Kabarettist Thilo Seibel im alten battenberger Rathaus

Politik und viele andere Albernheiten

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Ein Mann mit vielen Gesichtern und einer Mission: Thilo Seibel möchte den Irrsinn des politischen Betriebs aufdecken – mit ebenso viel Irrsinn.

Battenberg - Wenn Thilo Seibel aufdreht, bleiben wenige Augen trocken. Der Kölner Kabarettist war am Wochenende zu Gast in Battenberg - leider drehte er zu selten auf.

Ausgerechnet ein Zuhörer war es, der am Samstagabend in alten Battenberger Rathaus die meisten Lacher auf seiner Seite hatte. Der Kabarettist Thilo Seibel redete über die Euro-Rettung und andere teure Dinge, fragte plötzlich „Wofür geben Sie denn gerne ihr Geld aus?“. Aus einer dunklen Ecke kam trocken und knapp: „Meine Frau“. Das Publikum gröhlte und klatschte, Seibel grinste und die Angesprochene versuchte peinlich berührt in der Wand zu verschwinden, an der sie lehnte. Der Höhepunkt eines Abends der pointierten Witze und ausgelassenen Albernheiten, der stellenweise seine Längen hatte.

Thilo Seibel ist als spitzzüngiger Kabarettist bekannt, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er die politische Kaste attackiert, manchmal beleidigt. Er zeichnete sein ganz eigenes Bild von der Wirklichkeit, entführte die Battenberger - schauspielerisch durchaus sehenswert - in die wirre Welt seiner Phantasie: Merkel und Sarkozy an der französischen Atlantikküste. Der „Louis de Funès“ der Politik, dessen Nachnamen Seibel bewusst aussprach wie die säuerliche, orale Tätigkeit bei Magen-Darm-Beschwerden, und die emotional minderbemittelte Analytikerin im Gespräch. Großartig, wie Seibel den kleinen Franzosen wild gestikulierend trifft - ebenso die Kanzlerin mit den Händen als Dreieck vor dem Bauch, die Mundwinkel in der Nähe des Bauchnabels. „Sarkozy wollte den längsten Hebel von allen“, sagte Seibel, wechselte in einen de-Funès-Singsang und fügte an: „Oh, mirr geeht gleisch de Schirm aouf“. So wurde Europa gerettet, zeigte sich Seibel überzeugt - das Duo Merkel-Hollande hingegen habe „das überschäumende Temperament eines Hans Eichel“.

Exportmeister in der Krise

Doch bei Albernheiten blieb es nicht. Seibel blickte dorthin, wo andere bewusst wegschauen: „Wir sind in der Krise Exportweltmeister, meine Damen und Herren“, rief er in den vollen Rathaussaal und erklärte zugleich, warum: „Diese ganzen Hilfen, das sind riesige Hermes-Bürgschaften für die Deutsche Wirtschaft“. Wenig verwunderlich sei es, dass im griechischen Gesundheitssystem rund 1,3 Milliarden Euro eingespart werden müssten, beim Militär aber nur 0,3 Milliarden. „Griechenland leistet sich, gemessen an der Bevölkerungszahl, das größte Militär Europas“, klärte er die Battenberger auf. Hauptlieferant für militärische Güter: die Bundesrepublik.

Auch innenpolitisch wurde Seibel deutlich; fragte etwa, wofür es einen Verfassungsschutz gäbe, wenn es nicht einmal eine Verfassung gibt. „Wir haben nur ein Grundgesetz und dass kann man offenbar grundlos ganz grundlegend ändern“, rief er - und meinte den ermöglichten Einsatz der Bundeswehr im Inneren. „Warum? Ich habe noch nie bei einer Verkehrskontrolle Panzer vermisst“, scherzte Seibel. Dann entwarf er einen kühnen Plan: „Die Bundeswehr leistet Großes im Ausland. Wenn sie dort eine funktionierende Polizei aufbauen können, warum dann nicht auch in Thüringen“, fragte der Kabarettist und begann sogleich freudig, in dem Sumpf aus Kompetenzstreitigkeiten, Intrigen und Unfähigkeiten rund um die Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ herumzustochern. Dafür, dass die Sicherheitsbehörden nach derartigen Skandalen immer mehr Daten einfordern, hatte er nur Spott übrig: „Das ist, als wenn man die Nadel im Heuhaufen sucht und zur Arbeitserleichterung noch mehr Heu ordert.“ So blieb für die gesamte politische Kaste nur eine Beschreibung: „Die Linke will niemand hören, die SPD hat nichts zu sagen, bei den Grünen kann nur Jürgen Trittin reden und den hört keiner, weil Claudia Roth dazwischenplappert. Die FDP brüllt immer nur ‚Steuersenkung‘ und bei der CDU: Kauderwelsch“.

Harry Meissner langweilt

Schwach wurde das Programm, wenn Seibel anfing, zu reimen. Auch dort bleib er frech und bissig, doch er ordnete die Pointe dem Reim unter - weshalb sie meist auf halber Strecke versackte. Ebenso sprang der Funke kaum über, wenn Seibel in die Rolle des rheinischen Handwerkers Harry Meissner schlüpfte, der in Berlin „Politik am Abflussrohr der Macht“ erlebt. Dessen Beobachtungen waren absurd - aber nicht so absurd, als dass man sie deutschen Politikern nicht ohnehin zutrauen würde.

Besser seine Parodie von EU-Energiekommissar Günther Oettinger, der durch sein Stammel-Englisch auffällt: „Der muss in Brüssel nicht nur Englisch reden, sondern auch Scheiße“, sagte Seibel und setzte zur Kritik an der Energiepolitik an. Es folgten Tiraden über die Jugendlichkeit der „39-Plusser“, die Bildungspolitik, den Berliner Großflughafen sowie Männer und Frauen. Dabei ließ er sogar kurz seine Paraderolle durchblitzen, in der ihn die meisten Hessen kennen: Bruce Willis aus der HR3-Comedy „Bruce“. Ein Glanzpunkt kurz vor Ende des Programms.

von Malte Glotz

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