Veränderungen sollen dokumentiert und analysiert werden

So wird der Nationalpark Kellerwald-Edersee vermessen

+
Konrad Möller ist mit seinem Kollegen seit einigen Wochen und noch bis April im Kellerwald unterwegs, um dort die Waldstruktur zu erfassen

Frankenau. Wer in diesen Tagen im Nationalpark Kellerwald-Edersee unterwegs ist, der trifft dort unter Umständen auf Mitarbeiter der Firma Center-Forst. Denn die vermessen den Wald. 

Die Mitarbeiter erfassen an über 1400, durch GPS-Daten markierten Stellen, Daten zur aktuellen Waldstruktur. Die Probeflächen sollen ein repräsentatives Bild von der derzeitigen Waldstruktur geben. Die sogenannte Permanente Stichprobeninventur (PSI) ist die zweite ihrer Art nach einem ersten Durchgang vor zehn Jahren. Sie soll wichtige Vergleichsdaten für die Forschung liefern.

?Was genau wird im Wald gemacht?

!Unter Leitung des Center-Forst-Geschäftsführers Fritz Richter nehmen die in Zweier-Teams arbeitenden Mitarbeiter die relevanten Daten an den markierten Stellen auf und speisen diese über einen wetterfesten Tablet-PC in den Datenpool des Systems ein. „Dazu wurden sie erst kürzlich vom Nationalparkamt mit neuer Hardware und Software ausgestattet“, sagte Projektbetreuer Bernd Schock (siehe Hintergrund).

?Welche Daten werden erfasst?

!Auf der jeweiligen Untersuchungsfläche werden alle stehenden Bäume - lebend oder tot - und die liegenden Bäume sowie die Verjüngung erfasst. „Weitere wichtige Parameter sind die botanische Art, der Durchmesser, die Höhe, Habitatstrukturen sowie der Zersetzungsgrad“, sagte Bernd Schock. „Zur Ermittlung des Holzvorrates wird bei jedem stehenden Baum ab einem Umfang von sieben Zentimetern der Durchmesser in 1,3 Metern Höhe und die Höhe bestimmt“, so Schock. Liegende Bäume würden erst ab 20 Zentimeter Durchmesser aufgenommen. Weiterhin werden auch die Lagedaten der Gehölze aufgenommen. „Spalten und Risse in Baumstämmen bilden wichtige Lebensnischen für verschiedene Arten und tragen somit zur biologischen Vielfalt im Nationalpark bei“, erklärte Schock. Die Aufnahme dieser Sonderstrukturen gebe Aufschluss darüber, wie sich die Lebensgemeinschaften im Ökosystem über Jahrzehnte änderten und wie sie reiften.

Bestandsaufnahme: (von links) Projektbetreuer Bernd Schock, Nationalparkleiter Manfred Bauer, Henning Graf von Kanitz von Center-Forst, und der IT-Beauftragte Wolfgang Raschka mit einer Karte des Nationalparks Kellerwald-Edersee.

?Warum wird die PSI gemacht?

!„Mithilfe dieses Langzeit-Monitorings mit Aufnahmen im Turnus von zehn Jahren, kann beurteilt werden, wie sich die Waldstruktur im Nationalpark Kellerwald-Edersee unter Prozessschutzbedingungen verändert. Und auch wie sich der Nationalpark vom ehemals bewirtschafteten Wald zum Naturwald entwickelt“, sagte Nationalparkleiter Manfred Bauer. Das Motto sei „Natur Natur sein lassen“. „Wir wollen sehen was passiert, wenn man nichts macht“, brachte er es auf den Punkt. „Der Weg ist das Ziel“, ergänzte Bernd Schock. Es handele sich um ein Langzeitprojekt, bei dem in 500 bis 1000 Jahren vielleicht urwaldähnliche Strukturen zu beobachten sein könnten.

? Wie lange dauern die Arbeiten?

!„Die Arbeiten haben bereits im November 2017 begonnen und dauern bis in den April 2018, dann ist eine Pause. Im darauffolgenden November geht es dann weiter“, sagte Manfred Bauer. Insgesamt nehme die Stichprobeninventur zwei Winterhalbjahre in Anspruch. „Für schwierige Punkte brauchen wir schon mal fünf Stunden, andere schaffen wir in einer halben Stunde“, sagte Center-Forst-Mitarbeiter Waldemar Krepel, der zusammen mit seinem Kollegen Konrad Möller im Einsatz ist.

?Wem nützen diese Stichprobeninventuren?

!„Mit dem zweiten PSI-Durchgang zur Dauerbeobachtung der Waldstruktur erfüllt die Nationalparkverwaltung eine wesentliche Forschungsaufgabe, deren Ergebnisse nicht nur dem Nationalpark selbst nützen - beispielsweise als Grundlage für die Fledermausforschung - sondern auch Erkenntnisse für den Naturschutz und die forstliche Praxis außerhalb des Nationalparks liefern können“, sagte Manfred Bauer. Das Konzept sei von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt Göttingen entwickelt und werde seit mehr als zehn Jahren in den Ländern Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt angewandt.

? Was passiert mit den gesammelten Daten?

!„Die Daten werden ausgewertet und liefern dann wichtige Vergleichsdaten zur Erstaufnahme“, sagte Manfred Bauer und ergänzte: „Jetzt wird es richtig interessant: Zum ersten Mal kann man sehen, was sich verändert hat“. Die Ergebnisse würden dann in Forschungsbänden beschrieben, sagte Bernd Schock.

?Welche Prognosen gibt es bereits jetzt?

!„Wir vermuten, dass sich der Laubwaldanteil erhöht hat nach den Stürmen, denen viele Fichten zum Opfer gefallen sind“, sagte Bernd Schock. Gespannt sei er darauf, wie sich die Habitatsstruktur entwickelt habe. „Ich vermute, dass es markante Veränderungen gibt durch Windwurf, Borkenkäfer und Verjüngung“, sagte Manfred Bauer.

So funktioniert die Datensammlung 

Damit die Daten immer an derselben Stelle ermittelt werden, wurde über den Nationalpark vor der Erstaufnahme ein Raster gelegt. An den virtuellen Schnittstellen dieses 200 mal 200 Meter großen Gitternetzes, ergeben sich rund 1400 Punkte innerhalb des 5,738 Hektar großen Gebietes, an denen die Daten für die PSI erfasst werden. Jeder Punkt ist der Mittelpunkt eines 500 Quadratmeter großen Probekreises, in dem eine Aufnahme der Waldstruktur erfolgt. Die PSI-Punkte wurden vor der Erstaufnahme mit Lasergerät und Global Positioning System (GPS) eingemessen und vor Ort mit verzinkten, rund 30 Zentimeter langen Erdnägeln im Boden markiert. Mithilfe eines Metalldetektors können diese Punkte bei jeder weiteren Stichprobeninventur ausfindig gemacht werden. 

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare