Haina (Kloster): Angebot für Familienmitglieder von Demenzkranken

Schmerzhaftes Vergessen

+
506768-20120405134000.jpg

Haina (Kloster) - Demenz ist nicht heilbar und nicht aufzuhalten. Sie betrifft aber nicht nur die Patienten, sondern hat auch massive Auswirkungen auf deren Familien. In Haina treffen sich Angehörige von Demenzkranken, um etwas Erleichterung und Rat zu bekommen und Erfahrungen auszutauschen.

Die meisten Angehörigen von Demenzkranken stehen nach der Diagnose vor großen Herausforderungen: Ihre Eltern, Ehepartner oder Geschwister sind nicht mehr dieselben und brauchen rund um die Uhr Pflege. „Es ist immens schwer, wenn sich Familienmitglieder so verändern“, sagt Mark Macioßek, Fachkrankenpfleger in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Deshalb hat er eine Angehörigengruppe ins Leben gerufen, die er gemeinsam mit seinem Kollegen Heino Hammer leitet.

Seit rund eineinhalb Jahren treffen sich in Haina einmal monatlich Männer und Frauen, die ihre demenzkranken Familienmitglieder zuhause pflegen. Mal sind sie zu viert, mal sind bis zu zehn Angehörige aus dem Frankenberger Land anwesend. Sie tauschen sich aus, berichten aus ihrem Alltag und geben einander Ratschläge.

Die Fachkrankenpfleger stehen ihnen beratend zur Seite, informieren über das Krankheitsbild, Behandlungen, Medikamente oder Kurzzeit- und Tagespflege. Immer wieder geben sie Tipps: Etwa, dass Angehörige nichts erreichen, wenn sie falsche Annahmen der Patienten über das Jetzt und Hier richtigstellen wollen oder dass es wichtig ist, so viel Selbstständigkeit zu erhalten wie möglich - „auch, wenn es lange dauert, bis ein Brot geschmiert ist.“ Und oft können auch die Fachleute aus den Erfahrungen der Angehörigen etwas lernen. Ganz wichtig sei der Aspekt der Selbsthilfe, sagt Mark Macioßek: „Die Menschen sind hier mit ihren Sorgen nicht alleine. Andere haben oft dieselben Probleme.“ Zudem helfe die Gruppe dabei, zu erkennen, dass die Pflegenden auch auf sich selbst achtgeben müssen.

Einer der Teilnehmer in der Gruppe ist ein älterer Herr, der seine Ehefrau seit etwa zehn Jahren zuhause pflegt. „Ich merke es langsam auch an mir selbst“, sagt er. „Ich bin ein bisschen fertig.“ Besonders schwer sei es, seiner Frau nicht zu widersprechen - die anderen nicken verständnisvoll -, aber manchmal könne er ihr einfach nicht zustimmen. „Es gibt keinen Tag, an dem kein Krieg ist. Alles, was ich mache, ist aus ihrer Sicht verkehrt“, berichtet der Mann bedrückt.

Ganz anders sieht es bei seiner Tischnachbarin aus, die gemeinsam mit ihrem Mann dessen Mutter pflegt. Nach Phasen mit Aggressionen und Schlaflosigkeit ist die Schwiegermutter mittlerweile sehr ruhig und kann nicht mehr allein laufen. Allein bleiben kann sie aber auch nicht. Deshalb sind die drei Stunden am Tag, in denen sie im Bett liegt, die einzigen, in denen die Familie ein wenig Freiraum hat. Auch die Schwiegertochter ist erschöpft: „Wir sind alle angegriffen, das kann so nicht weitergehen“. Doch ihre Schwiegermutter in ein Heim zu geben, ist eine schwere Entscheidung: Sie habe schon ein schlechtes Gewissen, wenn sie sie nur einmal zur Kurzzeitpflege bringe.

Die Familienmitglieder, die die Pflege übernehmen, erleben oft eine andere Person als die, die nur zeitweise zu Besuch kommen. „Die nächsten Angehörigen sind immer die bösen“, sagt der Mann, der seine Ehefrau pflegt. Auch seine Tischnachbarin nimmt bei ihrer Schwiegermutter eine deutliche Veränderung wahr, wenn Besuch da ist: „Dann denkt man, da sitzt ein Austauschmodell.“ Allerdings glaube sie nicht, dass ihre Schwiegermutter dies bewusst tue. Mark Macioßek bestätigt, dass es Unterschiede gibt: „Die nächsten Angehörigen bekommen mehr Frust ab“.

Zum Treffen sind auch eine ältere Dame und ihre Tochter gekommen. Der Vater leidet unter Demenz in einem vergleichsweise frühen Stadium: Er hat zum Beispiel Spazierwege im Kopf, die es gar nicht gibt. Seine Tochter erfährt in der Gruppe, was mit dem Fortschreiten der Krankheit möglicherweise noch auf ihre Eltern zukommt. Aber auch sie kann sich einbringen: Sie rät der Dame in der Gruppe, es mit Tagespflege zu versuchen - ihre Familie habe damit gute Erfahrungen gemacht. Auch Macioßek stimmt zu: „Sie brauchen das zum Durchatmen“, sagt er und verweist auf die positiven Effekte, die die sozialen Kontakte für die Patientin haben können.

Besonders kritisch wird es für Familien, wenn die Betreuung zuhause nicht mehr zu schaffen ist. „Sich einzugestehen, nicht mehr zu können, ist der schwerste Schritt“, sagt Macioßek. Denn das Gefühl, gerade den Eltern etwas zurückgeben zu müssen, sei stark ausgeprägt. Die Entscheidung, Eltern oder Ehepartner in ein Pflegeheim zu geben, müssten die Angehörigen aber immer selbst treffen.

Das nächste Treffen findet am 7. Mai von 19 bis 20.30 Uhr statt. Alle Betroffenen sind eingeladen. Treffpunkt ist das Wartezimmer der Institutsambulanz (Einfahrt auf Höhe der Klosterkirche, hinter dem ersten Gebäude links). Infos bei Heino Hammer, Telefon 06456-91644 und per Mail an heino.hammer@vitos-haina.de.

Von Andrea Pauly

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare