Frankenberger Kulturring präsentierte erfolgreich „Der Gott des Gemetzels“

Wenn Fassaden bröckeln

Zwischen Wut und Ekel: In der turbulenten Beziehungskomödie „Der Gott des Gemetzels“ kämpften (von links) Anna Stieblich, Jacqueline Macaulay, Adnan Maral und Matthias Fuhrmeister mit amüsanten Wortsalven. Foto: Völker

Frankenberg. Dass Nachbarn ausdauernd am Maschendrahtzaun Krieg führen können, haben Fernseh-Dokus in den letzten Jahren immer wieder gezeigt. Wie aber eine Prügelei ihrer Sprösslinge zwei gutbürgerliche Elternpaare zu Hyänen werden lässt, die aus dem Käfig der Konventionen ausbrechen und sich skrupellos bekämpfen - das demonstrierte auf Einladung des Frankenberger Kulturrings in der Ederberglandhalle das Euro-Studio Landgraf mit einer höchst turbulenten, treffsicheren Inszenierung des Bühnen-Blockbusters „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza.

Bitterböses Beziehungsstück

Seit seiner Uraufführung 2006 in Zürich gehört das bitterböse Beziehungsstück zu den erfolgreichsten Theater-Werken Deutschlands. Welt-Literaturpreisträgerin Yasmin Reza erhielt dafür mehrere Auszeichnungen. Für den Regisseur Roman Polanski, der sich bereits mehrfach als werkgetreuer Literaturverfilmer hervorgetan hat, war der Bühnenhit immer noch so aufregend, dass er ihn erst jetzt, ins amerikanische Milieu verlegt, auf die Leinwand brachte. Dieses aktuelle, viel gelobte Kinoereignis schraubte die Erwartungshaltung des Frankenberger Publikums in der fast ausverkauften Ederberglandhalle besonders hoch.

Und es wurde nicht enttäuscht: Zwei gut situierte Pariser Großstadtpaare, umgeben vom spießigen Halbrund der Bücherrücken und Import-Tulpen, ließen Wort für Wort ihre verlogenen Fassaden abbröckeln, und explosionsartig wie der Strahl des Erbrochenen von Anwaltsgattin Annette Reille (Anna Stieblich) machte sich der blanke Hass Luft.

Da wechselten minütlich die Allianzen zwischen Männer-Kumpels und Frauenverstehern, Ehepaare schleuderten sich lang gehortete Giftpfeile ins Gesicht. Spätestens bei dem Satz von Allain Reille (Matthias Fuhrmeister) „Das ist die Hölle“ fühlte man sich an Szenen aus Sartres Drama „Geschlossene Gesellschaft“ erinnert.

Auch wenn bei solch einem Wortgemetzel der Übergang zum Klamauk nicht überall ganz randscharf gezeichnet war: In der Regie von Bernd Motti lieferte das Ensemble mit Jacqueline Macaulay als kraftvoll-kämpferische Veronique Houillé, Anna Stieblich als hysterisch-wankende Annette Reille, Matthias Fuhrmeister als skrupellosem Pharma-Anwalt Alain Reille und Adnan Maral als lustvoll demaskiertem Biedermann Michel Houillé ein Handlungstableau zwischen Erschrecken und Amüsement.

Das Schlachtfeld Wohnzimmer, bei allen boulevardesken Pointenzuspitzungen der Inszenierung, offenbarte erschreckende Nähe zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das Frankenberger Publikum bedankte sich für einen höchst anregenden Theaterabend mit lang anhaltendem Beifall.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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