HNA-Volontär war mit einer Augenbinde unterwegs

Test: Wie bewegen sich Blinde durch die Stadt?

Vorsichtig durch Frankenberg: Blindentrainerin Kathrin Laux gibt HNA-Volontär Matthias Hoffmann Tipps, wie er die Fußgängerzone meistern kann. Foto: Schumann

Frankenberg. Sehbehinderte Menschen müssen lernen, ihren Alltag zu meistern. Die HNA sprach mit einer Betroffenen, die Frankenberg in Sachen Blinden-Barrierefreiheit für rückständig hält. Das haben wir zum Anlass genommen und sind mit verbundenen Augen durch die Stadt gelaufen. Eine Reportage im Dunkeln.

Dunkelheit. Absolute Dunkelheit. Ich, der HNA-Volontär, trage eine Augenbinde und sehe nichts. Meine rechte Hand umklammert einen Blindenstock. Unsicher mache ich einen Schritt nach vorne. „Folgen Sie einfach meiner Stimme“, höre ich Kathrin Laux sagen.

Die 34-Jährige ist ausgebildete Fachkraft der Blinden- und Sehbehinderten-Rehabilitation an der Blindenstudienanstalt („blista“) in Marburg. Laux gibt Sehgeschädigten Unterricht in Orientierung und Mobilität. Heute hilft sie mir. Ich teste, wie sich ein blinder Mensch durch Frankenberg bewegt.

Die ersten Trockenübungen machen wir auf dem Hof der Redaktion. Den Blindenstock lasse ich beim Laufen mit pendelnden Bewegungen vor meinen Füßen auf dem Boden schleifen. Ich achte auf die Geräusche und Schwingungen, die der Stock von sich gibt – gar nicht so einfach.

Doch die eigentliche Aufgabe kommt erst noch: Ohne Augenlicht die Fußgängerzone Frankenberg passieren. Zunächst muss ich die Bahnhofstraße überqueren. Angst habe ich nicht, denn Laux ist an meiner Seite. Ich horche, ob ein Auto herannaht, dann taste ich mich mit dem Stock langsam an den Asphalt der Straße heran, der sich von den Steinen der Regenrinne unterscheidet. Als ich sicher bin, dass die Straße frei ist, gehe ich los. „Prima“, lobt mich Laux, als wir die andere Straßenseite erreichen.

Das nächste Ziel lautet Fußgängerzone. Mein Blindenstock schabt über die Pflastersteine – plötzlich gibt es ein metallisches Geräusch, ich bin damit gegen etwas gestoßen. Sofort halte ich inne. Vorsichtig ertaste ich mit der Hand das Hindernis, es ist ein Reklameschild.

Unsicher umkurve ich die Hürde. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich es geschafft und unser Weg führt in das Kaufhaus Iller-Haus. Wir drehen eine beschwerliche Runde in dem Laden und ich stelle fest: Selbst einfachste Dinge wie eine Rolltreppe stellen mich vor arge Probleme.

Froh, die Brille abzusetzen

Es geht weiter zur Bäckerei Himmelmann und ich bin froh, dass die Tür bereits geöffnet ist. Ich bestelle ein Brötchen, krame umständlich das Kleingeld aus meiner Tasche. Den Blindenstock balanciere ich ungeschickt zwischen Beinen und der Theke. Ob das hier ein 50-Cent-Stück ist, frage ich meine Begleiterin. Sie verneint. Ich hatte die Münze mit einem Euro verwechselt. Wir treten wieder hinaus.

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Von Matthias Hoffmann

Quelle: HNA

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