Das Schicksal der Vertriebenen vor 70 Jahren – Integration im Frankenberger Land

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Güterwagen am Verladegleis: Aus Teplitz im Sudetenland kamen 1946 die ersten Vertriebenentransporte in Hessen an. Ähnlich wie hier in Frankfurt wurden sie am 8. Februar 1946 auch in Frankenberg von Rotkreuzschwestern empfangen und betreut. 

Frankenberger Land. Im Zuge der Vertreibung von mehr als 14 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten musste 1946 der Altkreis Frankenberg über 9000 Flüchtlinge aufnehmen und integrieren, Waldeck fast 7000. 

Der erste Transport mit 592 heimatvertriebenen Sudetendeutschen aus Teplitz-Schönau im Sudetenland traf am 8. Februar 1946 im Kreis Frankenberg ein. Sie gehörten zu einem insgesamt 1200 Personen umfassenden Transportzug, der zuvor in Marburg angekommen und dort geteilt worden war. Von da ab rollte fast monatlich ein Eisenbahnzug mit jeweils mehr als 1000 Heimatvertriebenen in den Kreis Frankenberg, dort oftmals nur wenige Tage, manchmal auch nur Stunden vorher angekündigt.

Für die vom Krieg geschwächte Kreisbevölkerung und die erst provisorisch wieder aufgebauten Verwaltungen war dieses Flüchtlingsproblem eine gewaltige Herausforderung. Vielfach per Zwangszuweisung wurden die ankommenden Flüchtlinge und Vertriebenen bei den Einheimischen einquartiert. Bei der Unterbringung bekamen die Bürgermeister Flüchtlingskontingente zugewiesen, die sie von der Bahnstation bis zu den Quartieren in Wohnhäusern ihres Dorfes zu begleiten hatten. Es galt erst einmal die gröbste Not zu lindern, das Wort „Zusammenrücken“ wurde großgeschrieben, manchmal auch gegen heftigen Widerstand und mit Polizeieinsatz, wie sich heute noch Zeitzeugen erinnern.

Die folgenden Transporte mit Heimatvertriebenen trafen vor 70 Jahren im damaligen Kreis Frankenberg ein: Ein Zug aus Hohenelbe im Sudetenland mit 1207 Personen wurde am 6. März 1946 direkt nach Gemünden/Wohra geleitet. Der Transport mit 1200 Ungarndeutschen aus Perbál gelangte am 14. April 1946 ins Frankenberger Land, am Folgetag kamen 1194 Sudetendeutsche aus Brüx an.

Am 12./13. Mai endete hier für 1200 Sudetendeutsche aus Troppau die Vertreibung, und am 17. Mai 1946 folgten ihnen weitere 1200 Landsleute aus Mies. Am 13. Juni 1946 kam ein Zug mit rund 1200 Vertriebenen aus Dombowar (Ungarn) an.

Weitere Transporte aus dem Sudetenland erreichten den Kreis Frankenberg am 21. Juni (Bärn) und am 15. September 1946 (Graslitz).

Aus dem Sudetenland trafen im Kreis Waldeck jeweils rund 1200 Vertriebene am 3. März 1946 von Mährisch Schönberg, am 19. März aus Egerland, am 22. April aus Freiwaldau und am 15. August aus Bärn/Troppau ein. Aus dem Karpaten/Slowakei kamen etwa 1200 Menschen am 5. September an, fünf Tage später noch einmal etwa 390 Vertriebene aus Tetschen-Bodenbach im Sudetenland.

Um die Aufgabe der umfassenden Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen leisten und koordinieren zu können, erfolgte in Hessen der Aufbau einer Flüchtlingsverwaltung. Das hessische Flüchtlingsgesetz von 1947 sollte ein „organisches Aufgehen in der Bevölkerung“ sicherstellen.

Daraus entwickelte sich später der große „Hessenplan“ als wirksamstes Instrument einer Politik, die Arbeitsplatz- und Wohnraumknappheit beseitigen und einen Ausgleich zwischen Einheimischen und Flüchtlingen herstellen sollte.

Die Zeitzeugenberichte, die von späteren Bürgern des Kreises Frankenberg über diesen großen Exodus im Jahr 1946 vorliegen, sind ebenso unterschiedlich und menschlich erschütternd.

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Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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