Roland Schmidt spricht im FZ-Interview über die Voraussetzungen und Eigenheiten der weißen Pracht

Schnee ist auch für Experten spannend

Kindliche Freude über den Schnee: FZ-Volontärin Simone Schwalm genießt die kalten Eiskristalle und hofft auf weiße Weihnachten. Foto: Andrea Pauly

Burgwald-Ernsthausen - Wenn die Landschaft unter einer dicken, weißen Schneedecke verschwindet, ist die Atmosphäre für Weihnachten perfekt. Im Interview mit Redakteurin Andrea Pauly verrät FZ-Wetterexperte Roland Schmidt aus Ernsthausen, wie er die Chancen auf eine weiße Weihnacht einschätzt.

Wie groß sind die Chancen auf weiße Weihnachten im Frankenberger Land allgemein?

Dazu muss ich zunächst mal eine Gegenfrage stellen: Was ist eigentlich „weiße Weihnachten“? Dieser Begriff ist nämlich gar nicht allgemein definiert: Muss für eine weiße Weihnacht ab dem 24.Dezember durchgängig Schnee liegen? Oder genügt es, wenn er nur an Heiligabend liegt? Oder auch nur an einem der Feiertage? Was ist, wenn es schneit, der Schnee aber nicht liegen bleibt? Oder zwar Schnee liegt, es aber anhaltend taut und regnet? Wem es genügt, wenn an einem der drei Weihnachtstage etwas Schnee liegt, egal bei welchen Temperaturen, der kann in den Tälern des Frankenberger Landes im Schnitt alle drei Jahre weiße Weihnachten erleben. Wer aber eine durchgängige Schneedecke an allen drei Tagen und dazu womöglich noch Dauerfrost und gelegentlichen Schneefall erwartet, dessen Wünsche werden nicht öfter als einmal pro Jahrzehnt erfüllt werden. Nehmen wir als einen Mittelwert eine geschlossene Schneedecke an Heiligabend oder am ersten Feiertag, so liegen die Chancen bei etwa 20 Prozent. Durchschnittlich alle fünf Jahre würden wir in unserer Region dann den Traum von „White Christmas“ erfüllt bekommen. Zuletzt war es übrigens vor zwei Jahren der Fall.

Ist das eine subjektive Wahrnehmung oder wird das Wetter oft kurz vor Weihnachten wieder gerade so warm, dass der Schnee schmilzt?

Nein, das ist schon richtig beobachtet, deswegen gibt es den Begriff „Weihnachtstauwetter“. Das ist eine sogenannte Singularität, eine im jährlichen Witterungsverlauf mit großer Regelmäßigkeit wiederkehrende Wetterkonstellation. Solche Singularitäten sind auch die Eisheiligen im Mai, die Schafskälte im Juni oder der Altweibersommer Ende September. Die Meteorologen kennen mindestens 25 solcher „Witterungsregelfälle“ und einer davon ist das „Weihnachtstauwetter“. Damit etwas tauen kann, muss aber erst mal Schnee da sein und tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in der zweiten Dezemberdekade Schnee und Frost gibt, deutlich größer als in der dritten Dekade. Das Maximum dieses Vorstoßes von milder Atlantikluft nach Mitteleuropa liegt meistens zwischen dem 24. und 28. Dezember – unglücklicherweise feiern wir gerade da Weihnachten. Die orthodoxen Christen feiern erst am 6. Januar – da sind die Chancen auf Schnee und Kälte in Deutschland erheblich größer!

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit es schneit? Reicht es, wenn die Temperatur unter null Grad Celsius sinkt?

Schneien kann es noch bei fünf oder sechs Plusgraden und umgekehrt kann es selbst bei richtigem Frost anfangen zu regnen. Entscheidend dafür sind die Temperaturen und die Feuchtigkeit in höheren Luftschichten so bis etwa 2000 Meter. Weiter oben fällt ja die meiste Zeit des Jahres Schnee, der nur bei seinem weiteren Weg in tiefere Lagen zu Regentropfen zerschmilzt. Ist die Luft in höheren Schichten sehr kalt und gleichzeitig weiter unten auch ziemlich trocken, dann schmelzen Schneeflocken auf ihrem Weg zur Erde nur sehr langsam. Es schneit dann manchmal bei einigen Plusgraden; so etwas kann man häufiger im Spätwinter oder zeitigen Frühjahr beobachten. Umgekehrt schiebt sich im Winter oftmals milde Luft langsam über bodennah sehr kalte Luftmassen. Dann entstehen Wolken und es beginnt in der Höhe zu schneien. So zwischen 500 und 1500 Metern kann dann die Lufttemperatur schon deutlich über null Grad liegen und die Flocken tauen. Weiter unten ist es noch frostig kalt, dann bekommen wir Eisregen oder gefrierenden Regen mit heftigem Glatteis.

Seit wann spielt es für die Menschen eigentlich eine Rolle, ob Weihnachten Schnee liegt?

Ich vermute, unsere Vorstellung einer weißen Weihnacht hängt eng mit der Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert zusammen und auch die Romantik, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte, spielt dabei wohl eine große Rolle. Es sind ja eine Reihe von Weihnachtsbräuchen wie etwa der geschmückte Tannenbaum in dieser Zeit entstanden und um die gemütliche Behaglichkeit einer warmen, schön dekorierten Stube so richtig auskosten zu können, ist der Gegensatz zu einer weiß verschneiten, frostigen Natur und Landschaft draußen schon sehr hilfreich.

Was macht ihrer Meinung nach die Faszination dieses Wetters aus?

Ich glaube, nichts verändert die uns vertraute Umgebung draußen so sehr, wie ein richtiger Schneefall. Kein Frühlingssturm, kein Sommergewitter und kein Herbstnebel schaffen das. Schnee verhüllt alles Harte, Dunkle, Hässliche. Er legt sich über die winterlich karge Landschaft und macht sie hell und freundlich; er dämpft alle Töne und schafft wohltuende Stille. Obwohl er selbst kalt ist, vermittelt er ein Gefühl von Weichheit, Wärme und Geborgenheit. Nicht nur die Landwirte schätzen ihn, weil er der Erde ein wärmendes Betttuch gibt und sie vor dem bitteren Frost schützt. Und er ist spielerisch, die Schneeflocken fallen nicht einfach wie Regentropfen, sie wirbeln in einem endlosen Tanz durch die Luft. Es ist ja kein Zufall, dass gerade Kinder sich so über den Schnee freuen. Wenn wir es schaffen, ihn auch als Erwachsene mit Kinderaugen zu sehen, dann ist er einfach toll!

Was ist aus meteorologischer Sicht das Spannende am Schnee?

Das Wasser spielt ja in der Meteorologie eine ganz wichtige Rolle. Schon die Wolken bestehen daraus und sämtliche Formen von Niederschlägen. Und dieser Phasenübergang, diese Änderung des Aggregatzustandes von flüssig nach fest, das ist für Meteorologen ein ganz spannende Angelegenheit. Wie schon gesagt, in den höheren Schichten der Atmosphäre entsteht der allermeiste Niederschlag zunächst mal als Schnee, selbst im Sommer. Aber richtig interessant wird dann natürlich die Situation, wenn der Schnee bis ganz nach unten fällt: Wo genau liegt die Schneefallgrenze? Welche Art von Schnee fällt? Wie stark ist der Schneefall, wie anhaltend? Und bleibt er liegen, bildet sich eine Schneedecke? Wenn ja, wie hoch wird sie wachsen und bleibt sie längere Zeit bestehen? Wer sich für Meteorologie begeistert, der wird diese Fragen immer aufregend und spannend finden.

Was meinen Sie: Bekommen wir dieses Jahr weiße Weihnachten?

Als Meteorologe müsste ich darauf jetzt natürlich ganz klar antworten: Das kann man jetzt noch nicht sagen, das ist zu früh, verlässliche Prognosen sind frühstens eine Woche vor dem Fest möglich. Überhaupt sind Prognosen ja immer schwierig. Aber nach dem Eindruck, den ich vom diesjährigen Winterwetter gewonnen habe, stehen die Chancen gar nicht so schlecht: Ein sehr früh schon sehr starkes russisches Hoch, viel Kaltluft über Skandinavien und Schnee in weiten Teilen Europas – das macht den Winter stark. Die Milderung in der dritten Dezemberdekade wird sicherlich kommen, atlantische Luftmassen aus dem Südwesten werden versuchen, gegen Schnee und Frostluft vorzudringen. Aber ich bin von Natur aus eher ein optimistischer Mensch und deshalb lehne ich mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und rufe: Ja, ich hoffe und meine, dass wir dieses Jahr weiße Weihnachten bekommen! Bekanntlich macht ja die Hoffnung den Glauben stark und der Glaube versetzt Berge, vielleicht auch Wolkenberge.

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