Zeitzeuge Wolfgang Lauinger schilderte Burgwaldschülern die „Swingjugend“

Verhört und gefoltert

Swing tanzen verboten: Mit Schildern, Bildern und Plakaten aus seiner Jugendzeit schilderte der 92-jährige Zeitzeuge Wolfgang Lauinger in der Burgwaldschule, wie die Nationalsozialisten ihre Subkultur der „Swingjugend“ unterdrückten. Foto: Völker

Frankenberg. „Es gab Bücherverbrennungen, Marschmusik und vormilitärische Ausbildung in der Hitlerjugend. Aber wir wollten uns nicht der NS-Kultur und ihrem Zwang unterwerfen“, erzählt der 92-jährige Wolfgang Lauinger. In der Bibliothek der Frankenberger Burgwaldschule sitzt er zwischen Schülern und jungen Instrumentalisten aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg, die ihm zu Ehren alte Stücke aus der Swing-Ära eingeübt haben. „Wir wollten frei sein und anders leben.“

Es ist eine ganz andere Geschichtsstunde, die die Burgwaldschüler da erleben. Ein Zeitzeuge, der damals so jung war wie sie heute, erzählt von seiner Zugehörigkeit zur „Swingjugend“, die nicht von den Nazis gleichgeschaltet werden wollte wie die Wandervögel, Pfadfinder oder politischen Jugendverbände, sondern sich mit langen Haaren, karierten Hosen und Hüten in ihren Frankfurter Lieblingscafés traf. Dort durften so lange Platten mit der verbotenen amerikanischen Musik aufgelegt werden, bis Gestapo-Spitzel auftauchten. Lauinger liest aus ihren Protokollen vor.

Zusammen mit Dr. Bettina Leder-Hindemith vom Hessischen Rundfunk, die die Lebensgeschichte des Frankfurter Halbjuden Wolfgang Lauinger erforscht und bei der Vorbereitung der aktuellen Sonderausstellung „Legalisierter Raub“ im Korbacher Museum mitgewirkt hat, entfaltet der 92-Jährige das erschreckende Bild einer Zeit, in der nicht angepasste Jugendliche in „Schutzhaft“ genommen, verhört und gefoltert wurden. Sein bester Freund war Franz Kremer, der als 16-Jähriger drei Monate in Gefängniskellern verschwand. Erst 1994 erfuhr Lauinger, dass er noch am Leben ist.

Die Burgwaldschüler haben viele Fragen: Warum wurden immer die Jüngsten zuerst herausgegriffen? Wie sah sonst die Freizeit der Jugendlichen in der NS-Zeit aus? Welche Einstellung hatten sie zum Hitler-Staat? „Nachdem Deutschland nach 1945 ein Trümmerhaufen war, setzte die Aufarbeitung leider erst sehr spät ein“, bedauert Lauinger. Ihn beunruhigt, dass jetzt wieder rechte Gruppen Zulauf haben, die solche Systeme verherrlichen. „Was damals an Verbrechen verübt worden ist, ein Krieg, der 50 Millionen Tote gekostet hat, solch ein menschenverachtendes System darf sich nieder wiederholen“, appelliert Wolfgang Lauinger. Deswegen wendet sich der 92-jährige an die junge Generation heute.

Und er dankt besonders den Mädchen und Jungen aus vier Waldeck-Frankenberger Schulen, die als „School Unity Orchestra“ mit Jörg Bomhardt solche Swingtitel eingeübt haben, die Wolfgang Lauinger damals besonders liebte.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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