"Méthode Naturelle" in Frankenberg

Sport im Einklang mit Natur und Körper

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Ralf Fröchtenicht und Jörg Fechtner (von links)

Frankenberg - Klettern, Balancieren, Springen: Eine ständig wachsende Gruppe Frankenberger hält sich mit einer 100 Jahre alten Methode fit, die jahrmillionenlang einprogrammierte Bewegungsabläufe in den Fokus stellt.

Ein Kind beim Spielen im Freien zu beobachten ist etwas Großartiges, Beeindruckendes: Behände klettert es über Hindernisse, nutzt Arme, Beine, Knie, Hände. Dutzendfach schrecken die Eltern hoch - „O Gott, nicht den Kopf stoßen“ - doch nichts passiert. Als wenn der Nachwuchs genau wüsste, wo welche Kante, welche Gefahr lauert. Am Abend ist der kleine Spatz dreckig - aber glücklich und erschöpft.

Es kommt die Schule, die Pubertät und spätestens dann der Computer. Das wieselflinke Gespür für die Natur geht verloren. Das Nächste, was der ehemalige Krabbler von seinem Körper verspürt, ist: „Ich hab’ Rücken“ - vom vielen Arbeiten im Büro. Oft hilft das Fitnessstudio, manchmal nur eine schmerzhafte Operation. Das muss nicht sein, sagt sich eine Gruppe Frankenberger - und will die natürlichen Bewegungsabläufe des Menschen wieder ins Gedächtnis rücken.

„Wir machen das, damit im alltäglichen Leben Dinge wieder möglich sind“, sagt Jörg Fechtner. Der Ergotherapeut ist Trainingsleiter der stetig wachsenden Gruppe. Und weil der Mensch der Natur entstammt, trainieren Fechtner und seine männlichen wie weiblichen Mitstreiter zwischen 25 und 55 Jahren vornehmlich im Freien. „Die Natur ist uns sehr hilfreich“, sagt Fechtner. Etwa im Rodenbacher Steinbruch: Wie wild übereinander gewürfelt liegen dort Quader. Durchbrochen werden sie von Bäumen und anderen Pflanzen. Das Gelände lädt zum Fußbrechen ein - oder zum Erkunden mit offenem Auge und ohne Furcht.

Auf allen vieren über Steine

Fechtner lässt sich auf allen vieren nieder. Weit abseits pfeifender Geburtshelferkröten krabbelt er, die Füße voraus, über das Gestein, kommt in die Hocke, springt einen guten halben Meter auf einen Absatz, hebt einen Brocken auf, balanciert mit ihm eine Kante entlang. „Es gibt immer wieder neue, andere Wege“, kommentiert Ralf Fröchtenicht. Er trainiert seit acht Wochen nach den Vorgaben von Fechtner, hat zudem seine Ernährung umgestellt - und fühlt sich so fit wie selten zuvor. „Ich blende dabei alle anderen Dinge aus“, sagt er - die Arbeit, die Familie: Während des Trainings existiert nur das Training. „Es spielt sich irre viel im Kopf ab. Ich kann Ziele erreichen, die ich sonst nie erreicht habe“, sagt er glücklich.

Das bestätigt Fechtner. „Vergangene Woche sind wir gehüpft, aus dem Stand“, erinnert er sich. Klingt nicht spektakulär - solange er nicht sagt, wie weit: „Jeder hat getippt, dass er gut einen halben Meter schafft. Am Ende sind alle mehr als 1,80 Meter weit gesprungen“, sagt er. Keiner der Mitstreiter aber sei Extremsportler. Alle seien „ganz normale Menschen, die sich ein wenig bewusster bewegen möchten“.

Hinter all dem steckt keine Zauberei, keine Wundermittelchen, sondern die Konzentration auf das, was im Menschen angelegt ist. Und das ist nicht das stundenlange Sitzen vor dem Computer - auch, wenn der Arbeitsalltag das oftmals verlangt. Fechtner, Fröchtenicht und die weiteren Sportler trainieren nach der gut 100 Jahre alten „Méthode Naturelle“ des Franzosen Georges Hébert (siehe „Stichwort“). „Die hat auch Turnvater Jahn inspiriert“, weiß Fechtner.

Ihm gehe es nicht um das Training von Muskelgruppen, sondern von Fähigkeiten, aber auch von geistiger Stärke: „Jeder kann 1,80 Meter weit springen“, sagt er - wenn die Einstellung stimmt. „Wenn ich weit über den Tellerrand hinaus schaue, dann komme ich dorthin, wo ich hin will“, beschreibt er den Kniff - und springt kommentarlos eine gute Körperlänge. Wichtig sei jedoch auch bei dem kostenlosen und freiwilligen Training: „Jeder sollte nur das machen, was er sich traut.“ Fechtner wolle niemanden zu etwas zwingen. Und wenn in der einen Woche eine Übung noch zu groß, zu schwierig erscheint, könne das in der Woche darauf schon ganz anders aussehen.

„Wir wollen den Menschen in seiner Freiheit belassen“, erklärt er seinen Ansatz - und erhält auch dabei Unterstützung der Natur. „Alles hier hat Aufforderungscharakter“, sagt er im Steinbruch. Die Teilnehmer wollen bei Balance- und Pfadspielen unbedingt den nächstgrößeren Brocken erklimmen - wie Kinder. Ebenso wie die Kleinen nutzen aber auch die Erwachsenen einen echten Spielplatz: „Man muss der Stadt dankbar sein für den Generatio­nenspielplatz am Teichgelände“,sagt Fechtner. Der gehört zu der knappen Handvoll Plätze, auf denen die Gruppe jeden Mittwochabend übt. Das Training dort sei anders als im Steinbruch, aber ebenso wertvoll. Es gäbe zudem viel zum eigenständigen Entdecken, denn: „Ich kann nicht alles erklären“, sagt Fechtner. Und er fügt an: „Es gibt sicher auch Leute, die besser werden als andere - und ich. Aber es kommt darauf an, besser zu werden als sein altes Ich.“

Kontakt zu den Sportlern unter http://parkournatur.de im Netz.

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