Frankenberger Lions

Pinkel, Grünkohl und Nächstenliebe

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Seit zehn Jahren ein eingespieltes Team: Das Frankenberger DRK liefert Grünkohl und Pinkel, während die Mitglieder der Lions ihren 140 Gästen das Essen servieren.Fotos: Patricia Kutsch

Frankenberg - Zum deftigen Abendessen haben die Lions den 140 Besuchern des schon traditionellen Grünkohlessens tiefgründige Gedanken serviert: Der Vorsitzende des Rates der evangelischen Kirchen Dr. Nikolaus Schneider gab biblische Impulse zu einem lebensfreundlichen Menschenbild.

Das „Wohnzimmer“ der Stadt war schon zwei Wochen zuvor ausgebucht: Die Gäste des Grünkohlessens mussten an den langen, in den Lions-Farben blau und gelb dekorierten, Tafeln in der Rathausschirn eng zusammenrücken. Viele Reservierungen konnten die Frankenberger Lions laut ihrem Zeremonienmeister Dr. Dietrich Tripp gar nicht annehmen. Auch im zehnten Jahr erfreute sich der deftige Schmaus im historisch-rustikalen Ambiente am Obermarkt großer Beliebtheit.

„Das entspricht ja schon mal einem Ziel der Kirchen, dass die Gesellschaft zusammenrückt“, sagte Tripp, als er den Gastredner des Abends vorstellte. Zwei Tage zuvor noch an der Technischen Universität in Berlin, sprach Dr. Nikolaus Schneider am Samstag in Frankenberg über Glauben und sein Menschenbild. Schneider ist der Nachfolger von Margot Käßmann als Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Ein kleiner Club und Lions sei ein Umfeld, in dem Schneider sich auskenne. Deswegen habe er sofort zugesagt, die Festrede zu übernehmen. Allerdings wusste er damals noch nicht, dass es Grünkohl gab, und zwar vor seinem Vortrag. „Eigentlich heißt es ja: Erst die Arbeit, also Zuhören, und dann das Vergnügen, also Essen“. Aber auch wenn die Gäste von Grünkohl und Pinkel gut gesättigt waren, hatte der prominente Festredner die ungeteilte Aufmerksamkeit. Mit Humor und lockeren Worten hielt er einen tiefgründigen Vortrag.

Zwei Grundimpulse brachte Schneider mit: Der Mensch habe Demut und zugleich Selbstwertgefühl allein durch die Erkenntnis, dass er ein Geschöpf Gottes sei. Und der Mensch sei ein von Gott begleitetes Geschöpf. „Gott ist kein Voyeur“, betonte Schneider. Er beobachte den Menschen nicht zur Kontrolle, sondern aus Liebe.

Die Frankenberger Lions haben laut Schneider, der auch Präses der rheinischen Landeskirche ist, einen Satz auf ihrer Internetseite, den er direkt für seine nächste Predigt klauen könnte: „Leben ist ohne Nächstenliebe sinnlos“. Denn jeder lebe in Verantwortung für die Mitmenschen und die Welt.

Der Zeremonienmeister stellte den Schneider als Menschen mit „erstaunlicher Überzeugungskraft“ und „kritischen Thesen“ vor: So ist der Vorsitzende des evangelischen Kirchenrats nicht nur kritisch seiner Kirche gegenüber, sondern ist für Straffreiheit bei Sterbehilfe in bestimmten Fällen und fordert das Existenzminimum für alle Mitmenschen.

Die Lions bescherten ihren Gästen am Samstag nicht nur einen tiefgründigen Abend, sondern auch einen unterhaltsamen. Nach dem deftigen Essen, für das wieder das Frankenberger DRK sorgte, gab es leichte Kost: Der Männerchor „Total Vocal“ aus Niederasphe unterhielt das Publikum mit „My Land“ und „You raise me up“ von Rolf Lovland. Mit ihrer lockeren Interpretation von „Du passt so gut zu mir wie Zucker zum Kaffee“ von den Comedian Harmonists begeisterten die Sänger. Für Erheiterung sorgten sie mit „Ich wäre so gerne ein Tenor“, ein Lied, das den Bass-Sängern galt.

Mit dem Grünkohlessen und der zugehörigen Eiswette sammeln die Frankenberger Lions seit 2004 Geld für gute Zwecke in der Region. Bürgermeister Rüdiger Heß erklärte, dass es das erste deutsche Grünkohlessen 1545 in Bremen gab. Kaufleute und Kapitäne trafen sich zum gemeinsamen Schmaus. „Heute sind auch viele Kapitäne in der Schirn, die sich zusammentun und Gutes tun.“

Zeremonienmeister Tripp sagte, dass die Eiswette eine Bremer Tradition sei. Sie entstand, als 18 Herren am 6. November 1828 gewettet haben, ob die Weser am Dreikönigstag im Januar gefroren ist oder nicht. Noch heute nehmen die Bremer jedes Jahr am 6. Januar eine Probe.

Bei der Frankenberger Eiswette muss niemand über die Eder laufen, um deren Zustand zu testen. Die Lions holen die Eiswette in die warme Schirn. Dort stand am Samstag ein Eisblock in der Mitte des Saals. Darin war ein 100-Euro-Schein eingefroren. Für einen Wetteinsatz von zehn Euro durften die Besucher wetten, zu welcher Uhrzeit der Zeremonienmeister den Schein aus dem Eis befreien kann.

Um 22.10 Uhr war es soweit. Allerdings hatte keiner der Gäste diese Uhrzeit getippt. Dafür gab es gleich drei, die auf 22.11 Uhr getippt haben, und sich den Sieg teilen durften. Weil sich ein 100-Euro-Schein schlecht durch drei teilen lässt, ließen sich die Sieger Jasmin Otto, Achim Roth und Oliver Arnold sich von Tripp überzeugen, das Geld zu spenden und stattdessen Lions-Wein mit nach Hause zu nehmen.

Lions-Präsident Adam Daume freute sich, dass das Grünkohlessen seit zehn Jahren von einem „willigen und spendierfreudigen Publikum“ gut angenommen werde. Daher binden sich die Lions gerne die Schürze um und bedienen ihre Gäste mit Grünkohl, Wein und einem hochprozentigen Weizenkorn aus Bremen.

Daume berichtete den Gästen, welche Projekte die Lions mit den Spenden Geld unterstützen: Dazu zählen etwa die „Frankenberger Kinderakademie“ oder eine Gesundheitsförderung für Grundschüler, aber auch die „Teddyklinik“ in der Ederberglandhalle.

Zum ersten Mal ließ sich der Bundestagsabgeordnete Edgar Franke den Grünkohl der Lions schmecken. Zu Gast waren auch die Landtagsabgeordnete Claudia Ravensburg, Dekanin Petra Hegmann und ihre Korbacher Kollegin Eva Brinke-Kriebel, sowie befreundete Serviceclubs.

Neben dem zehnten Grünkohlessen feiern die Lions in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag. Daume kündigte ein Fest für den 24. Mai im Schreufaer Dampfmaschinenmuseum an.

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