Das GPS wird erwachsen: Militärprodukt findet Weg in den Alltag

"Sie haben Ihr Ziel erreicht"

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Frankenberg - Was als Hightech-Produkt für das amerikanische Militär entwickelt wurde, ist heute aus dem Alltag der Menschen kaum mehr wegzudenken: Das GPS ist auch in der Region Helfer, Lebensretter, Wirtschaftsfaktor - und Spielzeug.

„Jetzt rechts abbiegen“, ertönt es scheppernd aus einem kleinen schwarzen Kasten. Wer der freundlichen Anweisung folgt, fährt vom Untermarkt kommend falsch herum in die Steingasse - das „Navi“ kann nicht alles. Aber es kann viel. Zu verdanken ist das einem komplizierten System, das die meisten nur unter seiner Abkürzung kennen: GPS. Vor 18 Jahren wurde es offiziell in Betrieb genommen.

Seinen Anfang nahm das System wie so häufig im militärischen Bereich - und es war dort nicht das Erste seiner Art. Schon im Zweiten Weltkrieg wurde mit einer Ortung auf Funkbasis experimentiert. Praktisch nutzbar wurden militärische Ortungssysteme durch das Transit-Programm, das wie GPS, das globale Positionierungs-System, auf Satelliten beruhte. Im Jahre 1958 wurden die ersten künstlichen Trabanten dafür ins All geschossen, 1964 konnten die Amerikaner mit Transit-Raketen ins Ziel steuern oder die Position von Fahrzeugen bestimmen - mit einer Genauigkeit zwischen 500 und 15 Metern.

Für eine präzise Anwendung war das zu wenig, weshalb in den 1980er-Jahren ein neues System entwickelt wurde: GPS. Noch im Aufbau, löste es bereits 1985 Transit ab. Vollständig betriebsbereit nach heutigen Maßstäben war es im April 1995 - und wurde am 17. Juni desselben Jahres offiziell zur Nutzung freigegeben.

Wie schon Transit kann auch GPS zivil genutzt werden - doch anfangs waren die Amerikaner mit ihrer Technik noch scheu: Sie wollten vermeiden, dass möglichen Feinden ein zu genaues Signal in die Hände fällt und verschlechterten das Signal für nicht-militärische Nutzung künstlich. Oftmals zeigten die Geräte Abweichungen von mehr als 100 Meter Entfernung zum eigentlichen Ziel an. Diese Schranke fiel im Jahr 2000 - seither hat GPS das Leben in der westlichen Welt verändert.

Wandern und Schätze finden mit dem GPS

Gleich ob Auto, Flugzeug, Sport, Facebook oder Segeln: Das System mit den drei Buchstaben hilft meist verlässlich und für den privaten Anwender kostenfrei. Auch Touristen in der Region nutzen es gerne: „Es gibt alle unsere Extratouren auch als GPS-Tracks“, erklärt Silvia Fries von der Ederbergland-Touristik. Erst würden sich die Gäste die Flyer zu den Touren auf ihre Handys laden, anschließend die Route - beides gibt es auf der Webseite des „Traumhaften Wandermärchens“. Die gedruckten Handzettel blieben heute deutlich länger in der Tourist-Info als früher. Einmal auf dem Smartphone, lässt sich die genaue Position auf der Strecke beim Wandern jederzeit anzeigen. Ähnlich: Die Schatzsuche quer durch die Grimm-Heimat Nordhessen, bei der die Besucher mit ihrem Handy zu Sehenswürdigkeiten gelotst werden. In Frankenberg sind das etwa das Rathaus, das Kloster und die Liebfrauenkirche. Dort angekommen, wird den Touristen eine kleine Videobotschaft vorgespielt.

Ein Hobby, das sich überhaupt erst durch das GPS-System entwickelt hat, ist das Geocaching. Durch GPS ist die Schnitzeljagd erwachsen geworden: Wildfremde Menschen verstecken in der Natur oder an einem besonderen Platz in Städten und Dörfern eine kleine Box, geben die Position im Internet an und hoffen, dass möglichst viele andere „Cacher“ die Box finden, sich im Logbuch verewigen und einen kleinen Tauschgegenstand dort lassen. Je nach Schwierigkeitsgrad ist diese Schatzsuche für Kleinkinder ebenso wie für Sportler, Manager, Hausfrauen oder Rentner geeignet.

Wenig verwunderlich, dass in der touristisch geprägten Region Geocaching sogar kommerziell angeboten wird. Die Firma Segytours etwa hat eine Tour durch Frankenberg ausgearbeitet, rund um den Edersee gibt es ebenfalls einige Geocaching-Schätze, die nur zahlende Kunden entdecken können.

Neben den Entdeckern mit Wanderschuhen haben auch die radfahrenden Touristen den Nutzen des GPS für sich erkannt: „Mit dem Routenplaner Hessen kann man sich seine ganz individuelle Radroute erstellen“, erklärt Fries. Auch die kann anschließend problemlos auf das Handy oder ein GPS-Gerät geladen werden. Verfahren können sich die Nutzer im Wald dennoch: Bewölkung, aber eben auch Baumkronen können das Signal zeitweise stören, sodass der Weg nicht immer eindeutig ist.

Läufer und Fußballer messen ihre Zeiten

„Wenn man im Wald den Kontakt zum Satelliten verliert, errechnet das Programm einfach aus den letzten bekannten Punkten und der aktuellen Koordinate, wie schnell man war“, berichtet Volker Bandowski von einer anderen Nutzung des GPS. Der Läufer Bandowski (Intersport Kettschau) kennt die sportliche Seite des Positionierungssystems von Anfang an. Heute steckt der Chip in einem Kästchen, das um den Arm geschnallt Kontakt mit den nötigen Satelliten - meist sorgen acht bis zehn Trabanten für die Positionsbestimmung - und mit einer Pulsuhr hält. „Nach dem Lauf kann man direkt an der Uhr sehen, wo man etwas zulegen muss und wo man langsamer laufen kann“, erklärt Bandowski. Strecke, Pulsrate, Geschwindigkeit, bei einigen Modellen sogar eine ungefähre Anzahl verbrauchter Kalorien - all das lässt sich mit einem Gerät für etwa 200 Euro ermitteln.

Kostenlos hingegen sind viele sogenannte Apps für die aktuelle Generation an Smartphones. Betreiber von Lauf-Webseiten, der deutsche Laufverband oder auch Sportartikelhersteller bieten die kleinen Programme an - letztere haben sogar Schuhe mit Sensor in der Sohle im Sortiment. Meist können die Apps jedoch nur die Streckenführung verfolgen und Zeiten aufzeichnen - den Puls kennt das Telefon nicht. „Für den ambitionierten Läufer, der die Kontrolle haben will, ist es aber sinnvoll, die Herzfrequenzen zu kennen“, spricht sich Bandowski für die Pulsuhr aus.

Und es geht noch weiter: „Heute kann sich der B-Klasse-Spieler mit einem Nationalspieler vergleichen“, berichtet er aus dem Fußball. Auch wenn sich diese Technik in der Region noch nicht flächendeckend durchgesetzt habe: Es gibt GPS-Empfänger für Fußballschuhe, die nach dem Spiel Spitzengeschwindigkeit, Laufstrecke und sogar Schussstärke auswerfen. „Aber das geht nur in Verbindung mit einem Smartphone“,schränkt der Sportler ein.

Damit weist er auf einen weiteren Trend hin: GPS als der stetig bereite kleine Helfer in der Hosentasche. Wo ist die nächste Pizzeria? Sind meine Freunde in der Nähe? Wer von seinem Handy aus Beiträge bei Facebook online stellt und den GPS-Empfang nicht unterdrückt, hinterlässt in dem sozialen Netzwerk einen Fußabdruck: „... gesendet aus Frankenberg“, steht dort dann. Foursquare, ein weiteres Programm, ist sogar um die GPS-Funktion vieler Handys herum entwickelt worden. Geschickt nutzt es den Spieltrieb der Menschen, damit diese in Orte, Restaurants, Kinos, Geschäfte und mehr „einchecken“, sie bewerten - und so virtuell zum „Bürgermeister“ dieses Ortes werden können.

Künstler zeichnen mit GPS, Bauern steuern ihre Traktoren, Schiffe durchpflügen die Weltmeere. Wenig hat all dies noch mit der vertrauten, blechernen Frauenstimme aus dem kleinen schwarzen Kasten zu tun, die nach stundenlanger Fahrt endlich den erlösenden Spruch aller Reisenden plärrt: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

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