„Collegium musicum“ und Kantorei sorgten für kirchenmusikalische Tradition

Die Stadträte sangen mit

Die Böttner-Orgel: Seit mehr als 40 Jahren erfüllt sie, deren Disposition sich am Ideal der Orgelbewegung orientierte, die Liebfrauenkirche bei Gottesdiensten und großen Konzerten mit ihrem Klang. In 41 Registern sind mehr als 3000 Pfeifen zu hören. Fotos: Völker

Frankenberg. Die kleinen Musikantenengel aus Stein, die in der Marienkapelle in einem großen Orchester „unser lieben Frauwen lob zu syngen“ hatten, sind Symbol für die enge Verbindung von Gotteshaus und Kirchenmusik.

Hier folgten auf die gregorianischen Gesänge zur mittelalterlichem Messe schon 1381 Klänge der ersten Orgel, Schulmeister und Rektoren der Frankenberger Lateinschule mit ihren Schülern trugen vor und nach der Reformation den Gesang bei den Gottesdiensten, mit Magister Andreas Eberwein kultivierten ab 1674 auch Mitglieder der Bürgerschaft diese Mitwirkung weiter in einem „Collegium musicum“, das 100 Jahre lang bestand.

Dabei sammelten sich an jedem Sonntag etwa zehn ausgewählte Bürger unter Leitung der jeweiligen Rektoren, unterstützt vom Turmmann mit Instrumentalisten. So hat Stadtmusikus Hermann Lucan die Kirchenmusik „ohnestreitig mit vielen Vergnügen der Gemeinde beständig alle Sonntage wenigstens einmal aufgeführt“. Es war eine Ehre für Bürgermeister und Stadträte, im Kollegium mit seinen strengen Regeln („mit Ernst und Gründlichkeit“) aufgenommen zu werden.

Ihre Namen sind überliefert. 1772 ging das würdige Kirchenkollegium musicum „in schwarzer Kleidung mit aufgerolltem Notenbogen unterm Arm einher“.

Musikhistoriker wie Ewald Gutbier haben detailliert nachgewiesen, welche Werke allsonntäglich von Tischer, Vierling, Doles, Graun, Kesselring, Kellner oder sogar Philipp Telemann, von dem sich elf Kantaten bei den Frankenberger Sängern fanden, aufgeführt wurden. Durch Rektoren und Organisten aus Schmalkalden (Groß, Clemen) gelangten Werke von thüringischen Kantatenkomponisten wie Tischer nach Frankenberg. Überliefert sind auch Turmstücke, die Weihnachten in reicher Bläserbesetzung vom Turm aus musiziert wurden.

Auf Anregung von Julius Schwaner und Rektor Schenk entstand 1884 ein Gemischter Chor, der durch Lehrer der Präparandenanstalt und den Kapellmeister Herguth fortentwickelt wurde, ab 1950 von Heinrich Eckhardt, der mit ihm sogar Oratorien wie Haydns „Die Jahreszeiten“ (1950) oder „Schöpfung“ (1954) aufführte.

Dr. Reinhard Ide leitete den Chor weiter, und Kantorin Ann-Margret Schulze gelang es, den Gemischten Chor 1959 mit dem 1934 von Lehrer und Organist Hermann Böttner gegründeten „Singkreis“ (nach dem Krieg „Kantoreichor“) zur späteren „Kantorei der Liebfrauenkirche Frankenberg“ zu verschmelzen.

Mit Kantor Martin Naumann erlebte von 1965 bis 2001 die Kirchenmusik der Kantorei an der Liebfrauenkirche mit der Ausgestaltung von Gottesdiensten und großartigen Konzertaufführungen sowie intensiven Partnerschaften mit anderen Chören eine neue Blütezeit.

Oratorienprojekt

Kantor Alexander Meyer führte diese Arbeit 2001 fort, plante jedes Jahr neben dem gottesdienstlichen Einsatz der Kantorei die Verwirklichung eines großen Oratorienprojektes, gründete einen „Förderverein Kirchenmusik“ und setzte mit einem Gospelchor und gezielter Gewinnung junger Nachwuchssänger neue Akzente. Martin Naumann blieb als aktiver Chorsänger seinem Chor treu.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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