Gemünden

Wasserleitung erlöste Frauen vom Joch

- Gemünden (mba). Was im Alltag als Selbstverständlichkeit erscheint, war für die Gemündener Grund für einen Gedenktag: Die Versorgung der Haushalte mit Trinkwasser. Beim „Tag des Wassers“ erinnerten sie sich an den Bau der Wasserleitung vor hundert Jahren.

Am 3. August 1910 gründete sich der Wasserleitungszweckverband Gemünden-Bunstruth und bereits am 20. September 1910 begann der Bau der Wasserleitung. Das 100-jährige Bestehen von Wasserverband und Wasserleitung nahmen die Gemündener zum Anlass, sich bei einem „Tag des Wassers“ an diese Errungenschaft zu erinnern. „Hundert Jahre, eine lange Zeit. Hier ändern sich Technik, Material aber auch das Anspruchsdenken in Bezug auf eine funktionierende Wasserversorgung“, sagte der Gemündener Bürgermeister Frank Gleim bei der Begrüßung der Gäste. „Für uns Bürgerinnen und Bürger ist es eine Selbstverständlichkeit beim Aufdrehen des Wasserhahnes, dass ein Produkt namens Wasser immer in ausreichender Qualität und Menge zur Verfügung steht.“ Das dies aber gar nicht so selbstverständlich sei, werde meist nur dann wahrgenommen, „wenn das Wasser eben mal nicht zur Verfügung steht.“ Daher solle der „Tag des Wassers“ auch auf die notwendigen täglichen Arbeiten des Wasserverbandes aufmerksam machen. In der Sport- und Kulturhalle gab es eine Ausstellung rund ums Thema Wasser, die die Wasserversorgung von der technischen Seite ebenso beleuchtete, wie sie darauf aufmerksam machte, dass Wasser nicht nur für den Menschen lebensnotwendig ist und Gewässer Lebensräume für Tiere und Pflanzen sind. Die Besucher erfuhren bei einer Stadtführung mit Cordula und Wolfgang Glöde zeigen lassen, wo früher die Brunnen und Wasserbehälter der Stadt waren und konnten die heutige Pumpstation Kirschgarten und den Gemündener Hochbehälter besichtigen. Auf großes Interesse bei den Zuhörern stieß der Vortrag von Werner Gleim, dem Vorsitzenden der Verbandsversammlung des Wasserleitungszweckverbandes. Er hatte die Geschichte der Wasserversorgung in Gemünden recherchiert und diese in einen größeren Rahmen gestellt. Gleim spannte einen weiten Bogen in die Geschichte und begann zur Zeit des römischen Reiches, dass schon eine fortschrittliche zentrale Wasserversorgung gehabt habe: Köln wurde damals zum Beispiel über eine 100 Kilometer lange Wasserleitung aus der Eifel mit täglich 20000 Kubikmeter Wasser versorgt. Zum Vergleich: In Gemünden sind es laut Gleim 800 Kubikmeter. Das römische Reich ging bekanntlich unter und mit ihm seine technischen Errungenschaften: „Erst Ende des 19. Jahrhunderts erreicht die Wasserversorgung deutscher Städte den Stand, der dem einer 2000 Jahre zurückliegenden Epoche entsprach“, sagte Gleim. Für Gemünden stamme der erste nachweisliche Hinweis auf die Wasserversorgung aus dem Jahr 1523 und befasse sich mit dem Umbau des Borns, dem Brunnen, beim Rathaus zu einem Kumpf, das ist ein gemauerter Wasserbehälter. „Ab dem Jahr 1587 wurde das Trinkwasser über eine Rohrleitung vom Willgersborn über ein Wasserkunstgebäude in den Kumpf bei Rathaus befördert. Diese stockte oftmals und blieb im Winter ständig stehen“, berichtete Gleim. Nachdem die Wasserversorgung 1797 zusammengebrochen war, habe das Steuerkollegium in Kassel empfohlen, die Röhren frostfrei „drei Schuhe unter die Erde“ zu legen und den Wasserkumpf neu zu fassen. „Bis zum Anschluss an die Wasserversorgungsanlagen des Wasserleitungszweckverbandes Gemünden Bunstruth war der Kumpf am Rathaus die Hauptwasserversorgung für die höher gelegenen Teile der Stadt Gemünden“, sagte Gleim. Fließendes Wasser aus dem Hahn ist heute eine Selbstverständlichkeit, doch bevor die Gemündener Wasserleitung 1911 fertiggestellt wurde, mussten die Menschen das Wasser selbst herbeischaffen. Frauen hatten damals bei der Wasserversorgung laut Gleim eine „tragende Rolle“: „Die tägliche Arbeit vieler Frauen bestand darin, das Wasser für den täglichen Gebrauch und zur Versorgung der Tiere mit dem Tragejoch von dem Brunnen ins Haus zu schleppen“, erzählte er seinen Zuhörern. „Eine Kuh kann bis zu 150 Liter Wasser pro Tag verbrauchen.“ Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Gemündener Frauen von ihrem Joch „erlöst“: Im Jahr 1907 wurde das Kasseler Ingenieurbüro Leithäuser mit der Planung für die Herstellung einer zentralen Wasserversorgung für die Orte Altenhaina, Halgehausen, Bockendorf, Sehlen, Grüsen und Gemünden beauftragt. Am 3. August 1910 wurde der Wasserleitungszweckverbandes gegründet, nachdem die Wasserrechte der Kirschgartenquelle zu einem Preis von 15000 Mark , das entspricht heute 75000 Euro erworben wurde. Am 20. September 1910 war Baubeginn für die Wasserleitung, die im November des Folgejahres fertig gestellt wurde. Weitere Bauwerke zur Sicherstellung der Wasserversorgung im Verbandsgebiet waren die Druckerhöhungsanlage in Halgehausen, errichtet 1948, die Pumpstation in Kirschgarten, gebaut 1967, und die Hochbehälter in Halgehausen und Gemünden, die beide im Jahr 1972 gebaut wurden.

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