Seniorchefin Jolantha „Joy“ Thonet feiert 95. Geburtstag

Arbeit am Schreibtisch: Joy Thonet hält mit Briefen den Kontakt zur großen Thonet-Familie aufrecht. Foto:  Völker

Frankenberg. Sie verkörpert das Traditionsbewusstsein alter Wiener Möbelbaukunst, den Charme ihrer englischen Großmutter und die Würde einer bis ins hohe Alter den Menschen zugewandten Lebensführung:

Jolantha „Joy" Thonet, Seniorchefin der ersten und derzeit noch einzigen Thonet-Fabrik in Deutschland, vollendet am Sonntag in Frankenberg ihr 95. Lebensjahr.

Gemeinsam mit ihrem vor neun Jahren verstorbenen Ehemann Georg Thonet hat sie das Werk mit zeitweilig 500 Mitarbeitern begleitet, nach dem Krieg neu aufgebaut und ihren Söhnen übergeben. Dabei lagen ihr Tradition und Familie immer besonders am Herzen: Mit sehr viel Wärme, Humor und sorgendem Interesse steht die Jubilarin heute an der Spitze der in Europa lebenden Thonet-Familienmitglieder und traf sich zuletzt mit ihr in Rottach-Egern. „Ich habe mich immer darum bemüht, dass dieser Zusammenhalt in der Familie gefestigt wird“, sagt die alte Dame. Sie freut sich besonders darüber, dass ihre Söhne Claus, Peter und Philipp in Frankenberg in enger Freundschaft im Sinne des Vaters Georg das Werk und die Marke Thonet weiter entwickelt haben.

Aus der Firmenchronik: Dieses Bild von dem 2005 verstorbenen Ehemann der Jubilarin, Georg Thonet, und seinen Söhnen (von links) Claus, Philipp und Peter entstand in den 1990er-Jahren.

Auch den Rufnamen „Joy“ verdankt sie ihrer englischen Großmutter, bei der sie nach dem frühen Tod des Vaters zeitweilig mit ihrer Mutter in Frankfurt lebte. Am 18. Januar 1920 hatte Jolantha Momberger in Freiburg das Licht der Welt erblickt, später die Elisabethenschule in Frankfurt besucht und als Angestellte gearbeitet. Bei einem Fest in Frankfurt lernte die 20-Jährige den zehn Jahre älteren Georg Thonet kennen, den sie am 8. Februar 1942 in Wien heiratete. Ein knappes Jahr später wurde er zur Wehrmacht eingezogen, im März 1943 kam Sohn Claus zur Welt.

Die Nachkriegsjahre in Frankenberg waren hart: Im März 1945 hatte Joy Thonet als Augenzeugin die Bombardierung und Totalzerstörung ihres Werkes miterlebt, viele Mitarbeiter kamen ums Leben. Nach Rückkehr aus der Gefangenschaft begann Georg Thonet unter schwierigsten Bedingungen und ohne Fremdkapital den Wiederaufbau des Frankenberger Werks. Erstes Produkt der Nachkriegszeit war ein einfacher Küchenstuhl mit Lattensitz. In den folgenden Jahrzehnten wurde aus der ehemals kleinen Fabrik für Bugholz- und Stahlrohrmöbel die größte Thonet-Produktionsstätte, 1970 durch ein angrenzendes Zweitwerk erweitert.

1947 wurde ihr Sohn Peter, 1953 Philipp geboren. Mit Vorstandsmitglied Claus M. Thonet übernahm 1972 die fünfte Generation Mitverantwortung im Familienunternehmen Thonet. Später stiegen auch ihre Söhne Peter (*1947) und Philipp (*1953) in Führungspositionen ein.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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