Neonazi-Dokumentation "Blut muss fließen" in Frankenberg gezeigt

Rechte Musik als "Einstiegsdroge"

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Der Regisseur des Films „Blut muss fließen“, Peter Ohlendorf, stand am Dienstagabend den wenigen Zuschauern bei der öffentlichen Vorführung Rede und Antwort.

Frankenberg - Es sind erschreckende und beklemmende Bilder: Männer und Frauen zeigen den Hitlergruß, skandieren volksverhetzende Ausrufe und singen Lieder mit extrem ausländerfeindlichen Texten - in einem Ort, der rein optisch auch im Frankenberger Land liegen könnte.

So beginnt der Film „Blut muss fließen“, der am Dienstag insgesamt acht Mal in Frankenberg gezeigt wurde - drei Mal in der Burgwaldkaserne, vier Mal in der Kulturhalle und ein weiteres Mal für die Öffentlichkeit am Abend. Mehr als 1200 Schüler der Edertalschule, der Burgwaldschule, der Friedrich-Trost-Schule und der Hans-Viessmann-Schule sahen den Film und hatten im Anschluss die Möglichkeit, mit Regisseur Peter Ohlendorf darüber zu diskutieren.

Thomas Kuban (Pseudonym) hat über Jahre hinweg unter Lebensgefahr in der rechten Musikszene mit versteckter Kamera gedreht. Aber nicht nur dort: Er sprach mit Politikern, mit Vertretern eines Aktionsbündnisses gegen Rechts und Polizisten sowie mit Hackern, die etwa einen Versandhandel der rechten Szene lahmlegten. Gemeinsam mit Peter Ohlendorf erstellte er einen Film, der für das Fernsehen vorgesehen war. Doch kein Sender, keine Stiftung war bereit, das Projekt finanziell zu unterstützen - obwohl Auszüge in verschiedenen Formaten gezeigt wurden und direkte Konsequenzen hatten. Im hessischen Kirtorf etwa waren Kubans Aufnahmen entscheidend dafür, dass „nach Jahren der Ohnmacht und des Zuschauens“ dort keine rechtsextremistischen Konzerte mehr stattfinden.

Der Film zeigt das wahre Ausmaß der rechten Musikszene, die als „Einstiegsdroge“ für Neonazis gilt. Kuban dokumentiert darin die Schnitzeljagden zu geheimen Treffpunkten, die schockierenden, fremdenfeindlichen Texte der dort gespielten Lieder, zeigt Verkaufsstände mit CDs voller indizierter Stücke und Kleidung einschlägigen Schriftzügen wie dem Schriftzug der Waffen-SS.

Sein Film macht eines deutlich: Nicht nur die stereotypen, glatzköpfigen Neonazis in Bomberjacken und Springerstiefeln sind auf solchen Konzerten unterwegs. Ohlendorf berichtete im Anschluss, dass sogar Rechtsanwälte in rechtsextremistischen Bands auf der Bühne stehen. Im Film sind auch zahlreiche junge Frauen zu sehen, sogar Kinder sind während der Konzerte in den Kellern und Festzelten anwesend.

Der Regisseur und Autor erläuterte, dass die Musik ein sehr wirksames Mittel sei, die Menschen in die Szene zu ziehen: Sie spreche Gefühle an, die Texte blieben leicht im Gedächtnis.

Im Film verweist Thomas Kuban auch auf Erkennungszeichen wie die Ziffern 28 (für „Blood and Honor“) oder 88 (für „Heil Hitler“), die Farben schwarz, weiß und rot und nennt die Namen von einschlägigen Bands und Sängern wie Störkraft, Radikal, Freikorps oder Frank Rennicke. „Rechtsextreme Musik ist sehr weit verbreitet, wird aber oft nicht als solche wahrgenommen“, beschreibt Kuban in seinem Film. Die Gefahr sieht er vor allem in der Indifferenz: Wer sich nicht klar abgrenzt, ist schon zu nah dran. Dafür sorgen auch die so genannten Schulhof-CDs, auf denen Musik, die sich rechtlich meist in der Grauzone bewegt, im großen Stil verteilt wird.

Helge von Horn, der im Schwalm-Eder-Kreis hauptamtliche für Prävention gegen rechte Gewalt zuständig ist, sagte, dass es mittlerweile keine Schulklasse gebe, in der nicht irgendjemand einschlägige Bands wie „Landser“ kenne. Er erklärte, wie jeder Bürger seinen Beitrag leisten könne: Wer einen Verdacht auf konspirative Treffen habe, also beispielsweise ungewöhnlich viele Autos mit fremden Kennzeichen vor Grillhütten, Discotheken oder anderen Hallen bemerke, solle dies melden. Auch, wenn die Polizei die einzelnen Teilnehmer oft nicht zur Rechenschaft ziehen könne, sei es zumindest möglich, die Bands und den Veranstalter anzuklagen.

Ohlendorf zeigte sich am Abend sehr zufrieden: Noch nie habe er an einem einzigen Tag so viele junge Menschen mit dem Film erreicht. Er freute sich über das große Interesse der Schulen an dem Thema - er habe dies auch schon anders erlebt, sagte er im FZ-Gespräch. Enttäuscht war er lediglich über die sehr geringe Resonanz bei der öffentlichen Veranstaltung am Abend, zu der nur etwa 70 Interessierte erschienen waren.

Oberstleutnant Elmar Henschen, Kommandeur des Frankenberger Bataillons und Sektionsleiter der veranstaltenden Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW), betonte: „Wir haben in Deutschland ein Problem“ und bezog sich auf die NSU-Morde.

Helge von Horn bezeichnete die Lage in Waldeck-Frankenberg als „komfortabel“. Aber das nächste rechtsradikale Lied sei nur so weit entfernt wie der MP3-Player des Mitschülers.

Informationen gibt es auf www.dasversteckspiel.de.

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