Dritte Folge der FZ-Serie über die neue Orchesterklasse am Gymnasium Edertalschule

Schulbesuch an einem x-beliebigen Probentag

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Üben, üben, üben – nur regelmäßiges Training garantiert eine Entwicklung. Das haben die Schülerinnen und Schüler der neuen Orchesterklasse in den zweieinhalb Monaten zwischen Schulanfang und den Herbstferien verstanden. Foto: Dorothea Wagener

Frankenberg - Keine zweieinhalb Monate ist es her, dass die neue Orchesterklasse an der Edertalschule ihren Unterricht begonnen hat. Fortschritte haben die Mädchen und Jungen jedoch schon gemacht - das zeigt ein Schulbesuch:

Es ist Freitag, zweite Schulstunde. Die 22 Kinder der Orchesterklasse kommen gerade vom Erdkundeunterricht und packen auf der Bühne der Kulturhalle ihre Instrumente aus.

Schnell suchen sie nach ihren Noten, spannen die Geigenbögen, wärmen ihre Mundstücke vor, organisieren sich Notenständer. Jede Woche um diese Zeit steht eine gemeinsame Orchesterprobe der neuen Klasse an der Edertalschule an.

Mit großer Selbstverständlichkeit setzen sich die vier Celli rechts neben das Dirigentenpult. Jeder hat seinen festen Platz. Die zwei Kontrabässe stellen sich leicht versetzt dahinter. Die sieben Geigen positionieren sich links neben das Pult, die drei Bratschen in die Mitte zwischen Geigen und Celli. Die drei Hörner setzen sich hinter die Bratschen, die drei Trompeten sitzen hinter den Geigen. Es ergibt sich das bunte Bild eines kleinen Orchesters.

Geräuschkulisse zähmen

Orchesterklassenleiter Martin J. Fischer geht mit dem Stimmgerät herum und stimmt die Streichinstrumente. Dann beginnt endlich die Probe. In einer Schulstunde bleibt nach dem Vorbereiten, dem Stimmen, dem Beantworten etlicher Zwischenfragen und dem Zähmen der Geräuschkulisse nicht mehr so viel Zeit für die eigentliche Musik. Martin J. Fischer dirigiert zunächst das kleine Musikstück, dann beginnt er noch einmal und spielt jetzt von hinten Klavier dazu. Er lässt einfach mal alles laufen. Alle spielen durcheinander und lernen so, wie wichtig doch ein Dirigent und dessen Anweisungen sind. Auch einzelne Kinder dürfen einmal dirigieren und stellen fest, dass das leichter aussieht als es ist und Übung und noch mehr Erfahrung braucht.

Nach der Probe ist große Pause. Die Kinder packen ihre Instrumente und Noten vorsichtig wieder ein, suchen sich ihre Sachen zusammen, und wenn sie dann voll bepackt wieder zum Klassenraum zurück kommen, ist nur noch kurz Zeit für das Pausenbrot.

Wichtige Tipps und Tricks

Nach zwei Stunden Deutschunterricht nehmen die Orchesterklassenkinder abermals ihre Instrumente und bahnen sich durch die mit vielen Schülern bevölkerten Gänge während der Pause erneut einen Weg. Dieses Mal müssen sie zu ihrem Instrumentalunterricht, der in den Räumen ganz oben unter dem Dach des Altbaus der Edertalschule stattfindet.

Einzig die drei Trompeten-Kinder gehen rüber zum Musikraum der Ortenbergschue. Dort wartet bereits der Trompetenlehrer und beginnt sogleich mit dem Trompetenunterricht. Atemübungen, Einblasen, dann Übungen im Stehen und im Sitzen, und immer wieder gibt es viele wichtige Tipps und Tricks, die der Lehrer vormacht und die die Kinder nachmachen sollen. Eines der Mädchen hat eine feste Zahnspange bekommen und arbeitet sich dennoch tapfer durch die Übungseinheiten.

Zeitgleich üben die beiden Kontrabass-Jungs die richtige Haltung des Basses und des Bogens. Sich an dieses neue unförmige Instrument zu gewöhnen, das viel größer ist als sie selbst, bereitet beiden Schülern noch etwas Mühe, dennoch sind sie begeistert und hoch motiviert bei der Sache und erzeugen unter Anleitung ihres Lehrers einen satten Bass-Klang.

Richtige Bogenhaltung

In der gleichen Zeit haben alle Geigen- und Bratschen-Schülerinnen und -Schüler gemeinsam Unterricht: Ein Instrumentallehrer fehlt an diesem Tag wegen Krankheit, er wird seinen Unterricht in den Herbstferien nachholen. Auf dem Programm stehen Übungen mit dem Bogen. Zunächst wird mit kleinen Holzstäben auf dem angewinkelten Daumen und - wer mag - einer kleinen Spielfigur auf dem Handrücken balanciert. Das ist gar nicht so einfach. Auch die richtige Haltung des Bogens und ein sicheres Gefühl dafür müssen trainiert werden. Die Lehrerin hat viele kleine Übungseinheiten parat. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist, einen Bogen richtig zu halten und zu führen“, meint eines der Mädchen. Bis den Kindern die Bogenführung in Fleisch und Blut übergeht und sie sich ganz auf die Griffe mit der linken Hand konzentrieren können, wird es aber nicht lange dauern.

Zwischendurch kommt Martin J. Fischer herein. Er geht von Gruppe zu Gruppe und bleibt für eine kurze Weile im jeweiligen Instrumentalunterricht. Er schaut, ob alles zur Zufriedenheit läuft, und hilft, wenn etwas fehlt, oder beantwortet Fragen. Darüber hinaus hält er den Kontakt zu den Instrumentallehrern und informiert sich über den Ausbildungsstand der Kinder, was wichtig ist für die Auswahl der gemeinsamen Musikstücke.

Die drei Hornschülerinnen spielen aus Spaß schon ein kleines Stück auf dem Horn. Aber auch sie sind erst am Anfang und müssen noch viel über Atem- und Blastechnik lernen und viel üben. Es dauert seine Zeit, bis die drei Mädchen zum Beispiel über genug Lippenspannung und einen „guten Ansatz“ verfügen. Eines der Hörner ist auch noch zu groß, es soll gegen ein kleineres ausgetauscht werden. Und ein Hornkoffer ist kaputt, ein neuer ist bestellt.

Die vier Celli-Kinder bekommen für den Anfang Klebepunkte auf das Griffbrett, um nicht lange nach dem richtigen Ton tasten zu müssen. Die Cello-Lehrerin muss dabei zunächst jedes Cello selber spielen, um die richtige Lage der Töne zu ermitteln. Dann kommt die Musikschulleiterin herein und bringt neue Parkettschoner, die am Stuhl befestigt werden und eine Wegrutschsperre für den Cello-Stachel bieten. Sie müssen nummeriert und dem Cello zugeordnet werden. Sie sind handlicher als die Cello-Bretter, die die Cellos der Kinder bisher vom Wegrutschen sicherten. Noch ein paar Zupfübungen mit dem Finger auf dem ersten Klebepunkt, und schon ist die Stunde wieder herum.

Orchester- und Chorprobe

Zu Beginn eines Orchesterklassenjahres gibt es immer viel zu regeln, bis jeder hat, was er braucht. Im Verlauf der Nutzung der ausgeliehenen Musikinstrumente kommt es immer wieder vor, dass zum Beispiel Reparaturen nötig sind oder etwas ausgetauscht werden muss. Das ist aber im monatlichen Beitrag von 34 Euro, den jedes Orchesterklassenkind bezahlt, enthalten. Die Kinder haben sich zusätzlich Notenmaterial für ihre Instrumentalausbildung gekauft. Auch hat sich jeder von ihnen eine Portfolio-Mappe angeschafft, die sie regelmäßig bearbeiten und damit ihre musikalische Ausbildung dokumentieren. Während des Unterrichts haben die Kinder auch schon die Anmeldungen für die Orchesterklassen-Probenfreizeit bekommen. Sie werden im November für drei Tage in eine Jugendherberge fahren und sich dort intensiv auf ihren ersten Auftritt beim Adventsvorspiel im Dezember vorbereiten.

Doch an diesem Freitag bleibt erst mal alles, wie es ist, und alle Instrumente werden nach dem Unterricht abermals sorgfältig eingepackt. Die Schülerinnen und Schüler haben jetzt noch eine Stunde Englisch. Danach gehen die meisten Orchesterklassenkinder mit schweren Ranzen und Instrumentenkoffern bepackt nach Hause. Einige der Kinder waren am Tag zuvor schon beim Unterstufenchor, der immer donnerstags probt. Einige andere der Kinder haben in ihrer Grundschulzeit schon ein anderes Instrument gelernt und gehen später noch zur Probe des Jugendorchesters, die dauert bis halb drei. Dann haben auch sie - wie ihre Klassenkameradinnen und -kameraden - endlich Wochenende.

Gerade so ein Freitag zeigt, was die Kinder der Orchesterklasse schon jetzt zusätzlich zum „normalen Lernpensum“ aller Fünftklässler im Gymnasium leisten. Bis zum nächsten Freitag üben sie - neben allen anderen Schularbeiten, die alle Schülerinnen und Schüler erledigen müssen - auch regelmäßig jeden Tag auf ihren Instrumenten. Nur das garantiert ein Weiterkommen.

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