7. Frankenberger Open-Air-Classic auf dem Gelände des Autohaus Beil

Schulorchester und Justus Frantz begeistern 1200 Zuhörer

Frankenberg - Europa kann auch in Zeiten wie diesen glücklich machen: den Jugendsinfonieorchestern des Gymnasiums Edertalschule und der Christian-Rauch-Schule ist dies mit ihrer „Musikalischen Europareise“ beim „7. Frankenberger Open-Air-Classic“ am Samstag gelungen. Die 1200 Zuhörer machten sich jedenfalls nach dem dreistündigen Programm euphorisiert auf den Heimweg. Stargast „in dem Konzertsaal unter freiem Himmel“ auf dem Gelände des Autohaus Beil war Prof. Justus Frantz, der jeweils ein Stück der Orchester dirigierte und am Flügel Platz nahm.

Die jungen Musiker sind traditionell die Hauptdarsteller beim „Classic Open Air“ der Familie Beil – auch bei der siebten Auflage, an der sich erneut der in Jugendförderung überaus engagierte Justus Frantz als Dirigent wie Solist beteiligte.

Frantz’ Wiedersehen begeisterte vor allem den exzellent aufgelegten Markus Wagener, schließlich durfte der Dirigent mit dem Fernseh­idol seiner Jugendzeit auf einer Bühne stehen und konnte stolz darauf verweisen, dass er einen Ratschlag des Meisters beherzigt hatte. Auf dem Programm des Jugendsinfonieorchesters des Gymnasiums Edertalschule stand die „Boisterous Bourrée“ aus der „Simple Symphonie“ von Benjamin Britten, die ihm Frantz im Vorjahr nicht ohne Grund ans Herz gelegt hatte. Denn Britten konnte für Streicher schreiben wie kaum ein anderer. Die spannende Synthese zwischen Barock und harmonischer Moderne erwies sich denn auch als eine dankbare Aufgabe.

Zur Eröffnung des Abends mit Giuseppe Verdis Triumphmarsch in großer Arena-Besetzung stand auch das Jugendsinfonieorchester der Christian-Rauch-Schule auf der Bühne.

Trompeten eröffneten das Vorspiel zum „Te Deum“ von Marc-Antoine Charpentier, im Gegensatz zum Eurovisionsthema kamen die Streicher allerdings auch noch zu ihrem Recht. Umgekehrte Kräfteverhätlnisse herrschten dagegen beim Ungarischem Tanz Nummer fünf von Johannes Brahms, den die Streicher mit einer mitreißenden Melodie eröffneten, ehe die Bläser im ruhigen Mittelteil dominant werden und von den Streichern eher zögerliche Antworten bekommen.

Die erste Gelegenheit zum Mitklatschen entstand bei Gustav Peters „Erinnerungen an den Zirkus Renz“, einem brillanten Galopp für Xylofon und Orchester, der auf Anhieb Assoziationen an „Menschen, Tiere, Sensationen“ weckte. Sensationell wirkte das virtuose Spiel der Schlegel von Lennart Gabriel. Solistischer Glanz prägte auch das nächste Stück: die Ouvertüre zu Gioacchino Rossinis „Italienerin in Algier“ mit Alice Dippel an der Solo-Oboe. Die junge Solistin betrat nach einer Pizzikato-Eröffnung mit ersten zarten Läufen die musikalische Bühne, gewann wie vom Komponisten vorgesehen deutlich an Selbstvertrauen und Dynamik und spielte sich souverän mit den Flöten die Motive zu.

Im Verlauf seiner Moderation hatte Wagener den Name von Justus Frantz schon mehr als einmal erwähnt, zu Georges Bizets „Farandole“ betrat der Meister das Podium und ließ das Jugendorchester der Edertalschule zur vollen Klangpracht erblühen, Bizets großartige Partitur bildet allerdings auch eine ideale Grundlage für außergewöhnlich gutes Zusammenspiel und ganz hervorragenden Klang.

Keine Verschnaufpause

Als Pianist war Frantz durch eine Sehnenverletzung aus dem Rheingaufestival gehandicapt und ging im Vertrauen auf die Heilkräfte der Musik („Es tut weh, die Musik hilft“) trotzdem aufs Ganze und entschied sich für einen Querschnitt durch seine Trilogie Mozart-Beethoven-Chopin. Er begann seine Europareise mit Frédéric Chopins von Arpeggien geprägten Etüde in As-Dur, die Robert Schumann einst die „Äolsharfe“ genannt hatte. Auf diese kurze, eher beschauliche Eröffnung folgte der Gegensatz schlechthin, das heftig pochende und dabei unentwegt gegen alle Widerstände vorwärts stürmende „Allegro assai“ aus Beethovens f-Moll-Sonate „Appassionata“, das Justus Frantz mit hartem Anschlag spielte. Vom ersten expressiven Takt an war der Pianist in seinem Element und gönnte sich und seinen Zuhörern keine Verschnaufpause.Denn der Pianist servierte Beethoven nicht in Open-Air-tauglichen Häppchen, sondern spielte die rund zwanzig Minuten lange Sonate bis ans Ende, ohne dass die Aufmerksamkeit im Publikum nachgelassen hätte. Ganz im Gegenteil, gerade im ruhigen „Adagio cantabile“ erreichte der Künstler die absolute Einheit mit seinem Publikum. Im „Rondo allegro“ setzte Frantz nach rasantem Start mit gestalterischer Souveränität Akzente und Ruhepunkte. Die souverän aufgebaute und durchgehaltene Spannung, mit der Frantz das Publikum mit Beethoven in seinen Bann gezogen hatte, entlud sich in lang anhaltendem Beifall. Mozarts jederzeit und immer voll Open-Air-taugliches „Rondo à la Turca“ geriet zur gern gehörten und gut aufgelegten Zugabe vor der Pause.

Volkslied im Disco-Sound

Mit den „Kindern des Monsieur Matthieu“ nahm der Chor des Gymnasiums Edertalschule die Europareise wieder auf und setzte, begleitet von einer Combo und dem Instrumentalkreis des großen Orchesters, mit einem umfassenden Beatles-Medley nach Liverpool über. Die Bandbreite des geschickt arrangierten Rückblicks auf mehr als eine musikalische Revolution reichte alphabetisch von „A hard days night“ bis „Yesterday“. Am Ende stand mit „Hey Jude“ eine unwiderstehliche Einladung zum Mitsingen. Das Jugendsinfonieorchester der Christian Rauch-Schule nahm die Britischen Inseln als Ausgangspunkt und gab mit der inoffiziellen britischen Nationalhymne gleich seine musikalische Visitenkarte ab. Denn bei Rule Britannia, Arnes Hymne auf die britische Seeherrschaft, fielen die souverän über streckenweise unruhiger Streichersee schwebenden Holzbläserklänge angenehm auf. Auch beim musikalischen Feuerwerk, das Nikolai Rimsky-Korsakov bei seinem „Capriccio Espanol“ abbrannte, setzten die Holzbläser Glanzlichter, insbesondere im flötenseligen zweiten Teil. Eine einzelne Oboe stand im Titel von Ennio Morricones „Gabriels Oboe“, dem musikalischen Idyll aus Mission und auch musikalisch im Mittelpunkt der von fließenden Streicherklängen getragenen Komposition, als Solistin und gewissermaßen Stellvertreterin von Pater Gabriel überzeugte Luisa Albers. Die ersten stillen Takte des musikalischen Gegensatzes schlechthin gingen auch an die Oboe, ehe die Flöten erst einmal das Kommando übernahmen, doch im weiteren Verlauf von Camille Saint-Saëns’ „Bacchanal“ mit seiner musikalisch gestalteten Entgrenzung bis zum grellen Finale ging jede Instrumentengruppe ans äußerste in Sachen Lautstärke.

Rainer W. Böttcher erwies sich dabei als geschickter Dynamiker, der sein Orchester zugleich auf die wohl diffizilste Aufgabe des Abends einstimmte: die mit allen Tücken modernen Orchestersatzes gestalteten „Winds of Poseidon“ von Robert W. Smith. Im ersten Satz der Odysseus-Sinfonie vereinigten sich sämtliche Stimmen zu einem musikalischen Wirbelsturm. Die Einleitung und trügerische Ruhe vor dem Aufbruch und Ausbruch hatte Eliette Lion mit ihren Cello gestaltet, verführerische und nicht minder gefährliche Sirenenklänge lösten den orchestralen Wirbel ab.

Unter dem Eindruck der großartigen Leistung würde Justus Frantz die Jugendorchester gern auf ihrer jeweiligen Amerikareise begleiten, doch der Terminkalender lässt es leider nicht zu. Bei einem überaus rasanten „Furiant“ von Antonin Dvorˇàk schwang der Maestro aber den Taktstock und führte das rhythmisch präzise Jugendorchester zum nächsten Höhepunkt des Programms. Zum Abschluss dirigierte Böttcher die vereinigten Schulorchester beim „Lord of the Dance“ in einer Bearbeitung des irischen Volkslieds im orchestralen Disco-Sound mit „Fiddles and Drums“ und einer dramatischen Steigerung ab Takt 103, die auch als Zugabe wiederholt wurde.

Von Armin Hennig

Hier finden Sie ein Video von der Veranstaltung

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