Sarah van Bentum berichtet aus Kairo

Sie musste Ägypten überstützt verlassen

+
Sarah van Bentum

Dörnholzhausen/Kairo. Mittwochabend gegen 18.15 Uhr. Eine Erkältung hat mich erwischt, die endlosen Klimaanlagen in Kairo sorgen immer wieder für einen Rückschlag, und so liege ich schon den ganzen Tag im Bett und versuche, mich gesund zu schlafen.

Das einzige Geräusch, das diesen Tag begleitet, ist das Donnern von scharfer Munition.

Seit den frühen Morgenstunden werden die Protestcamps der Muslimbrüder an den von ihnen belagerten Plätzen in Nasr City und Dokki gewaltsam zerschlagen. Die offiziellen Zahlen und die Angaben der Muslimbrüder über die Todesopfer machen einen Spagat, der größer nicht sein könnte. Unbehagen, Angst und eine unglaubliche Anspannung liegen in der Luft.

Und dann klingelt mein Handy: Ein Freund berichtet von der Ausgangssperre, die gerade vonseiten des Militärs verhängt wurde und ab 19 Uhr gilt. Schnell, ich solle meine wichtigsten Sachen, meinen Pass und Geld einpacken und in 15 Minuten bereit stehen, sodass er mich abholen kann. Ich solle am besten aus Agouza für ein paar Tage verschwinden und auf die europäisch geprägte und vermeintlich sichere Insel Zamalek ziehen. Meine Mitbewohnerinnen waren schon zu Freunden nach Zamalek gezogen.

Als wir die Straße betreten, ist es zehn vor sieben. Kein Mensch ist mehr auf der Straße, keine Autos und für uns viel gravierender: auch keine Taxis mehr. Es dämmert und die sonst so pulsierende, hektische Stadt Kairo wirkt wie eine verlassene Geisterstadt. Eine Stille und Ruhe, die eher beängstigend als erholsam ist. Vereinzelt fahren Mofas an uns vorbei, ohne Licht. Da, ein schwarzes Taxi. Wer Kairo kennt, weiß, dass man nur die weißen Taxis nehmen soll, da die schwarzen kein Taximeter haben, die Taxifahrer einen immer übers Ohr hauen und die Autos in noch klapprigerem Zustand sind als viele der weißen Taxis. Doch all das spielt jetzt keine Rolle mehr. Das Taxi hält, wir erklären auf Arabisch, wohin, der Taxifahrer nickt wortlos und mustert uns im Rückspiegel, als wir einsteigen.

Militär ohne Rücksicht

In Zamalek angekommen, besorgen wir noch schnell in einem Supermarkt ein paar Grundnahrungsmittel und werden von dem Besitzer mit den Worten „gleich wird ganz Ägypten geschlossen“ zur Eile gedrängt. Es ist 19.02 Uhr, als ich in meiner Übergangswohnung in Zamalek ankomme. Gerade noch geschafft – vonseiten des Militärs heißt es, das ohne Rücksicht gegen diejenigen vorgegangen wird, die die Ausgangssperre nicht beachten.

Bevor ich richtig ankommen kann in Zamalek, erhalte ich am Freitag – dem „Tag der Wut“ der Muslimbrüder – die Nachricht, dass alle Praktikanten unserer Organisation evakuiert werden. Plötzlich sind meine Stunden in Ägypten gezählt. Ich habe nur noch zweieinhalb Tage und dann sitze ich im Flieger nach Deutschland. Gefühle der Erleichterung vermischen sich mit Traurigkeit. Mir bleibt keine Zeit, mich von Ägypten, dem Land und seinen Leuten zu verabschieden. In einer schnellen Packaktion lösen wir am Samstag unsere Wohnung auf, denn auch meine Mitbewohnerinnen werden das Land verlassen.

Von Sarah van Bentum

Mehr lesen Sie in der gedruckten Samstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare