Kälte gefährtet Honigbienen

Tödliche Gefahr für die Bienenvölker

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Imker Hermann Simon aus Löhlbach ist – wie viele seiner Kollegen – besorgt: Dauert die Frostperiode noch mehr als einige wenige Tage, droht ein Massensterben mit beachtlichen Folgen für Bestäubung und Honigproduktion im Landkreis.

Haina-Löhlbach - Eigentlich müsste die Frühlingsluft schon vom Summen emsiger Bienen erfüllt sein. Eigentlich - denn Frühlingsluft gibt es bislang nicht. Also warten die Bienen - und kommen dem Hungertod Tag für Tag ein Stückchen näher.

Das Schimpfen über das anhaltend kalte und häufig genug trübe Winterwetter gehört inzwischen zum guten Ton. Viele Menschen sehnen sich nach der Sonne und etwas Wärme und lassen ihrem Unmut über den Winter, der nicht enden will, freien Lauf. Doch die Menschen können im Auto, auf der Arbeit, im eigenen Heim die Heizung hochdrehen, das Licht anschalten und das Schmuddelwetter vergessen - für ein anderes Lebewesen aber droht in den nächsten Tagen nichts Geringeres als der Tod: die Honigbienen.

„Ich weiß nicht, wie viele Tage und Nächte die Bienen noch bei solchen Temperaturen aushalten können“, sagt Imker Hermann Simon. Der Löhlbacher sitzt in seinem Wagen, fährt über Feldwege hinter seinem Heimatdorf. Es ist warm in dem Auto, doch draußen liegen die Temperaturen knapp über null Grad. Schneeregen fällt vom Himmel. Simon hat 25 Jahre lang den Frankenberger Imkerverein geführt, ist bis heute Vorsitzender im Frankenberger Kreisverein, der alle fünf Imkervereinigungen im Altkreis umfasst. 265 Imker - darunter nur ein Hauptberuflicher - mit knapp 2000 Völkern gehören zum Kreisverein. Wie viele der Stöcke nach dem Frost noch ein Volk beherbergen werden, ist ungewiss. Die Sorgen der Imker sind groß: Zusätzlich zur Varroamilbe, die 1967 in Europa eingeschleppt wurde und die Züchter seit Jahren beschäftigt, bedroht jetzt auch der Hungertod die Honigbiene.

Nahrung geht aus

Das Problem ist schnell umschrieben: Den Tieren geht die Nahrung aus. Nach der Honig­ernte im Spätsommer beginnen die Imker mit der sogenannten Winterfütterung. Der Honig nämlich ist der eigentliche Vorrat der Tiere für die kalte Jahreszeit. Fehlt er, muss Abhilfe geschaffen werden. Zuckerwasser oder Zuckersirup sind dabei üblich. Zusätzlich bleiben den Tieren Pollen in den Waben, die wichtig für die Eiweiß- und Mineralstoffversorgung der Bienen sind. „Üblicherweise gibt man pro Volk zehn bis 15 Kilo Honigersatz“, erklärt Imker Simon, der selbst 17 Völker besitzt. Ist dieser Vorrat aufgebraucht, muss der Winter vorüber sein - sonst wird es knapp: Ein Nachfüttern ist kaum möglich. „Wenn man den Bienenstock aufmacht, dann kühlt er aus, viele Tiere verlassen ihn“, erklärt Simon, der inzwischen bei seinen eigenen Stöcken angekommen ist. Die Gefahr: Das Volk stirbt. Deshalb bleiben die Kästen im Winterhalbjahr geschlossen; selbst wenn die Nahrung ausgeht.

Dass das jetzt passiert, ist nicht nur der kalten Witterung geschuldet, sondern ausgerechnet auch jenen paar Tagen im März, als es so aussah, als wollte der Frühling kommen. Temperaturen zwischen 12 und 15 Grad Celsius lockten die Menschen ins Freie und auch die Bienen bereiteten sich auf das Frühjahr vor: Sie haben den Reinigungsflug vollzogen, also alle im Winter angefallenen Ausscheidungen entfernt. Schließlich haben sie das Brutnest gelegt - bis zu 7000 neue Bienen wachsen dort pro Volk auf. Doch die Brut muss permanent gewärmt werden: 30 Grad Celsius brauchen die Larven, sonst kommen sie geschädigt auf die Welt oder sterben. Vom Moment der Brutlegung an brauchen die Bienen also nicht nur Nahrung für sich selbst, sondern müssen zusätzlich für Wärme sorgen. „Und Bienen können nicht mit Öl heizen“, scherzt Simon, schlingt die Arme um sich und fährt fort: „Sie machen das wie Menschen im Freien: sie zittern.“ Das erhöht den Energiebedarf - also den Nahrungsverbrauch.

Imker sind hilflos

Selbst der angekündigte, zaghafte Frühlingsbeginn kann die Mine von Imker Simon kaum aufhellen: „Wenn morgen der Frühling voll da wäre, gäbe es immer noch keine Blüten“, klagt er. Sein Blick fällt auf das Geäst rund um seine Bienenstöcke, er zeigt auf einen Haselstrauch: „Die Lämmerschwänzchen sind noch kaum ausgebildet.“ Ähnlich die Salweide, die mit ihren Weidenkätzchen auch ein beliebter Osterschmuck ist: „Die blüht meist am 23. oder 24. März voll auf. Daran ist nicht zu denken“, sagt Simon. Den Tieren bleiben nur einige Krokusse - selbst die Schneeglöckchen haben Frostschäden. „So etwas haben wir noch nie erlebt“, blickt Simon inmitten von Schneeresten in die Vergangenheit. Das Bitterste: „Wir Imker wissen nicht, was wir machen können“.Doch zumindest er will seine Völker noch nicht aufgeben: Aus einem Schuppen holt er weiße Würste, klebrig und süß: „Ich gebe jetzt diesen Teig aus Honig und Puderzucker“, sagt er, macht vorsichtig einen Kasten auf und drückt die Masse zwischen die Rähmchen, die die Waben beherbergen. „Vielleicht bringt es ihnen die entscheidenden Tage“, sagt er, fast schon flehend.

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