Wer arbeitet an Heiligabend?

Ein Stück vom Fest verschenken

+
Für Menschen da, während andere feiern: Vera Kiss mit ihrer Kollegin Vanessa Müller haben an Heiligabend Dienst auf der kardiologischen Wachstation am Kreiskrankenhaus. Martina Mittler besucht als Mitarbeiterin des ambulanten Pflegedienstes des Frankenberger Roten Kreuzes Menschen, die ihren Alltag und auch ihr Weihnachtsfest alleine nicht mehr meistern können.Fotos: Malte Glotz

Frankenberg - Alle Welt sitzt heute unterm Baum und packt Geschenke aus. Wirklich jeder? Nein, denn es gibt Menschen, die für all jene da sind, denen ein ganz gewöhnliches Weihnachtsfest nicht vergönnt ist.

Man kann diese Geschichte als Lesestück über Menschen schreiben, die einfach ihren Dienst erfüllen. Man kann sie aber auch als herzzerreißendes Stück schreiben über Menschen, die an Heiligabend keinen Besuch haben, die das Weihnachtsfest mit sich selbst ausmachen müssen und das nicht immer schaffen. Beides würde wohl Menschen wie Martina Mittler oder Vera Kiss nicht gerecht.

Mittler und Kiss sind nur zwei von hunderten Menschen, die auch heute, morgen, übermorgen, ebenso an Silvester und an Neujahr arbeiten und mit dieser Arbeit dafür sorgen, dass der größte Teil der Waldeck-Frankenberger - wir alle - einfach ein ganz normales Fest feiern können. Und dass an diesem Fest auf gewisse Weise auch jene teilhaben können, denen das „normale“ an diesem Abend schon lange, oder aber auch ganz spontan völlig abhanden gekommen ist.

„Ich arbeite gerne an Weihnachten“, sagt Martina Mittler. Sie ist für den ambulanten Pflegedienst des Roten Kreuzes tätig. „Seit fünf Jahren mache ich freiwillig an Heiligabend Dienst“, beschreibt Vera Kiss ihren 24. Dezember auf der kardiologischen Wachstation des Frankenberger Kreiskrankenhauses. Ihre Gründe sind ganz verschieden. Was sie erleben aber gleicht sich. „Dankbarkeit ist ein zu großes Wort“, schränkt Kiss ein. „Doch man kriegt schnell genau das zurück - den Dank“, zeigt Mittler, dass Dankbarkeit wohl doch das richtige Wort ist.

Beide wissen: Es ist ein besonderer Tag. „Und ich will auch dafür sorgen, dass es wirklich ein besonderer Tag wird“, sagt Mittler. Wenn sie ihre Patienten besucht, dann sind es meist die gleichen Gesichter, die gleiche Routine des Alltags. „Aber ich bringe an Weihnachten immer etwas mehr Zeit mit“, sagt sie: Nicht wenige Nutzer der ambulanten Pflege sind über die Festtage bei ihren Familien. Das schafft Raum, aus der engen Taktung der Pflege auszubrechen.

Ein paar Plätzchen sorgen für ein Lächeln bei jenen, die niemanden mehr haben oder nur stundenweise Besuch bekommen. „Wir fragen immer vor dem Fest, ob wir kommen sollen - aber wir kommen wirklich gerne, auch wenn es manchen Patienten unangenehm ist, dass wir selbst an einem Feiertag für sie da sind“, sagt Mittler über sich und ihre Kollegen in der ambulanten Pflege.

Wer Vera Kiss an den Weihnachtsfeiertagen dienstlich zu Gesicht bekommt, hat wohl kaum eine andere Wahl. Es sind Patienten mit schweren, teilweise akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die an Heiligabend auf ihrer Station im Kreiskrankenhaus verweilen. „Wir versuchen natürlich, so viele Patienten wie möglich zum Fest nach Hause zu schicken“ - ebenso natürlich klappt das aber nicht immer. „Für diese Patienten sind diese Tage nicht einfach“, weiß die Krankenpflegerin. Gerade der Heiligabend: „Manche versuchen, es einfach an sich vorbeiziehen zu lassen. Andere müssen wir öfter mal in den Arm nehmen“, sagt sie.

Und bei aller Routine nach 30 Jahren in der Krankenpflege nimmt es auch Kiss mit, wenn sie merkt: hier begeht ein Patient gerade sein höchstwahrscheinlich letztes Weihnachtsfest. Und er verbringt es nicht im Kreise der Lieben, sondern in der anonymen Atmosphäre eines Krankenhauses.

Aus diesem Grund erlaubt das Team von Kiss im Krankenhaus auch mehr Besuch auf Station als üblich: Wer seinen kranken Angehörigen besuchen will, soll das an Heiligabend auch dürfen. „Wir wissen, die Situation wird erträglicher durch ein Gespräch“, sagt Kiss. Wo das durch ausbleibende Besucher ebenso ausbleibt, versuchen die Pfleger es zu leisten. „Manch einer spricht über Weihnachten in seiner Jugend. Ein Anderer über sein letztes Fest mit dem Ehepartner“, erinnert sie sich an Erzählungen ihrer zumeist alten Patienten.

Beide Frauen merken, dass sie bewusst Teil des Festes anderer Menschen werden. „Vergangenes Jahr war ich bei einem Ehepaar, dass ich seit vier Jahren betreute“, erinnert sich Martina Mittler. Der Mann, auch im hohen Alter noch musikalisch, zog aus einer Schachtel neben seinem Bett eine Mundharmonika. Ein Zettelchen zeigte das Datum, an dem er selbst das Instrument bekommen hatte: Auf den Tag 50 Jahre zuvor. „Damit hat er dann für mich gespielt. Da kriegt man feuchte Augen“, sagt Mittler, durchaus ergriffen. Einen Monat später verstarb der Mann, der längst mehr war als nur ein Patient.

Momente der Stille sind für das Weihnachtsfest von besonderer Bedeutung. Mittler kann sie leichter gewähren - Kiss hat es auf einer vollen Station mit vielen Besuchern schwer. „Da kann es auch mal turbulent sein“, sagt sie - und ergänzt: „Wir versuchen, den Patienten das nicht spüren zu lassen“.

Es sei schön, wenn sie auf der Station Momente der Ruhe verbreiten könne. Wenn weihnachtliche Atmosphäre aufkomme. „Das sind die Momente, wo uns und den Patienten bewusst wird, dass Heiligabend ist“, sagt Kiss.Dieser eine Tag sei der, an dem die Emotionen bei jedem am stärksten ausgeprägt seien - nicht nur bei Patienten.

Als Mutter hat Kiss dies mitbekommen: „Es ist traurig, wenn das Kind das erste Mal beim Krippenspiel mitmacht, und man ist nicht da“, erinnert sich Kiss. Genau deshalb arbeitet sie an Heiligabend: Ihre Tochter ist inzwischen erwachsen. „Ich möchte jüngeren Kollegen die Chance geben, das Fest mit der Familie zu feiern“, sagt sie. Sie selbst könne auch am Abend noch feiern.

Ebenso gestaltet Mittler, Mutter zweier erwachsener Kinder von 18 und 23 Jahren, ihren Heiligabend: Kaffee und Bratapfel gibt es vor der Arbeit, „dann fährt Mutter zur Arbeit und die Familie breitet alles vor“, sagt sie. Kommen die Frauen am Abend heim, beginnt für sie das Fest. Dann aber haben sie vielen Menschen ein kleines Stückchen vom Weihnachtsfrieden geschenkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare