Chronik von Schiffelbach

"Scufelbachs" Geschichte auf 544 Seiten

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Noch ist sie nicht gebunden, doch eine Vorabversion der Schiffelbacher Chronik präsentiert der Chronik-Ausschuss schon. Jens Berkenkopf, Heinz-Jürgen Hammer, Heinz Grosch, Heinrich Schmidt und Walter Kohl.

Gemünden-Schiffelbach - Sie ist ein Buch von Schiffelbachern für Schiffelbacher: die Dorfchronik. Im August 2010 begannen die ersten Nachforschungen für das Werk. Jetzt sind die Arbeiten an dem 544 Seiten starken Buch abgeschlossen. Am 17. Mai soll die Chronik erscheinen.

„Vun naut kemmt naut“, das sind die ersten Worte in der Schiffelbacher Dorfchronik. „Von nichts kommt nichts“, eine Redewendung, die wohl auch die Arbeit des Chronik-Ausschusses beschreibt. Vor gut zweieinhalb Jahren, im August 2010, standen die Mitglieder ohne feste Ideen, ohne umfassendes Archivmaterial nach einer Bürgerversammlung erstmals beisammen und überlegten, wie eine Chronik ihres Dorfes aussehen könnte. Wer die Vorabversion durchblättert, merkt: Gut sieht sie aus, die Chronik von Schiffelbach. Stolze 544 Seiten dick ist das Werk, es beinhaltet rund 560 Bilder, Stiche und Grafiken und behandelt viele Themen aus 750 Jahren wechselvoller Geschichte zwischen Frankenberg, Haina und Marburg.

Senioren kommen zu Wort

Wie viele Chroniken anderer Dörfer, Gemeinden und Städte auch befasst sich das Schiffelbacher Werk mit den Vereinen, der Kirche, der ehemaligen Schule. Was das Werk aber auszeichnet - wissenschaftliche Puritaner würden es ihm wohl als unsaubere Arbeit ankreiden - ist eine ganz besondere Authentizität. Denn in dem Werk kommen vor allem die Schiffelbacher selbst zu Wort. „Unsere Daten reichten eigentlich nur bis etwa 1950“, beschreibt Jens Berkenkopf das Dilemma, vor dem die Chronisten am Anfang ihrer Arbeit standen. Doch die Chronik sollte bis ins Jahr 2013 reichen. Die jüngsten Jahre waren da noch relativ einfach zu füllen - was aber tun mit der Zeit nach dem Krieg? Und dem Krieg selbst? „Es hat wohl jemand bewusst alle Akten zum Nationalsozialismus in Schiffelbach vernichtet“, berichtet Ausschuss-Mitglied Heinz Grosch - die Schiffelbacher konnten nichts finden.

Also haben sie sich auf lebendige Archive gestützt: die Senioren des Dorfes. Etwa 20 betagte Damen, Herren und Paare kamen zu Wort. Heinz Grosch und Heinrich Schmidt besuchten die Senioren, unterhielten sich mit ihnen. Ein Tonband lief mit. „Das habe ich danach immer gleich aufgeschrieben“, erklärt Grosch. Aus den vielen verschiedenen persönlichen Erinnerungen versuchten sie dann ein möglichst objektives Bild zu gewinnen, ohne aber dabei die Lebensgeschichten, die hinter der Geschichte stehen, zu vernachlässigen.

Nicht immer war das leicht. „Etwa der Flugzeugabsturz im Krieg“, erinnert Grosch: „Es gab mehrere Abstürze über Schiffelbach. Aber jeder, den wir dazu befragt haben, meinte natürlich von dem einen, einzigen Absturz zu berichten“, sagt er und lacht. Verschiedene Blickwinkel auf das Geschehen hingegen lieferte das Alter der Einwohner: Beim Einmarsch der Amerikaner etwa waren einige der Interviewten schon junge Erwachsene, andere hingegen waren damals noch Kinder.

Auf diese Weise haben die Mitarbeiter an dem Werk - Jens Berkenkopf, Heinz-Jürgen Hammer, Heinz Grosch, Heinrich Schmidt und Walter Kohl, Dr. Hermann Otto Schwöbel, dessen Frau Heide, Heiko Lingelbach, Anneliese Balzer und Heinz Schmidt - den größten Teil des Buches gestützt. Die ersten 680 Jahre Schiffelbacher Geschichte hingegen, insbesondere die Siedlungsgeschichte und die politische, finden Platz auf 150 Seiten. „Zum Glück konnten wir uns hier auf die Arbeit des Ehepaars Schwöbel verlassen“, sagt Jens Berkenkopf erleichtert.

Vorarbeit von Schwöbels

Das Ehepaar, das in den 1970er-Jahren in die ehemalige Schule Schiffelbachs zog, begann rasch mit der Erforschung der Dorfgeschichte. Dabei haben sie sich insbesondere auf die Arbeit der Dorflehrer gestützt. „Die haben immer notiert, wenn im Dorf etwas vorgefallen ist“, erklärt Berkenkopf. Aus diesen Aufzeichnungen entwarfen Schwöbels ein Bild des historischen Schiffelbach. Hinzu kam - für das Ehepaar als Historiker an der Marburger Universität leicht zugänglich - Archivmaterial von der Universität und aus dem Staatsarchiv, ebenso wie vom Hainaer Kloster.

So können die Schiffelbacher heute ihre Chronik mit einer Ablichtung der Ersterwähnungsurkunde beginnen. Schon die zeigt auf, dass die Geschichte des Dorfes an der heutigen Landkreisgrenze eine wechselhafte ist. Gezeichnet ist sie in Frankenberg, unter anderem von einem „Ludwig von Verse, Herold von Scufelbach“, aber auch von Herren aus dem gesamten Altkreis Frankenberg wie auch aus Münchhausen. Die Zugehörigkeit zu Marburg und Frankenberg wechselte mehrfach, auch davon berichtet die Chronik - ebenso wie von der Herrschaft des Adelsgeschlechts Schleier,­ dessen drei Schlägel im Wappen noch immer das Dorfwappen bilden.

Bebildert wird dieser Gang durch die Jahrhunderte mit aktuellen wie historischen Bildern - auch dabei haben die Schiffelbacher Bürger geholfen. Sie haben ihre Fotoalben und privaten Archive geöffnet und Fotos zur Verfügung gestellt. Außerdem finden sich alte Stiche und Ansichten der Dorfes, Zeichnungen, Grafiken, Statistiken und mehr, die den Text auflockern und veranschaulichen helfen.

Ebenfalls etwas Besonderes ist sicherlich jener Teil der Chronik, für den Heinz-Jürgen Hammer verantwortlich zeichnet: ein Schiffelbacher Wörterbuch. „Wir möchten, dass unser Dialekt erhalten bleibt“, erklärt er den Ansatz. Noch werde in dem Dörfchen Platt gesprochen - doch die Tendenz ist rückläufig, wie fast überall. Der jüngste Einwohner, der fließend Schiffelbacher Dialekt beherrscht und auch versteht, ist im Jahr 1966 geboren, die jüngste Sprecherin ist Jahrgang 1968. Rund 1500 Begriffe hat Hammer zusammengetragen. Einige sind leicht verständliche Abwandlungen des Hochdeutschen, andere sind für Nichtschiffelbacher kaum zu verstehen. „Das dient dazu, unseren Dialekt zu konservieren“, erklärt Hammer. Möglich, dass es bei der nächsten großen Feier zum 775-jährigen Bestehen nicht mehr genug Sprecher gibt, um eine so umfassende Sammlung anzugehen.

Aufgabe für die Zukunft

Ähnlich sieht es Werner Kohl für das ganze Werk: „Wir hätten eigentlich schon vor 15 oder 20 Jahren anfangen sollen“, sagt er gerade mit Blick auf die Interviews mit älteren Mitmenschen. Einige Informationen seien nicht mehr zu beschaffen gewesen, weil sich keiner mehr aus erster Hand erinnert.

Das sehen die Mitglieder als Aufgabe für die Zeit nach dem großen Fest Anfang Juni: „Erst mal wird sich sicherlich keiner mehr mit der Geschichte beschäftigen wollen“, sagt Jens Berkenkopf mit Blick auf Tausende Arbeitsstunden, die in dem Werk stecken. Doch irgendwann, so hofft er, finden sich wieder genug Interessierte zusammen, um weiterzuforschen: „Es gibt noch vieles zu entdecken und zu berichten.“

Armin Sieburg stellt die Chronik am 17. Mai vor. Ab dann ist sie für 25 Euro zu erstehen.

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