Theater-AG spiel "Durcheinandertal"

Viel Durcheinander - viel Vergnügen

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In der Hauptrolle glänzt Lukas Scholl, der den Wahnsinn des Predigers Moses Melker überzeugend auf die Bühne bringt.

Frankenberg-Schreufa - Im Dampfmaschinenmuseum bringt die Theater-AG der Edertalschule Friedrich Dürrenmatts Werk „Durcheinandertal“ auf die Bühne: vergnüglich, schrill, bunt, laut - und ziemlich gut.

„Babulabudä“ - oder so ähnlich - ist eines der ersten Worte, dass von der Bühne in den Zuschauerraum des Dampfmaschinenmuseums dringt: willkommen im postdramatischen Theater. Was Paul Möllers und Ingrid Obermann in den vergangenen Monaten mit der Theater-AG der Edertalschule ausgearbeitet haben, ist pures Vergnügen ohne Konvention.

Wenn zertretene Bockwürste ins Publikum fliegen und das Ensemble vor Lachen eine Pause einlegen muss, wenn wilde Gangster von der Bühne geifern und Techniker zielstrebig durch die Szene laufen, dann wird die Vierte Wand mit dem Vorschlaghammer eingerissen. Genau so schnell bauen sie die Schauspieler aber wieder auf, manchmal schier unüberwindbar hoch, sodass sich dem Publikum kaum erschließt, was dort auf dem Parkett gerade geschieht - oder warum.

Religion, Geld, Sex, Feuer

Die Geschichte von Friedrich Dürrenmatts Werk „Durcheinandertal“ ist schnell erzählt: Im namensgebenden Tal kauft der Prediger Moses Melker (Lukas Scholl) ein Kurhaus. Im Sommer schuften im rasch umgetauften „Haus der Armut“ die Reichen der Welt, um sich Gottes Gnade zu sichern - und Melkers beträchtliches Vermögen zu mehren. Im Winter versteckt der Liechtensteiner „Reichsgraf von Kücksen“ (Laura Schäfer) dort Schwerverbrecher: Mörder, Vergewaltiger, Räuber.

Beides ist für die Dorfbewohner nicht von Vorteil. Im Sommer sind sie arbeitslos, da die Superreichen ihnen alles wegarbeiten - und im Winter wird Elsi (Katrijn Kornmann), Tochter des Gemeindepräsidenten, von dem Gangster „Big Jimmy“ (Johanna Krüger) vergewaltigt. Kein Wunder, dass wenig später das ehemalige Kurhaus in Flammen steht.

Das alles setzen die Edertalschüler gekonnt um. Die Darstellung ist mehr als nur souverän. Die Absurdität des Stückes treiben sie auf die Spitze: grenzdebile Jünglinge, tanzende Dorfbewohner, Polizisten mit Action-Held-Bewegungen. Herausragend ist Lukas Scholls Darstellung des Moses Melker. Er spielt die Rolle mit viel Energie, bebend bis in die Fingerspitzen - der Blick bleibt irgendwann an diesen Fingern haften, vielleicht setzt er sie zu stark ein. Das Feuer des irren Missionars brennt in seinen Augen, er überzeugt nicht nur die Superreichen, die an seinen Lippen hängen, sondern auch das Publikum. Gebannt schaut es ihm dabei zu, wie er während der knapp zweistündigen Inszenierung zwei Morde begeht, unbehelligt von der Ordnungsmacht.

Playmobil auf der Leinwand

Die große Stärke des Stücks ist das Bühnenbild, das auf ungewohnte Art in die Inszenierung einbezogen wird. Es besteht aus Leinwänden und Bänken, ansonsten nur aus einer Miniaturwelt. Mit Playmobil spielen Techniker nach, was auf der Bühne passiert, Kameras übertragen das Geschehen auf die Leinwände und sorgen für einen Hintergrund, der die Blicke immer wieder auf sich zieht. Sofort fällt beim Blick auf die Schauspieler auf, dass ihre Kostüme jenen der Spielzeugfiguren auf der Leinwand gleichen.

Kira Drössler als Sprecherin kommentiert beides, Gesehenen auf der Bühne wie auf der Leinwand. Unglücklich, dass sie dabei ständig mit ihrem Mikrofon zu kämpfen hat. Die Lautstärke ihrer Stimme schwank zwischen Lärm und kaum vernehmbarem Flüstern - ein Durcheinander, das sicher nicht im Sinne der Macher liegt.

Doch kleine Pannen wie diese trüben das Vergnügen kaum. Die Inszenierung ist pfiffig und modern. Die Schauspieler sind stark, ihr Spiel erfrischend und witzig. Der wahre Mangel ist das Stück: Dürrenmatts Werk pendelt zwischen einer das Bergidyll als verlogen entlarvenden Posse im Stile von „Der Besuch der alten Dame“ und Klamauk. Die Schüler geben dem Stück mehr, als es hat - wirklich retten aber können sie es nicht.

Spielzeiten: heute, Samstag und Sonntag jeweils ab 20 Uhr.

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