Helfende Hände im Gottesdienst

Weihnachten in der Liebfrauenkirche

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In der Liebfrauenkirche feiern an Heiligabend mehr als 1500 Menschen in drei Gottesdiensten die Geburt von Jesus Christus.Archivfoto: Malte Glotz

Frankenberg - Einen Gottesdienst am Heiligen Abend besuchen allein in der Frankenberger Liebfrauenkirche mehr als 1500 Menschen. Zahlreiche Mitglieder der Kirchengemeinde sind an diesem Tag in die Gestaltung der Gottesdienste eingebunden. Sie bereiten sich wochenlang auf das besondere Kirchenfest vor - und nehmen oft Aufgaben im Schatten wahr.

Für viele Christen ist der Heilige Abend mit dem Besuch eines Gottesdienstes verbunden. In den Kirchen des Landkreises füllen sich am 24. Dezember die Kirchenbänke wieder mit vielen Menschen, die die Geburt Jesu feiern. Angeleitet wird der Gottesdienst von den Pfarrern der Kirchengemeinden - sie stehen im Blickpunkt der Gläubigen. Unterstützt werden sie von Lektoren, von Musikern und den Kindern aus dem Kindergottesdienst. In der Frankenberger Liebfrauenkirche finden allein am Heiligabend drei Gottesdienste statt. Viele Beteiligte sorgen für einen stimmungsvollen und reibungslosen Ablauf des Festes.

Kantor Daniel Gárdonyi beschäftigt sich seit einem Jahr mit Weihnachten. Denn am Zweiten Weihnachtstag interpretieren die Kantorei und das Orchester der Edertalschule gemeinsam „Vom Himmel hoch“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Der Kantor kümmert sich seither um Finanzierung, um Solisten, um Noten - und probt seit Ende der Sommerferien mit der Kantorei. Die Vorbereitungen für die beiden Abendgottesdienste an Heiligabend geschehen hingegen eher kurzfristig: Weil auch der Posaunenchor musikalische Beiträge leistet, singt die Kantorei nicht so viel. Die Proben beginnen um den Ersten Advent herum. Für dieses Jahr hat Gardonyi zwei Sätze von Praetorius ausgewählt - einer davon ist das bekannte „Es ist ein Ros‘ entsprungen“. Eine Premiere feiert die Kantorei mit „Vom Himmel hoch, o Englein kommt“ in einer Bearbeitung von Gardonyis Vater.

Weihnachtszeit bedeutet für den Kantor Stress: Er bereitet sich nicht nur auf Weihnachten vor, sondern gestaltet mit der Kantorei auch viele zusätzliche Andachten. Auch die Planungen für das nächste Jahr nehmen viel Raum ein.

„Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Viel zeit, um selbst Weihnachten zu feiern, bleibt da nicht.“

Zeit für seine Familie hat der Kantor erst, wenn Weihnachten vorbei ist - und selbst dann muss er für sein Orgelkonzert an Silvester proben. Spaß hat aber daran: „Es ist schön, wenn das Ergebnis steht und wir gemeinsam die Früchte ernten können. Das aktive genießen von Weihnachten ist das, was wir in unserer Kirchenmusik tun dürfen.“

Pfarrer Christoph Holland-Letz hält in diesem Jahr die Gottesdienste um 15 Uhr und um 17 Uhr in der Liebfrauenkirche. Mehr als 1000 Menschen werden seiner Predigt lauschen - eine Woche zuvor stand dieser Text nicht einmal fest. Natürlich wird er die Weihnachtsbotschaft verkünden - aber in jedem Jahr stellt er einen anderen Aspekt heraus, der die Botschaft für die Kirchengemeinde neu interessant machen soll. „Ich beschäftige mich mit Liedern, lese in einem Adventskalender mit besinnlichen Gedanken - daraus ziehe ich manchmal meine Inspiration“, sagt der Pfarrer.

„Ich gebe den Gedanken Raum, in mir ein Echo zu erzeugen. Manchmal bin ich dann sehr glücklich über meine Predigt, manchmal denke ich aber auch, dass sie nicht den erhofften Glanz hatte.“

Die Weihnachtszeit bringt Holland-Letz viel Arbeit: Der Posaunenchor möchte die Lieder wissen, die er spielen soll - der Pfarrer muss rechtzeitig Lieder raussuchen, die zu seiner Predigt passen, obwohl er die Predigt noch nicht kennt. Er entwirft einen Gottesdienst, überlegt, was passen könnte - schließlich soll sich das Thema wie ein roter Faden durch den Gottesdienst ziehen. Aber es gibt nicht nur die Gottesdienste an Heiligabend - sondern viele weitere vorher. Und die müssen auch vorbereitet werden. „Ich muss mir Inseln freiräumen, um mich auf Heiligabend vorzubereiten“, sagt Holland-Letz. Dann setzt er sich hin und liest, zündet den Adventskranz an oder schneidet Barbarazweige, damit sie an Weihnachten erblühen - ein Symbol, dass das Licht in der Dunkelheit des Lebens aufscheinen möchte. „Ich bin aber nicht permanent weihnachtlich gestimmt. Es gibt immer Dinge, die ratlos oder traurig machen“.

„Gerade vor dem dunklen Hintergrund der Probleme begreife ich den hellen Schein der Weihnachtsbotschaft viel intensiver.“ Der Gottesdienst an Heiligabend ist für Holland-Letz kein Stress - auch wenn er der „Moderator“ ist, der durch den Abend führt. „Durch die Atmosphäre kommt Weihnachten mir im Gottesdienst sehr nahe - auch wenn ich vorher schon weiß, was gesagt wird.“

Eva Jerrentrup sorgt mit vielen anderen Menschen für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste: Um 17 Uhr spielt sie mit ihrem Flötenkreis in der Hospitalkirche und um 23 Uhr verstärkt sie die Kantorei gesanglich während der Christmette in der Liebfrauenkirche. Sie bereitet sie sich sehr früh auf die Kirchenfeste vor: Die Kantorei probt seit Monaten jede Woche, der Flötenkreis übt vier Stücke seit einigen Wochen ein. Jerrentrup singt seit mehr als 50 Jahren in der Kantorei und seither singt sie jedes Jahr am Heiligen Abend in der Kirche. Stress war es für sie nie - und auch kein Problem für die Familie. Ihr Mann leitete den Posaunenchor, die Kinder spielten mit. Die Mitgestaltung des Gottesdienstes war schon immer Familiensache. „Zwischen den Gottesdiensten bleibt ja auch ein bisschen Zeit. Die verbringen wir gemeinsam daheim“, sagt Jerrentrup.

„Musizieren gehört für mich dazu. Das ist Weihnachten.“

Seit 20 Jahren ist ihre Familie um 17 Uhr in der Liebfrauenkirche und sie in der Hospitalkirche. Dort gab es kaum musikalische Umrahmung an Heiligabend. Dafür sorgt sie seither mit einer kleinen Gruppe Flötenspieler.

Küster Wilfried Koch hat an Heiligabend einen stressigen Tag. Morgens ist er in der Liebfrauenkirche, um die Technik und die Heizung zu überprüfen. Dann schließt er die Kirche über Mittag zu. „Eine geschlossene Kirche ist keine Kirche“, sagt er normalerweise. Aber es sei schon vorgekommen, dass jemand die Lichter am Tannenbaum herausgedreht habe. Damit der Weihnachtsbaum am 24. Dezember hell über der Kirchengemeinde erstrahlt, öffnet Koch erst gegen 14 Uhr die Pforten, um letzte Vorbereitungen für den Familiengottesdienst um 15 Uhr zu treffen. „Etwa 450 große und kleine Besucher sind dabei“, erzählt er, während er beim Aufbau für einen Gottesdienst in der Weihnachtszeit hilft. Derzeit ist sein Terminkalender voll - fast jeden Tag feiert eine Schule, ein Verein, ein Kindergarten, Weihnachten in der Liebfrauenkirche.

Die Kinder sind willkommen, auch am Heiligabend. Nach dem Familiengottesdienst hat Koch allerdings wieder zu tun: Um 17 Uhr fängt der Hauptgottesdienst mit mehr als 700 Besuchern an. Die Bühnenteile, die beim Krippenspiel gebraucht wurden, müssen weggeräumt werden. Und die Besucher des Hauptgottesdienstes sind früh - sie wollen gute Plätze haben. Der Küster sorgt dafür, dass die Besucher, die keinen Sitzplatz mehr bekommen haben, nicht die Notausgänge versperren. „Da schimpfen manche Menschen, wenn ich ihnen sage, dass sie nicht auf den Treppen stehen dürfen“, sagt Koch. Er lässt es seit 22 Jahren über sich ergehen.

„Das Küsteramt ist eine Berufung für mich. Ich möchte es machen, solange der liebe Gott mir die Kraft gibt. Und solange ich die Schlüssel an meinem Schlüsselbund für die Kirche noch auseinanderhalten kann.“

Während der Gottesdienste wird es ruhiger für den Küster. Er sitzt im Hintergrund und verfolgt das Geschehen - hat dabei aber ein Auge darauf, dass es den Menschen gut geht und die Technik funktioniert. Nach knapp 45 Minuten ist es allerdings vorbei mit der Ruhe: Der Gottesdienst endet, die Christmette steht zwar erst für 23 Uhr an - aber vorher müssen die Stühle aus dem Chorraum geräumt, Liedzettel eingesammelt und neue Blätter bereitgelegt werden. Dann ist auch für Wilfried Koch besinnliche Zeit - zumindest für drei Stunden. Er fährt nach Hause, isst mit seiner Familie zu Abend und genießt die Ruhe, bis 22 Uhr. Dann schließt er wieder die Kirche auf - und freut sich auf die Christmette: „Es ist der schönste Gottesdienst, wunderbar ruhig“, sagt er. Rund 400 Menschen besuchen ihn.

Wilfried Sagel spielt seit fast 61 Jahren in Posaunenchören der evangelischen Kirche. Seit mehreren Jahrzehnten gestaltet er die Gottesdienste an Heiligabend in der Liebfrauenkirche mit. Besondere Vorbereitungen, die über die übliche Übungsstunde hinaus gehen, hat er dafür nicht - viele traditionelle Weihnachtslieder spielt er routiniert. „Wir treffen uns eine halbe Stunde vor den Gottesdiensten zum Einblasen“, sagt er. Und eine Woche vor Heiligabend erfährt er, welche Stücke überhaupt gespielt werden. Die werden dann gemeinsam nochmal geübt.

„Ich spiele schon sehr lange Trompete und in Gottesdienste gehe ich auch. Da bietet diese Verknüpfung sich ja an.“

An Heiligabend empfängt der Trompeter die Besucher des Familiengottesdienstes vor der Kirche. Dann spielt er mit den beiden abendlichen Festgottesdiensten. „Dazwischen feiern wir zuhause Weihnachten.“

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