Seltenes Angebot: Besucher-Kindergarten in Marburger Universitäts-Klinik

Spielen im Krankenhaus

Viel Spaß beim Spielen: Der dreijährige Linus ist bei Betreuerin Anna Vogler gut aufgehoben, während seine Familie beim Krankenbesuch ist. Foto:  Coordes

Marburg. Der dreijährige Linus geht schnurstracks auf die Eisenbahn zu. Die Holz-Lokomotiven sind der Renner im Besucherkindergarten des Marburger Universitäts-Klinikums. Linus’ Schwester Leonie malt lieber Schneebilder: „Eigentlich ist es blöd, im Krankenhaus zu sein“, sagt die Achtjährige. Doch im Besucherkindergarten im Mutter-Kind-Zentrum fühlt sie sich wohl.

Der Bedarf ist hoch: Jede Woche kommen etwa 50 Mädchen und Jungen, unter ihnen auch sehr viele Schulkinder. Damit gehört die Marburger Universitätsklinik zu den wenigen Krankenhäusern mit so einem Angebot. In Hessen gibt es nur zwei weitere Besucherkindergärten in Wetzlar und Darmstadt. „Die meisten Leute sind erstaunt, dass es das Projekt gibt“, erzählt Koordinatorin Helga Gold.

Die Kinder im Spielzimmer sind in der Regel gesund. Ihre Eltern nutzen die Zeit, um in Ruhe Kranke zu besuchen. Seit vier Jahren gibt es das Angebot, das von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Marburger Kinderschutzbundes aufrecht erhalten wird. „Es gab schon einen Besuchsdienst und einen Kindergarten für die kranken Kinder“, erklärt Dorothee de la Motte vom Kinderschutzbund Marburg. „Aber die Eltern wussten oft nicht, wo sie ihre gesunden Kinder unterbringen sollten, während sie die kranken Geschwister besuchen.“ Der Besucherkindergarten entspannt die Situation für Kinder und Eltern.

Betreuerin Anna Vogler hat gerade wieder zwei Kinder ins Spielzimmer gelockt. Neugierig schauen sie sich die mit bunten Bildern und Tierfiguren geschmückten Glasflächen des Besucherkindergartens an. Hier können sie kleine Häuser bauen, die Murmelbahn klingeln lassen und Lotti Karotti spielen. Anna Vogler knetet gern mit den kleinen Besuchern – zum Beispiel Namensschilder für neugeborene Geschwister. „Ich habe irrsinnig viel Freude damit“, sagt die 62-Jährige, die einst Erzieherin werden wollte.

„Wir helfen den Kindern, auf andere Gedanken zu kommen.“

Die Betreuerinnen

Für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen gibt es Schulungen und regelmäßige Supervision, betont Koordinatorin Helga Gold. Schließlich bringen die kleinen Besucher und ihre Eltern mitunter große Sorgen mit: „Manchmal ist es schwer für die Kleinen“, weiß Anna Vogler. Lange ging ihr die Szene von der Mutter eines sterbenden Säuglings nach, die ihren Kummer im Besucherkindergarten erzählte. Da sagte der sechsjährige gesunde Sohn: „Mama, du hast ja immer noch mich.“

Es kommt aber nicht nur der Nachwuchs von Besuchern, sondern auch kleine Langzeitpatienten, die fit genug sind, um zwischendurch zu spielen. Das sind Kinder, die unter Krebs, Rheuma oder Muskelkrankheiten leiden: „Wir helfen den Kindern, auf andere Gedanken zu kommen“, erklären die Betreuerinnen.

Die gesunden Kinder erzählen beim Malen und Spielen meist einfach nur von ihrem Alltag – vom Fußball, vom Kindergarten oder der Schule. Vogler: „Ich versuche, so mit ihnen zu spielen, dass sie wieder fröhlich und glücklich zur Tür hinausgehen.“

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Von Gesa Coordes

Quelle: HNA

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