Expertendiskussion zum IHK-Jahresthema „Energie und Rohstoffe für morgen“ bei Viessmann in Allendorf

Puttrich: „Nicht die drei Affen machen“

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Eine Bilanz der im vergangenen Jahr eingeläuteten hessischen Energiewende zogen am Dienstagabend auf Einladung der IHK Kassel bei Viessmann in Allendorf, von links: Viessmann-Generalbevollmächtigter Manfred Greis, Energieministerin Lucia Puttrich, Moderator Andreas Horchler, Dr. Hermann Hüwels vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag, Dr. Bernhard Rau von der Eisengießerei Fritz Winter in Stadtallendorf und Prof. Jens Hesselbach von der Universität Kassel.

Allendorf (Eder) - Ein Plädoyer für die Fortsetzung des eingeschlagenen Weges hat die hessische Energieministerin Lucia Puttrich beim IHK-Expertengespräch zur Energiewende gehalten. Wer sage, im ersten Jahr nach dem Hessischen Energiegipfel sei nichts passiert, „der verhält sich wie die drei Affen“, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen wollen.

Die hessische Landesregierung habe sehr wohl einen Masterplan und verfolge diesen auch konsequent, erklärte Puttrich in der Diskussionsrunde am Dienstagabend bei Viessmann. Wichtig sei, die Energiewende in vernünftigen Schritten zu vollziehen. „Wir wollen sie klug und bezahlbar machen.“ Ihrer festen Überzeugung nach falle die erste Bilanz nach einem Jahr deshalb auch positiv aus. Das Land informiere, berate und fördere, sagte sie und verwies auf Beispiele.

Vielmehr sei der in Deutschland weit verbreitete Missmut das Problem. „Die Energiewende ist ein Prozess, der Generationen dauert.“ Erforderlich sei ein guter Geist, der gemeinsame Glaube an den Erfolg und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. 95 Prozent der Bundesbürger seien für den Ausbau der erneuerbaren Energien. „Aber wenn man möchte, dass sich die Welt verändert“, müsse jedermann auch bewusst sein, „dass sie später anders aussieht“, sagte sie und spielte damit vor allem auf die steigende Zahl an Windkraftanlagen an. Ohne Frage: Der Weg sei nicht schmerz- und erst recht nicht kostenfrei. „Die Chancen sind aber riesengroß, auch wenn sie nicht folgenlos sind.“

Wärmemarkt in den Fokus

Fälschlicherweise sei die Diskussion zunächst auf Strom reduziert worden. „Doch die Energiewende ist mehr als nur die Entwicklung der Strompreise.“ Ein viel stärkerer Fokus müsse auf dem Wärmemarkt liegen, betonte die Staatsministerin. Den Ball nahm der Generalbevollmächtigte von Viessmann, Manfred Greis, dankend auf. Schon beim nationalen Energiegipfel 2006 sei offensichtlich geworden, dass der Wärmemarkt fatalerweise in den Überlegungen keine Rolle gespielt habe. „Dabei wird 40 Prozent der Endenergie im Wärmemarkt benötigt.“ Doch die Wärmeerzeuger, also die Heizungen, seien total veraltet. Nur 20 Prozent der Anlagen könnten als effizient bezeichnet werden. „Dabei ist die Technologie längst vorhanden.“ Allein durch Energieeinsparungen im Gebäudebestand könnte die „Atomstromlücke geschlossen werden“.

Greis, der bei der Diskussion den erkrankten IHK-Präsidenten Dr. Martin Viessmann vertrat, warnte jedoch davor, im Wärmemarkt einen ähnlichen Fehler wie im Strommarkt mit der Einführung des EEG, des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, zu machen: also eine staatliche Förderung über eine Umlage zu finanzieren. Statt millionenschweren Förderprogrammen, etwa über die KfW, die Kreditanstalt für Wiederaufbau, sei die Möglichkeit von steuerlichen Vergünstigungen für Immobilienbesitzer „viel einfacher“ zu vermitteln, erklärte Greis.

Dass Industrie und auch der Handel die Energiewende zum Teil sehr kritisch bewerten, stellte der IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Walter Lohmeier in seiner Eröffnungsrede heraus. Die Sorge sei weit verbreitet, dass die Umstellungen die Energiekosten immer weiter in die Höhe treiben würden. Deutschland stünde vor gewaltigen Herausforderungen, denn der Industriestandort dürfe keinen Schaden nehmen. Doch dies tue er in Teilen bereits, berichtete Dr. Hermann Hüwels, DIHK-Bereichsleiter Umwelt, Energie, Rohstoffe. Es würden sich die Meldungen häufen, dass vor allem Mittelständler in ihrer Wettbewerbsfähigkeit durch die steigenden Energiepreise erheblich beeinflusst würden. Der Anstieg der Stromkosten schlage bei Unternehmen in sechsstelligen Euro-Beiträgen zu Buche.

„Ein unbezahlbares Gut?“

Und auch Moderator Andreas Horchler, Journalist des Hessischen Rundfunks, berichtete von der Furcht von Unternehmern, dass Energie „zum unbezahlbaren Gut wird“. Längst seien die gestiegenen Energiekosten bei den Unternehmen angekommen, aber auch die Unsicherheit, sagte Prof. Jens Hesselbach von der Universität in Kassel. Vor allem die Unkalkulierbarkeit sei die große Sorge der Wirtschaft. Dies bestätigte Dr. Bernhard Rau, Leiter Energiewirtschaft bei der Eisengießerei Fritz Winter in Stadtallendorf. Nicht die Entstehungskosten, sondern acht bis zehn weitere Kosten, die auf den Preis aufgeschlagen würden, „bringen die Unsicherheit“.

2003 belief sich die EEG-Umlage auf 0,41 Cent pro Kilowattstunde, 2009 waren es 1,13 Cent, für nächstes Jahr sind 5,2 Cent angekündigt - rechnerisch kommen allein auf einen vierköpfigen Haushalt Mehrkosten von 60 bis 80 Euro im Jahr zu. Und nach Ansicht von Hüwels ist das Ende noch nicht absehbar. „Denn die Offshore-Anlagen in der Nordsee kommen in Zukunft ja noch hinzu.“

Auch Puttrich machte keinen Hehl daraus, dass sie mit der aktuellen Regelung unzufrieden ist. Das Problem der EEG-Umlage sei schon bei der Einführung die fehlende Deckelung gewesen. „Die Kugel am Bein ist jetzt da und wir müssen sie mit uns herumschleppen.“ Überzeugt sei sie allerdings, dass nach der Bundestagswahl 2013 das EEG „angepasst werden muss“.

Ausstieg aus Kernenergie

Die gestiegene EEG-Umlage ist in der Zwischenbilanz des DIHK allerdings nur ein Aspekt auf der Negativseite. Denn ursprünglich sollte die Umlage bis 2020 nur auf maximal 3,5 Cent pro Kilowattstunde steigen.Ebenfalls verfehlt würden nach aktuellem Stand die Ziele, den Wärmebedarf um 20 Prozent zu reduzieren, den Stromverbrauch um zehn Prozent zu senken, die Kraftwerkskapazitäten und die Übertragungsnetze auszubauen. Auf der Plus-Seite stünden lediglich der Ausstieg aus der Kernenergieund die Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien auf 35 Prozent. Die Prioritätenliste des DIHK umfasst vier Punkte: den Leitungsausbau vorantreiben, die Belastungen durch das EEG reduzieren, das Versorgungsrisiko minimieren und den Dialog mit den Nachbarn führen, denn die Energiewende mache weder an den Grenzen der Bundesländer, noch an den deutschen Grenzen halt.

„Deutschland schafft das“

Greis mahnte, nicht auf die für die Jahre 2020 oder 2050 definierten Ziele zu blicken, sondern sofort loszulegen: „Wir bei Viessmann haben die Energiewende vollzogen“, erläuterte er die Rahmendaten des strategischen Nachhaltigkeitsprojekts „Effizienz Plus“. Dies sei der Beweis: „Es geht, wenn man will.“ Und diese Einschätzung sei im Übrigen auch im Ausland bei der Bewertung der deutschen Energiepolitik weit verbreitet. Das Wort Energiewende sei bereits in den englischen Sprachschatz aufgenommen worden, berichtete er. Der eindeutige Tenor: „Wenn es jemand hinkriegt, dann die Deutschen.“

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