generell gut vertragen, die häufigste Nebenwirkung sei jedoch Übelkeit. „Wenn die Frau innerhalb der ersten drei Stunden erbricht, dann muss gegebenenfalls eine zweite Tablette genommen werden“, erklärt Benner. Daher sei ein Gespräch mit dem Arzt vor der Einnahme wichtig. „Die ‚Pille danach‘ ist ein Notfalltherapeutikum und sollte daher verschreibungspflichtig bleiben“, betont Benner im Gespräch mit der FZ. „Sonst sind Tür und Tor für unsachgemäßen Gebrauch geöffnet.“ Beispielsweise könnten Frauen sich die „Pille danach“ für den Notfall zuhause auf Vorrat hinterlegen - und sparen sich die Beratung durch Arzt oder Apotheker dadurch völlig. „Dabei geht es nicht nur um ungewollte Schwangerschaften, sondern auch um die Information über Geschlechtskrankheiten“, sagt Benner. Darüber hinaus sei die Hormondosis viel höher als bei der Antibabypille: „Es ist absolut nicht anzuraten, die ‚Pille danach‘ häufiger zu nehmen.“

Im Durchschnitt verschreibe Loth das Medikament ein- bis zweimal pro Woche, sagt der Arzt auf Nachfrage der FZ. Die meisten Frauen kämen montags mit diesem Anliegen in seine Praxis. Die häufigsten Gründe sind laut Loth das Vergessen der Anti-Baby-Pille, Unregelmäßigkeiten im Zyklus und gerissene Kondome.

In der Frankenberger Eder- und der Löwen-Apotheke hingegen holen sich die meisten Frauen das Notfallpräparat während des Notdienstes in der Nacht und am Wochenende. Das hängt laut Benner aber nicht unbedingt mit Feiern und Alkohol zusammen. „Es liegt eher in der Natur der Sache, dass es nachts, abends und am Wochenende häufiger zum Geschlechtsverkehr kommt“, vermutet er. In der Woche verkaufen die beiden Apotheken eine der beiden „Pillen danach“ durchschnittlich 20 Mal.

Nach Angaben des Frankenberger Gynäkologen wird die Freigabe der „Pille danach“ immer wieder diskutiert, vor allem, weil sie im europäischen Ausland teilweise frei verkäuflich ist. „Es gibt dagegen in der Ärzteschaft eine breite Basis“, sagt Loth. Dabei spiele die Abrechnung für die Ärzte keine Rolle. „Gebühren fallen da nicht an“, sagt Loth. Bis zum 20. Geburtstag sei Notfallverhütung ohnehin kostenfrei. Allerdings wird die „Pille danach“ nicht nur jüngeren Patientinnen verschrieben, sondern Frauen jeden gebärfähigen Alters. „Sie sollten keine falsche Scheu zeigen, sondern im Notfall zum Arzt gehen und sich ein Rezept holen“, sagt Benner. „Wir unterliegen alle der Schweigepflicht.“

Von Andrea Pauly

und Patricia Kutsch

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