Martin Walser liest und diskutiert in Frankenberg

Er schreibt, um manche Fragen nicht beantworten zu müssen

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Bettina Musall („Der Spiegel“) sprach im Anschluss an die Lesung mit Martin Walser. Sie hatte es dabei nicht leicht: Manche Fragen beantwortete Walser, indem er darauf verwies, dass diese schon durch sein Buch beantwortet seien – und dass er gerade deshal

Frankenberg - Die Stimmung in der Rathausschirn ist beinahe andächtig, als Martin Walser aus seinem Roman „Das dreizehnte Kapitel“ liest. Rund 160 Menschen sind gekommen, um einen der wichtigsten Autoren der Gegenwart zu erleben. Sie werden nicht enttäuscht: Walser liest mit Gefühl und präsentiert sich anschließend gewohnt streitbar und eigenwillig.

Am Vorabend seines 86. Geburtstages ist Walser als Ehrengast im Literarischen Frühling nach Frankenberg gekommen. Als er das Podium betritt und zu lesen beginnt, ist es im Saal so still, dass zwei Schläge, die vom Obermarkt hereinschallen, umso lauter erscheinen. Eine Dreiviertelstunde lang nimmt Martin Walser die Zuhörer mit in die Gedankenwelt seiner Protagonisten.

„Das dreizehnte Kapitel“ besteht aus einem Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller Basil Schlupp und der Theologin Maja Schneilin. Schlupp hat sie bei einem Dinner im Schloss Bellevue kennengelernt. Beide sind glücklich verheiratet, doch verraten sie ihre Ehepartner, indem sie sich einander in Briefen und E-Mails Gedanken anvertrauen, von denen ihre Partner nichts wissen. Basil Schlupp und Maja Schneilin wissen, dass diese große Vertrautheit und Ehrlichkeit nur möglich ist, weil es keine Hoffnung auf eine Beziehung gibt, die über diese besondere Brieffreundschaft hin­ausgeht. Doch dann kommt von Maja plötzlich keine Antwort mehr.

Walser liest stark gekürzte Passagen und vermittelt den Zuhörern dabei ein Gefühl für den Fortgang der Beziehung zwischen Basil und Maja, transportiert Basils Hingerissenheit und Ergebenheit ebenso wie Majas wachsende Zuneigung und gespielte Entrüstung. Das Ende lässt er bei seiner Lesung - natürlich - offen. Er erntet lange andauernden Applaus.

Was gewesen wäre, wenn nicht beide Hauptfiguren glücklich verheiratet gewesen wären, will Moderatorin Bettina Musall anschließend wissen - und bekommt eine prompte Antwort: „Den Roman können Sie schreiben“, sagt Walser.

Er macht Musall das Gespräch nicht leicht: Er antwortet zum Teil mit Gegenfragen oder erklärt, dass sich die Antworten doch im Buch fänden. Er amüsiert die Gäste zwischendurch mit sprachlichen Spitzfindigkeiten: Auf die Doppelmoral in „Das dreizehnte Kapitel“ angesprochen, fragte er, ob das „doppelt so viel Moral wie in der einfachen Liebe“ bedeute. In diesem Zusammenhang wagte Bettina Musall eine sehr persönliche Frage: Was es brauche, um einen Lebensentwurf mit mehr als einer Liebe zu leben. Sie verwies auf Martin Walsers unehelichen Sohn. „Genau darum schreibe ich“, sagte Walser, „dass ich das nicht beantworten muss“.

Walser betont, dass er nicht zu den Autoren gehöre, die vorher ein Konzept für die Geschichte haben - er wolle nicht das Werkzeug seines eigenen Konzepts sein. Stattdessen ist Walser das Werkzeug seiner Figuren, die ein Eigenleben haben: Er könne doch nichts dafür, was Basil Schlupp sagt und schreibt, sagt Walser entrüstet. Er, Walser, wisse ja beim Frühstück selbst noch nicht, was mittags auf dem Papier stehen werde. Erst im Nachhinein habe er bei „Das dreizehnte Kapitel“ gemerkt, dass er die Chance hatte, einen Liebesroman zu schreiben, der ohne Betrug auskommt.

Zugleich macht Walser seine Protagonisten zu seinen eigenen Werkzeugen - etwa, um bestimmte Sätze in die Welt zu bringen, für die es keinen anderen Weg gibt. Denn manche dieser Sätze würde er als Martin Walser niemals aussprechen, erklärt er Musall und dem Publikum: „Da würde ich mich genieren.“

Doch es gibt diese Sätze bereits in seinem Tagebuch. Und weil er sie als Martin Walser nicht sagen kann, lässt er sie andere sagen. Deshalb gibt es mittlerweile einen dritten Band über Meßmer („Meßmers Momente“) nach „Meßmers Reisen“ (2003) und „Meßmers Gedanken“ (1985). Es gebe einfach „Meßmer-Sätze“ in seinem Tagebuch, schmunzelt Walser.

Dennoch räumt der Autor auf Musalls Nachfrage ein, dass auch er selbst sich in seinen Büchern wiederfindet: „Ein Roman ist immer ein Gesamtporträt des Autors zu einer bestimmten Zeit“, sagt Walser. Aber: Basil Schlupp ist nicht Walser, Schlupp spricht und schreibt nicht, was Walser an seiner Stelle sagen und schreiben würde.

Musall beendete das Gespräch mit einem versöhnlichen Zitat von Walser: „Wehe dir, wenn du das Lachen verlernst“.

Im Anschluss anahm sich Martin Walser Zeit, zahlreiche Bücher zu signieren. Die Begrüßung in der Rathausschirn hatte Christiane Kohl vorgenommen, ein Grußwort sprach der Schirmherr Friedrich Christian Delius. Er übergab das Wort von „Schirmherr zu Schirnherr“ .

Einen ausführlichen Bericht über das Gespräch von Martin Walser und Denis Scheck im Schloss Waldeck lesen Sie in der Dienstagausgabe von WLZ-FZ.

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