Landschaftsbeirat legt Magistrat ein Begrünungskonzept für die Altstadt vor

Platanen pflegen, aber nicht neu pflanzen

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Frankenberg - Erhalt geht vor Ersatz. Und der besondere alleeähnliche Charakter auf Ober- und Untermarkt soll unter allen Umständen erhalten werden. Diese beiden zentralen Botschaften hat eine Arbeitsgruppe des ehrenamtlichen Landschaftsbeirats in ihrem Begrünungskonzept für die Frankenberger Altstadt formuliert.

Nicht nur das Rat-
und das Steinhaus, die Liebfrauenkirche oder die Fachwerkge-bäude, sondern auch die Platanen tragen zur besonderen Kulisse der Frankenberger Altstadt bei. Und vermutlich aus exakt diesem Grund schlugen die Wellen auch hoch, als im Frühsommer 2011 zwei Platanen auf dem Untermarkt, direkt vor dem Hotel „Die Sonne Frankenberg“, gefällt wurden. Bei den regelmäßigen Baumkontrollen hatte der Betriebshof „starke Totholzbildung“ in den Kronen festgestellt, „eine Fällung aus Gründen der Verkehrssicherheit war unumgänglich“, erinnerte Bürgermeister Rüdiger Heß am Montagabend in der dritten Sitzung des Landschaftsbeirates.

Wenig später, im Juni 2011, rückte der Betriebshof erneut mit der Motorsäge an: An zwei Bäumen am Untermarkt sowie einem Baum vor dem Steinhaus wurden geschädigte Triebe entfernt. Die Folge ist bekannt: Die Empörung war groß, die Baumpflege wuchs sich zu einem hitzig diskutierten politischen Thema aus, verschiedene Gutachten, zum Teil von der Stadt in Auftrag gegeben, zum Teil aber auch nicht, befassten sich mit der Notwendigkeit der Fällung und den Gründen für die vermeintliche Erkrankung der Bäume. Ende November 2011 wurden schließlich alle Platanen in der Altstadt erneut kontrolliert: Eine Baumpflegefirma lichtete die Kronen aus und entfernte geschädigte Triebe. Die Stadtverordnetenversammlung beauftragte schließlich den Magistrat mit der Erstellung eines Begrünungskonzepts für den Unter- und Obermarkt.

Das liegt seit Montag vor. Erarbeitet hat es eine neu gegründete Arbeitsgruppe des Landschaftsbeirates, einem Beratungsgremium des Magistrats – das in der vergangenen Legislaturperiode zunächst als Debattierclub abgetan und später gar nicht mehr einberufen wurde, beim Thema Begrünungskonzept allerdings als Expertenrunde agiert hat. „Ich finde des toll, dass sich die Mitglieder ehrenamtlich so einbringen. Allen gebührt mein Dank“, sagte Heß.

Kein kompletter Kahlschlag

Die Arbeitsgruppe besteht aus Frank Seumer vom NABU Frankenberg, Frank Röbert von Hessen-Forst, Karsten Dittmar vom Stadtbauamt sowie Martin Hecker und Stefanie Neussel vom Betriebshof. Seit Juli haben sie insgesamt sechsmal getagt, um aktuelle wissenschaftliche Daten zusammenzutragen, sogenannte Straßenbaumlisten auszuwerten, sich die Konzepte anderer Städte anzusehen und einen Vorschlag für den Frankenberger Ober- und Untermarkt zu erarbeiten. Aussagen trifft es außerdem zu Baumstandorten in den Gassen der Altstadt. „Damit wird dem Sachverhalt Rechnung getragen, dass auch die dortigen vornehmlich Rotdornbäume zunehmend Krankheiten und Vegetationsprobleme aufweisen“.

Die AG hat nach für Frankenberg geeigneten Baumarten gesucht. Kriterien sind:

  1. Wuchsform, Kronenbildung (Schattenbildung, Lichtdurchlässigkeit)
  2. Robustheit, Stadtklima (Frostbeständigkeit, Salzempfindlichkeit, Hitzebeständigkeit, Trockenresistenz, Krankheitsanfälligkeit)
  3. Künftiger Unterhaltungsaufwand
  4. Artenvielfalt (zur Risikostreuung, um bei Ausfall einer Baumart durch Krankheiten oder Klimaveränderungen keinen Totalausfall zu haben).

In der Sitzung des Landschaftsbeirates präsentierte Dittmar die von der AG empfohlenen Baumarten. Und nach kurzer Diskussion stand am Montagabend fest, dass der Amberbaum (Liquidambar styraciflua/siehe auch Hintergrund) die geeignete Sorte ist. Gepflanzt wurde der Amberbaum unter anderem in der Kasseler Innenstadt – mit gutem Ergebnis.

In Frankenberg soll er vorerst als Ersatz für die vor dem Hotel „Die Sonne Frankenberg“ gefällten Platanen sorgen. „Im Frühjahr soll diese Lücke geschlossen werden“, empfiehlt die Arbeitsgruppe. Sie rechnet mit Gesamtkosten in Höhe von 27  000 Euro. Und diesen Vorschlag will Bürgermeister Heß den Stadtverordneten in ihrer Sitzung am 8. November mit der Vorlage des Begrünungskonzepts präsentieren. Im Frühjahr 2014 sollen die Birken und Linden im hinteren Abschnitt des Untermarkts durch vier Amberbäume ersetzt werden. Kosten: 32  000 Euro. Sollten, trotz der Pflege, in den nächsten Jahren auf dem Unter- oder Obermarkt weitere Platanen gefällt werden müssen, würden ebenfalls Amberbäume nachgepflanzt. Dittmar stellte jedoch klar: „Erhalt geht vor Ersatz, und auch der alleeähnliche Charakter soll erhalten werden.“ Erst wenn dieser gefährdet sei, sollte der komplette Abschnitt durch junge Amberbäume ersetzt werden. Momentan stehen auf dem Untermarkt noch drei Fünfer-Reihen. Nachgepflanzt würde erst, wenn in einer Reihe mindestens drei Platanen gefällt werden müssen.Wichtig ist der AG zudem, dass pro Quartier (Unter- und Obermarkt, Stein-, Schmiede- und Steubergasse) nur eine Baumart nachgepflanzt wird – um ein einheitliches Bild zu gewährleisten. Als eine Alternative empfiehlt die AG die Gleditschie.

Das Begrünungskonzept sieht weitere Bausteine vor:

  1. Aktuell: Reduzierung der Kronen der Platanen über den Normwert hinaus, um den Bedürfnissen des Wasserhaushaltes der Bäume sowie dem Anliegen der Anwohner nach weniger Schattenbildung durch die Platanen Rechnung zu tragen.
  2. Alle zwei Jahre Kronenauslichtung der Platanen (Ober-/ Untermarkt im Wechsel). Kosten: 150 Euro pro Baum/Jahr.
  3. Entsiegelung der Baumscheiben, soweit möglich (Kopfbereiche der Marktplätze; etwa Bioladen am Untermarkt und Bank am Obermarkt). Mit Unterstützung des Betriebshofes hat die Naturschutzjugend bereits an anderen Stellen in Frankenberg unentgeltlich Pflaster entfernt. Das Konzept sieht Pflanzbeete statt Kübel vor.
  4. Ersatz der krankenden und nicht standortgerechten Rotdornbäume in den Gassen.

Hintergrund:

Der Amberbaum

Der Amerikanische Amberbaum (Liquidambar styraciflua), auch Seesternbaum genannt, ist eine Laubbaumart und kommt in Nordamerika häufig in Auwäldern vor. Der Lebensraum des Amerikanischen Amberbaums erstreckt sich von New York bis Nicaragua. Dort wird der Amberbaum auch stark forstwirtschaftlich genutzt. Der Seesternbaum wird in Europa seit 1688 als Zierbaum angepflanzt. Es gibt einige Kulturformen. Der Amerikanische Amberbaum ist ein sommergrüner Baum, der Wuchshöhen von bis zu 45 Meter (in Mitteleuropa 10 bis 20 Meter) erreicht und einen kegelförmigen Wuchs besitzt. Die Rinde ist zunächst rotbraun, später graubraun; am älteren Holz bilden sich Korkleisten. Das Laub ist ahornähnlich, handförmig fünf- bis siebenlappig, etwa 10 bis 15 Zentimeter lang und nahezu ebenso breit. Wenn man die Blätter zerreibt, verströmen sie einen angenehmen süßlichen Duft. Bekannt ist der Amerikanische Amberbaum für seine farbenprächtige Herbstfärbung. Bei Verwundung tritt am Baum ein Saft aus, der früher in den USA zur Kaugummiherstellung genutzt wurde – daher stammt die gängige Bezeichnung „American Sweetgum“. Das Holz des Amberbaums erinnert an Walnussholz und zeichnet sich durch einen anhaltenden würzigen Duft aus. Quelle: Wikipedia

Von Rouven Raatz

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