Altenlotheim

Auf den Spuren der deutschen Einheit

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- Frankenau-Altenlotheim (mba). Zwei Radio-Redakteure aus Leipzig durchquerten bei ihrem Projekt „Einheitswandern“ zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung den Kellerwald. Sie übernachteten auf dem Mengershof bei Altenlotheim und unterhielten sich mit den Familien Schunke und Kohl über die Wende.

Der Mengershof liegt so idyllisch abgeschieden am Waldrand zwischen Altenlotheim und Schmittlotheim, dass ein naiver Besucher meinen könnte, die Familie Schunke, die dort lebt, bekommt vom Geschehen in der Welt nur wenig mit. Doch die Schunkes sind keine weltabgewandten Einsiedler und als sich 1989 die Grenzen der DDR geöffnet haben, haben sie dies sogar ganz unmittelbar in ihrer Heimat erlebt: „Als die Grenze aufgegangen ist, war zwei Tage später in Frankenau Ausnahmezustand: Ein Trabbi nach dem anderen“, erinnert sich Christa Schunke an die Wendezeit und erzählt es den beiden Gästen der Familie – zwei Wandersleute, die vor wenigen Stunden auf dem Hof eingetroffen sind, mit müden Füßen und schweren Rucksäcken, und dort eine Nacht verbringen wollen. Die Gäste heißen Katja Schmidt und Sebastian Rumberg. Sie sind Studenten und Mitarbeiter des Leipziger Lokalradiosenders „Mephisto 97,6“. Die beiden wandern in diesen Tagen quer durch Deutschland und sind dabei auf der Suche nach genau solchen Berichten: Von den Menschen, die sie unterwegs treffen, lassen sie sich deren Erinnerungen an die Ereignisse in den Jahren 1989/90 berichten. Es ist ein ambitioniertes Projekt des Senders anlässlich des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung: In zwei Teams sind vier Radiomitarbeiter auf „Einheits-Wanderung“. Ein Duo ist in Görlitz Richtung Westen gestartet, Katja und Sebastian sind von Aachen aus in Richtung ehemalige Zonengrenze losmarschiert. Beide Teams folgen dabei dem „Wanderweg der deutschen Einheit“. Ziel ist am 3. Oktober der Turm der Einheit, der an der ehemaligen Grenze zwischen Thüringen und Hessen steht. Von unterwegs berichten die beiden Teams regelmäßig über ihre Begegnungen. Etwa mit Helfried und Simone Kohl aus Altenlotheim, die für ein Treffen mit den beiden Wanderern auf den Mengershof gekommen sind. Das Ehepaar Kohl ist im November 1989 aus Sebnitz in Sachsen zunächst nach Kirchlotheim gekommen: „Wir hatten noch vor der Wende einen Ausreiseantrag gestellt“, berichtet Simone Kohl. Nach einigen Repressalien und Schikanen durch das DDR-Regime wurde ihnen schließlich die Staatsangehörigkeit aberkannt. Ihre Ausreise aus der DDR fiel dann mit der Wende zusammen. „Wir sind an einem Freitag im November in Bebra aus dem Zug gestiegen und wurden in Fritzlar in der Kaserne untergebracht, dann in Herzhausen auf dem Campingplatz.“ Ihr Mann bewarb sich gleich um eine Stelle bei der Straßenbaufirma Teichmann in Kirchlotheim – und wurde prompt engagiert: „Am Dienstag darauf hat er angefangen zu arbeiten“, sagt Simone Kohl. Sie selbst trat als erstes dem Kirchenchor bei, um zu singen und auch um Leute kennenzulernen. Dort traf sie das Ehepaar Zarges, das den Kohls für eine geringe Miete eine möblierte Wohnung zur Verfügung stellte. Auch die Kirchengemeinde kümmerte sich um die Neuankömmlinge: „Die Gemeinde hat viel für uns gesammelt, Lebensmittel, Kleidung, Spielsachen für die Kinder. Wir sind mit soviel Herzlichkeit aufgenommen worden“, erzählt Simone Kohl. Und das erste Weihnachtsfest im Westen sei ein richtiger Schock gewesen: „In der Christmette bekamen wir so viele Geschenke, unsere Kinder hatten noch nie so viele Geschenke bekommen.“ Auch ein Gutschein für einen Weihnachtsbraten war dabei. Genau solche Erfahrungsberichte suchen die Leipziger Radiomacher: „Davon lebt das Projekt: Mit den Leuten reden“, bringt es der 24-jährige Sebastian auf den Punkt. Für ihren Radiosender wollten die Leipziger auf eine originelle Weise über den Jahrestag der Wiedervereinigung berichten. „Viele junge Leute kennen die DDR nur noch aus den Geschichtsbüchern und von Erzählungen der Eltern“, sagt Sebastian und schließt sich und seine Kollegin mit ein. Beide sind im Osten geboren – Katja in der Nähe von Magdeburg, Sebastian in Dresden –, kennen die DDR aber nur aus frühster Kindheit. „Was macht die deutsche Einheit heute aus? Was hat sich seitdem in Deutschland verändert? Und was wird sich verändern? Antworten auf diese Fragen wollen wir auf einer Wanderung quer durch Deutschland finden“, heißt es auf der Internetseite www.einheitswandern.de. Eine neue Erfahrung sei das Wandern selbst: „Ich bin vorher eigentlich nicht viel gelaufen“, räumt Sebastian ein. Mittlerweile sind die beiden seit mehr als 20 Tagen unterwegs und „gut eingelaufen“. Blasen an den Füßen seien bisher dank guten Schuhwerks kein Problem gewesen. Auch Kartenlesen und das Benutzen eines Kompass mussten sie erst lernen. Die Orientierung hätten sie bisher aber nie verloren, abgesehen von einigen unfreiwilligen Umwegen und falschen Abzweigen, die sie aber schnell erkannten. Für alle Fälle haben sie zur Navigation ein GPS-Gerät dabei. „Den Wanderweg der deutschen Einheit gibt es ja eigentlich gar nicht“, berichtet der Radioreporter. Er setze sich vielmehr aus verschiedenen Wegen zusammen, und die seien mal besser, mal schlechter ausgeschildert. Auf dem Mengershof sind sie eher zufällig gelandet, aber dennoch mit Einladung. Die Übernachtungsmöglichkeit hatte der Frankenauer Bürgermeister Björn Brede organisiert, der ebenfalls zum Treffen gekommen ist. Die Wanderer hatten bei Brede angerufen und um Unterstützung gebeten. Sie hatten gefragt, ob es da eine Turnhalle oder Ähnliches zum Übernachten gebe, berichtet Brede. „Eine Turnhalle, das haben wir so schnell nicht hingekriegt. Aber die Familie Schunke war sofort bereit, die Wanderer aufzunehmen“.

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