Verstoßen Verträge gegen Abmachung? - „Deichmann“ und „Ernsting’s family“ wollen rein

Streit um Vermietung des „Frankenberger Tors“

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Frankenberg - Auf aktuell 75 Prozent beziffert Projektleiter Jens Greguhn den Vermietungsstand des Einkaufszentrums „Frankenberger Tor“. Ein zweiter Ankermieter neben „Herkules“ ist die Drogeriekette „Rossmann“. Handelseinig ist sich Ten Brinke mit dem Textilunternehmen „Ernsting’s family“ und Schuhhändler „Deichmann“, doch die Stadt hat diese beiden Verträge noch nicht genehmigt.

Das Einkaufszentrum „Frankenberger Tor“ bekommt immer mehr Profil: Mehr als Dreiviertel der Fläche hat Projektleiter Greguhn inzwischen vermietet. Und auch bei den noch nicht vertraglich vergebenen Quadratmetern ist er äußerst zuversichtlich. „Wir stehen im engen Dialog mit potenziellen weiteren Betreibern“, erklärt er gegenüber WLZ-FZ.

„Diese müssen konzeptionell in das ,Frankenberger Tor‘ passen und nachhaltig leistungsfähig sein. Wir rechnen mit den letzten Unterschriften im Januar oder Februar 2013.“ Dazu zählt unter anderem ein „großes Textilgeschäft“, dessen Name er allerdings noch nicht nennen will. Unabhängig davon sei mit dem aktuellen Vermietungsstand von etwas mehr als 75 Prozent ein Baubeginn möglich.

Vertrag mit „Rossmann“ 
ist unterschrieben

Unter Dach und Fach sind die Verträge mit der Rheika-Delta-Warenhandelsgesellschaft aus Melsungen, die mit dem „Herkules“-Verbrauchermarkt sowie dem „Herkules“-Technikmarkt in das „Frankenberger Tor“ einziehen wird. Fest vermietet ist eine Großfläche an die Drogeriekette „Rossmann“. Außerdem hat der niederländische Investor sich mit diversen Händlern und mit Dienstleistern geeinigt, die Kleinflächen belegen wollen: vom Blumengeschäft über einen Lottoladen bis zu gastronomischen Angeboten. Zur Genehmigung bei der Stadt liegen die Verträge zwischen Ten Brinke und dem Textilunternehmen „Ernsting’s family“ und Schuhhändler „Deichmann“. Bei beiden stellt sich der Bürgermeister Rüdiger Heß aktuell aber quer.

Im städtebaulichen Vertrag ist festgeschrieben, dass sich Ten Brinke sämtliche Verträge mit Unternehmen, die in der Frankenberger Einkaufsmeile „Neustädter Straße bis Bahnhofstraße 18“ ansässig sind, von der Stadt genehmigen lassen muss. Durch diesen Passus will die Stadt die Fußgängerzone schützen: Es soll vermieden werden, dass es zu einer Umsiedlung innerhalb Frankenbergs kommt. Sowohl „Ernsting’s family“ als auch „Deichmann“ betreiben in diesem Areal Geschäfte.

Schon bei der Herbstversammlung des Kaufmännischen Vereins Frankenberg (KVF) machte Heß deutlich, dass er penibel genau darauf achten werde, „dass bei der Erstbelegung des Einkaufszentrums die bestehenden Verträge streng eingehalten werden“. Heß sagte den Kaufleuten: „Notfalls muss man sich auch mal verklagen lassen.“ Damit deutete er an, dass er auch juristische Auseinandersetzung mit Ten Brinke nicht scheue.

Heß überträgt Parlament
die Verantwortung

Eine Entscheidung, ob die Verträge mit den beiden Unternehmen genehmigungsfähig sind oder nicht, will Heß allerdings nicht treffen. Er gibt die Verantwortung an die Stadtverordneten weiter. Sie haben laut Tagesordnung heute Abend in ihrer Jahresabschlusssitzung über die Genehmigung von Mietverträgen zu befinden. In nicht öffentlicher Runde wurde der Sachverhalt auch gestern im Bauausschuss diskutiert – zur Verwunderung etlicher Kommunalpolitiker, die eine Genehmigung eines solchen Vertrages als ureigene Aufgabe des Magistrats bewerten.

Eröffnung vermutlich 
im ersten Halbjahr 2014

Bei der Beurteilung des Sachverhalts gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Denn so eindeutig, wie die beiden Fälle auf den ersten Blick erscheinen, sind sie nicht: Europas größer Schuhhändler „Deichmann“ will seine Filiale nicht von der Bahnhofstraße in die Röddenauer Straße verlegen, sondern eine zweite Filiale eröffnen. Nach Informationen von WLZ-FZ hat die „Deichmann“-Geschäftsführung dies der Stadt sogar schriftlich bestätigt. Insofern müsste Ten Brinke der Stadt den Vertrag lediglich zur Kenntnis geben, ihn aber nicht genehmigen lassen. Die Bedenkenträger befürchten jedoch, dass „Deichmann“ eines Tages die Filiale in der Bahnhofstraße schließt und es somit dann doch zu einem Leerstand kommt. Nach Informationen unserer Zeitung sind die Beweggründe von „Deichmann“ andere gewesen: Ten Brinke plante so oder so mit einem großen Schuhdiscounter im „Frankenberger Tor“. Statt in Konkurrenz mit einem anderen Anbieter zu treten, entschied sich „Deichmann“ zur Flucht nach vorne, um sich zumindest den Umsatz zu sichern.

Ganz anders gelagert ist der Fall „Ernsting’s family“. Dieser Vertrag war einer der ersten, den Jens Greguhn geschlossen hat – zu einer Zeit, als der städtebauliche Vertrag noch nicht ausgehandelt war. Das Textilunternehmen hatte sich nach WLZ-FZ-Informationen bereits vor Jahren an Heß’ Vorgänger Christian Engelhardt gewandt und um Unterstützung bei der Suche nach anderen Räumlichkeiten gebeten. Die Verkaufsfläche in der Bahnhofstraße, direkt neben der Post, entspricht nicht der Größe einer Standardfiliale. Bereits damals stellte die Unternehmensspitze klar, dass Frankenberg verlassen werde, wenn sich kein neues Ladenlokal finde. Lediglich die Aussicht auf einen Einzug in das damals noch unter dem Namen „Eder-Galerie“ diskutierte Einkaufszentrum brachte „Ernsting’s family“ dazu, das Geschäft nicht abzugeben und Frankenberg treu zu bleiben.

Ten Brinke plant mit 
einer Parkdeckebene

Die Meinungsverschiedenheiten zu diesen beiden Verträgen beunruhigen Projektleiter Jens Greguhn allerdings nicht. „Die meisten Genehmigungen wurden bereits von der Stadt erteilt. Da es sich um komplexe Zusammenhänge handelt, ist es nicht unüblich, dass einige Genehmigungen etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen.“ Doch der Baubeginn hat sich ohnehin weiter verschoben. Nachdem der Landkreis als Genehmigungsbehörde seine Zustimmung zum Abriss der Gebäude auf dem Balzer-Raiffeisen-Areal sowie dem Neubau des Einkaufszentrums gegeben hatte, entschied sich Ten Brinke dazu, aufgrund des beginnenden Winters nicht noch in diesem Jahr mit dem Abriss zu beginnen, sondern ab Frühjahr in einem durch zu arbeiten.

„Wir haben bereits zu vielen Firmen aus der Region Kontakt aufgenommen und entsprechende Verhandlungen für die Vergabe von Bauleistungen geführt“, erklärt Greguhn gegenüber WLZ-FZ. „Uns ist es sehr wichtig, dass insbesondere heimische Firmen am Bau beteiligt sind. Gerade in Frankenberg und Umgebung gibt es viele leistungsfähige Unternehmen.“ Viele dieser Unternehmen hätten im Übrigen schon für Ten Brinke gearbeitet. Die Gesamtinvestitionssumme bezifferte Projektleiter Greguhn auf 27 bis 28 Millionen Euro.Bei einer Mietfläche von 12 000 Quadratmetern sollen auf 8600 Quadratmetern Waren verkauft oder Dienstleistungen angeboten werden. Ausreichend Parkraum soll jedenfalls vorhanden sein. Ten Brinke plante ursprünglich mit 1,5 Parkdecks. „Es gibt derzeit Bestrebungen, die Stellplätze auf einer Parkdeckebene zu realisieren. Das verringert die immer wieder diskutierte Baumasse und ist zudem noch erheblich kundenfreundlicher.“ Mit der Eröffnung des „Frankenberger Tors“ ist laut Greguhn im ersten oder zweiten Quartal 2014 zu rechnen.

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