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Vor 40 Jahren: 10.000 demonstrierten in Frankenberg gegen atomare Wiederaufbereitungsanlage

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Von: Karl-Hermann Völker

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Dicht gedrängt auf dem Frankenberger Obermarkt: Nach dem Demonstrationszug durch die Stadt äußerten vor 40 Jahren mehrere tausend Menschen lautstark ihren Protest gegen die geplante Atom-Wiederaufarbeitungsanlage bei Wangershausen. Ihre Ortsschilder dokumentierten den breiten Widerstand aus der Region. 	Fotos: Völker
Dicht gedrängt auf dem Frankenberger Obermarkt: Nach dem Demonstrationszug durch die Stadt äußerten vor 40 Jahren mehrere tausend Menschen lautstark ihren Protest gegen die geplante Atom-Wiederaufarbeitungsanlage bei Wangershausen. Ihre Ortsschilder dokumentierten den breiten Widerstand aus der Region. © Karl-Hermann Völker

Vor 40 Jahren erlebte Frankenberg die größte Demonstration seiner Geschichte. 10.000 Menschen protestierten gegen den Plan, im Stadtteil Wangershausen eine atomare Wiederaufbereitungsanlage zu bauen.

Frankenberger Land - Wenige Wochen nachdem die Deutsche Gesellschaft für die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen auf der Suche nach einem politisch durchsetzbaren Standort für eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) Frankenberg-Wangershausen genannt hatte, erlebte die Stadt am 23. Januar 1982 mit etwa 10.000 Menschen die größte Demonstration ihrer Geschichte.

Mehr als 30 Anti-WAA-Bürgerinitiativen aus dem Landkreis und dem Sauerland hatten zu dem Protest gegen eine Fabrik zur Herstellung des hochgiftigen Plutoniums aus abgebrannten Kernbrennstäben im Wald bei Wangershausen aufgerufen. Daran erinnern wir heute im „Blick zurück“.

„Kämpft für das Leben, stoppt die Atomindustrie!“ – „Lieber strahlende Feriengäste als eine strahlende WAA!“ – „Keine WAA in Wangershausen oder anderswo!“ Ein Meer von Transparenten wogte zwischen Schneeschauern durch die Fußgängerzone. Trommeln, Trillerpfeifen und Sprechchöre gaben den Rhythmus an, der Obermarkt konnte die Menschenmassen zur Kundgebung kaum fassen.

Rund 10.000 Menschen machten den Landes- und Kommunalpolitikern bereits früh deutlich: Gegen dieses von der hessischen Landesregierung gewollte Atomprojekt, das in einer Mammutfabrik im Wald bei Wangershausen aus abgebrannten atomaren Kernbrennstäben hochgiftiges Plutonium für Schnelle Brüter erzeugen wollte, würde die Bevölkerung erbitterten Widerstand leisten.

Seit die Meldung der HNA „Wiederaufarbeitung: Raum Frankenberg und Merenberg als Standorte vorgesehen“ am 2. Dezember 1981 die Menschen alarmiert hatte, machten sich die Bürger mit Fachleuten, Lehrern und Chemikern über diese Atomfabrik mit extrem hohem Schornstein für nicht filterbare Reststoffe sachkundig. Es bildeten sich in den kommenden Monaten Bürgerinitiativen in mehr als 30 Dörfern und Städten „rings um Wangershausen“, koordiniert von der „Bürgerinitiative Umweltschutz Frankenberg (BIUF)“.

Begrüßung: Gisela Gabriel eröffnete für die Bürgerinitiative Umweltschutz die Kundgebung. Schrift am Skelett neben ihr: „Ich bin die strahlende Zukunft“.
Mit Kutsche vorweg: Ludwig Heidt führte an der Spitze das Pony, hinten rechts erkennt man Demo-Leiter Willi Hofmann, der zeitweilig zu Fuß ging. © Karl-Hermann Völker

„Wir zeigen eindrucksvoll durch unser Handeln, dass die Demokratie auch in dieser Gegend bestehen bleiben muss und unsere Politiker nicht länger gegen den Willen der Bevölkerung entscheiden dürfen“, rief BIUF-Sprecherin Gisela Gabriel zu Beginn der Kundgebung am Rathausbrunnen aus. „Als Mutter von drei Kindern fordere ich Sie stellvertretend für alle Frauen und Mütter dieser Region auf, sich vor uns zu stellen und uns vor einer WAA hier und anderswo zu bewahren,“ appellierte sie.

Der junge Liedermacher Pago Bahlke, heute erfolgreicher Schauspieler und Kabarettist nahe Bremen, sang sein „Frankenberg-Lied“: „Bevor die uns in alle Winde verjagen, machen wir dicke Luft gegen die oben und sagen: kein Müll und kein Plutonium!“

Kampf gegen WAA: Behörden erschweren Großdemo durch Auflagen

Bis zuletzt hatten Behörden diese Großdemonstration durch Auflagen zu erschweren versucht: So durften keine Tragetaschen mitgeführt werden, weil sich darin Wurfgeschosse verbergen könnten. Für alle möglichen Schäden, auch im Umfeld von Dritten angerichtet, sollte der für die Demonstration verantwortlich zeichnende Rentner Willi Hofmann finanziell haftbar gemacht werden – dies wurde rechtzeitig gekippt durch einen Beschluss des Verwaltungsgerichts. Polizisten hatten die Fußgängerzone Tage zuvor nach losen Pflastersteinen abgesucht, ein Kaufmann ließ seine Glasvitrinen vorsichtshalber schon mal rundum mit Spanplatten einschalen.

Man hatte bereits von bereitstehenden Wasserwerfern gemunkelt. Doch die Demonstration blieb friedlich. Die aus Bildern von der Startbahn West gefürchteten „Berufsdemonstranten und Chaoten“ kamen nicht. Örtliche Posaunenchöre spielten. Der Widerstand erwies sich als bodenständig, die Bürgerinitiativen führten konzertiert Schilder mit ihren Ortsnamen mit sich. Ihr damaliger Sprecher Manuel Zimmermann, der heute in Korbach lebt, bilanziert: „Wir alle waren überzeugt, uns erfolgreich gegen die große Politik eingemischt und den Mächtigen ein ihnen wichtiges Projekt aus der Hand geschlagen zu haben.“

Kampf gegen WAA macht bundesweit Schlagzeilen

Bundesweit berichteten auch in den Folgemonaten die Medien über den Kampf gegen die WAA bis zur Aufgabe des Standorts Wangershausen durch die DWK Ende 1982. „Dass die HNA als Lokal- und Regionalblatt nachhaltig darüber berichtete, was 1982 in Frankenberg bis zur Landtagswahl im Oktober los war, hat der politischen Fortbildung der Bevölkerung sehr geholfen“, sagt heute der damalige BIUF-Pressesprecher Zimmermann. Mit Telefonaktionen, Politikerinterviews sowie 280 Artikeln, Berichten und Leserbriefen allein in den ersten vier Monaten nach der Bekanntgabe des Standorts bot die Frankenberger Allgemeine den Bürgern eine breite Diskussionsplattform.

Begrüßung: Gisela Gabriel eröffnete für die Bürgerinitiative Umweltschutz die Kundgebung. Schrift am Skelett neben ihr: „Ich bin die strahlende Zukunft“.
Begrüßung: Gisela Gabriel eröffnete für die Bürgerinitiative Umweltschutz die Kundgebung. Schrift am Skelett neben ihr: „Ich bin die strahlende Zukunft“. © Karl-Hermann Völker

Kampf gegen WAA erfolgreich: Pläne werden endgültig aufgegeben

Ohne Akzeptanz in der Bevölkerung, so hatten 1979 in Niedersachsen Ministerpräsident Albrecht und die Atomindustrie bitter gelernt, ist eine Wiederaufarbeitungsanlage nicht realisierbar. Deshalb sollten später im Streuverfahren 170 in der Bundesrepublik mögliche Standorte getestet werden, darunter in Nordhessen auch der I-Berg bei Volkmarsen und Diemelstadt-Wethen. Nachdem die Pläne für den Frankenberger Stadtteil Wangershausen gescheitert waren, machte in Bayern Ministerpräsident Franz-Josef Strauß die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf zu seinem Prestigeobjekt und versprach dem strukturschwachen Landkreis Schwandorf 3000 Arbeitsplätze.

Obwohl sich dort breiter Widerstand aus allen gesellschaftlichen Schichten formierte, verkaufte der Freistaat 1985 das WAA-Baugelände. Es folgten bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen mit Räumung eines Hüttendorfes, CS-Reizgas-Einsatz, blutigen Krawallen am Bauzaun, Klagen vor dem Verwaltungsgericht und 1988 endlich mit dem Abbruch des Bauvorhabens.

Der missglückte Versuch kostete die deutsche Energie-Wirtschaft rund 3,2 Milliarden Mark (etwa 1,63 Milliarden Euro). WAA-Pläne in Deutschland wurden mittlerweile auch wegen Unwirtschaftlichkeit aufgegeben. Stattdessen wurde Atom-Müll künftig nach La Hague und Sellafield zur Wiederaufbereitung transportiert. Beide Anlagen leiten nach wie vor täglich Millionen Liter radioaktive Gewässer ins Meer und werden dafür von Umweltschutzverbänden und -organisationen kritisiert.

Bis heute sind alle Versuche, ein Endlager für tausende Tonnen hochradioaktiver Abfälle zu finden, gescheitert. Sie werden für eine „Übergangszeit“ in Zwischenlagern geparkt, ungelöstes Erbe für künftige Generationen. Nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima (Japan) 2011 leitete die Bundesregierung den Atomausstieg für 2022 ein, Silvester gingen drei Atomkraftwerke vom Netz. (Karl-Hermann Völker)

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