Anna Dersch leistet Freiwilligendienst in der Dominikanischen Republik

Wenn Herzlichkeit Luxus ersetzt

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Frankenberg/Bonao - Fließendes Wasser, Duschgel, Toilettenpapier und Strom, Internet und asphaltierte Straßen sind Luxus: das hat Anna Dersch während ihres Aufenthalts im Rahmen des Freiwilligendienstes in der Karibik gemerkt. Für die Frankenberger Zeitung berichtet die junge Frau von ihren Erlebnissen.

Warmes Wasser ist enormer Luxus, genauso wie Milch, eine funktionierende Polizei und das Gefühl, auf der Straße sicher zu sein und die Abwesenheit von Mücken, Kakerlaken und Ameisen.Privatsphäre ist nahezu unerschwinglicher Luxus, Kranwasser trinken zu können, ist ganz und gar unerschwinglicher Luxus. Das habe ich in der Dominikanischen Republik gelernt.

Im Herbst 2012 bewarb ich mich für einen Weltwärts-Freiwilligendienst, der etwa einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Ausland - allerdings in einem Entwicklungsland - gleichzusetzen ist. Im Winter desselben Jahres erhielt ich meine Zusage für die Dominikanische Republik. Nach dem Abi ging es dann los.Ich hatte wenig Ahnung, was mich dort überhaupt erwarten würde.

Die bisher ereignisreichsten Monate meines Lebens, lassen sich schwer zusammenfassen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich aus dem Flugzeug ausstieg und mir selbst nachts noch eine schwüle Hitze entgegenschlug, an die riesigen, plastikgleichen Blüten und Ranken, an das durchsichtig türkise Meer, wie man es von Postkarten und aus Reisekatalogen kennt.Die andere, nicht urlaubsparadiesische Seite der Dominikanischen Republik, ließ nicht lange auf sich warten. Ich arbeite und lebe in Bonao, einer 160000-Einwohner Stadt im Zentrum der Insel, die weiter entfernt vom Urlaubsort Punta Cana kaum sein könnte.

Bei der Ankunft traf mich der Kulturschock: das Chaos auf den Straßen, das einfache Leben, das tropische Klima und vor allem die Sprachbarriere waren als Eindrücke so überwältigend, dass sie mich erschöpften.Ich lebe bei einer dominikanischen Familie, in einem abgelegenen, armen und gefährlichen Viertel - einem sogenannten ,,Barrio“. Die Straßen sind nur teilweise geteert - alles ist staubig, es gibt kein fließendes Wasser und nur wenige Stunden Strom am Tag. Authentischer und näher an der Kultur könnte meine Erfahrung kaum sein.

Während meines Aufenthalts habe ich nicht nur Spanischsprechen gelernt, sondern auch meine beiden pubertierenden Gastschwestern ins Herz geschlossen, ein Sozialleben aufgebaut, die traditionell dominikanischen Tänze Bachata und Merengue gelernt, die traumatischen Folgen eines Raubüberfalls verarbeitet, eine Denguefiebererkrankung überstanden - und ich bin vor allem an der Herausforderung gewachsen und selbstbewusster geworden.

200 Kinder im Kindergarten

Meinen Freiwilligendienst verrichte ich in einer Kindertagesstätte. Sie heißt Estancia Infantil ,,La Amistad“ und beherbergt etwa 200 Kinder zwischen null und fünf Jahren. In der Dominikanischen Republik gibt es zu viele Kinder, was an der mangelnden Bildung und Aufklärung liegt. Mutterschutz existiert nicht und die Arbeitslosenquote liegt bei 45 Prozent, weshalb Kindertagesstätten unerlässlich sind. In der staatlichen Einrichtung werden von 7.30 Uhr bis 18.30 Uhr alle Kinder nach Altersgruppen getrennt in winzigen Gruppenräumen betreut und im Stile der Vorschule in einfachen Themen unterrichtet.

Ich unterstütze bei der Betreuung und sehe mich vor allem in der Verantwortung, den Kindern, die enorm unruhig und häufig an Schläge gewöhnt sind, genügend Liebe und Aufmerksamkeit zu geben. Ich singe, spiele und kuschle mit ihnen, lese ihnen vor, dusche sie und unterrichte außerdem die Vierjährigen spielerisch in Englisch.

Die knappen Ressourcen des Kindergartens reichen nicht wirklich für Spielzeug, das Gebäude hat bloß ein Blechdach, die Räume sind lediglich durch Stellwände getrennt und das Geschrei von 80 Kindern auf einer Etage mischt sich mit dem Verkehrslärm.

Das Arbeitsumfeld ist dank unserer Kolleginnen nichtsdestotrotz wahnsinnig angenehm und ich habe den Eindruck, dass nicht nur unsere Arbeit sondern auch der kulturelle Austausch den Erzieherinnen viel bringt. So wissen sie von der Existenz Europas und über dessen Vielfalt, Währung und Klimazonen Bescheid. Ein Allgemeinwissen, über das in der Dominikanischen Republik die wenigsten verfügen. Denken hier doch viele, alle Weißen lebten in den USA, der Hauptstadt von New York.

In meiner Freizeit gehe ich tanzen, ins einzige Kino der Stadt, treffe mich mit Freunden und Kolleginnen und helfe in einer Abendschule als Vertretungslehrerin aus. Sonst mache ich häufig auch einfach nichts. Denn das ist nun mal der karibische Lebensstil, der nicht gerade vor Aktivitäten strotzt und in dem der Horizont nur weniger Menschen über ihr eigenes ,,Barrio“ hinausreicht.

Allerdings habe ich recht leicht und auch preisgünstig die Möglichkeit, in kurzer Zeit an einen Traumstrand zu gelangen und so schon viele Teile des vielfältigen Landes bereist, unter anderem den höchsten Berg der Karibik, der mit knapp 3100 Metern höher als die Zugspitze ist.

In der Dominikanischen Republik habe ich auch gelernt, dass das Fehlen von Dingen, die wir in Deutschland für selbstverständlich halten, leicht durch herzliche, offene, warmherzige und trotz allem optimistisch eingestellte Menschen kompensiert werden kann.

Mehr Bilder und Erfahrungen aus Anna Derschs Jahr gibt es auf ihrem Blog.

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