Familienstreit endet vor Gericht

Wenn Mutter und Sohn zu Gewalttätern werden

Frankenberg/Burgwald - Es geht um Geld und ein Stück Papier, es endet mit Treten, Würgen und Beißen. Eine Frau und ihr Sohn wurden wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Opfer war eine Verwandte.

Frankenberg/Burgwald. Gemeinschaftliche Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung, vermeintliche Erpressung und ein mysteriöser Drohbrief: Es ist ein Familienstreit, wie ihn viele wohl nur in Nachmittags-Serien im Privatfernsehen erwarten würden. Hauptdarsteller sind die Angeklagten: eine 70-jährige Frau und ihr 44 Jahre alter Sohn. In einer weiteren Rolle: die Nichte beziehungsweise Cousine der Beschuldigten, die als Nebenklägerin und Geschädigte auftritt.

Eine Liste als Auslöser

Doch der Streit der beiden Parteien folgt keinem Drehbuch und stammt nicht aus einer Daily-Soap - und so mussten sich die Verantwortlichen gestern vor einem realen Gericht verantworten.

Der Frankenberger Amtsgerichtsdirektorin und Vorsitzenden Richterin Andrea Hülshorst sowie der Staatsanwaltschaft geht es vor allem darum, die genauen Umstände des unrühmlichen Höhepunktes aufzuklären. Im April 2013 kommt es in einem Haus in der Gemeinde Burgwald zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen den Angeklagten und der Geschädigten. Doch um zu verstehen, warum das passiert, ist die Vorgeschichte wichtig.

Die beiden Angeklagten leben gemeinsam mit Vater beziehungsweise Großvater in einem Haus. Dieser ist pflegebedürftig, unterstützt aber mit seinem Geld seine Töchter. Das gilt auch für die Mutter der Nebenklägerin. Seit sieben Jahren dürfe ihre Mutter nicht mehr das Haus des Vaters betreten, erklärt die Geschädigte. Die genauen Gründe für den lange andauernden Streit mit den Angeklagten bleiben unklar. Der Großvater unterstützt seine Tochter dennoch finanziell.

Die Ausgaben behält sein Enkelkind, der 44-jährige Angeklagte genau im Blick. Er führt eine Liste: Innerhalb von zwei Jahren habe der Großvater 25000 Euro an die Mutter der Nebenklägerin abgegeben. Diese erklärt an, von regelmäßigen Geldgeschenken nichts zu wissen. Immer wieder mal habe es aber zum Beispiel Unterstützung bei Reparaturen am Haus gegeben.

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die beiden Angeklagten sagen, dass es so nicht weitergehe. Der pflegebedürftige Vater beziehungsweise Großvater habe kein Geld mehr, dieses reiche nur noch für dessen eigene Beerdigung.

Als die Geschädigte die Familie im Burgwald besucht - nach Angaben der Angeklagten wollte sie um Geld für Medikamente bitten - eskaliert die Situation. Der 44-jährige Angeklagte holt die Liste mit den Ausgaben hervor, um seiner Cousine zu verdeutlichen, dass der Großvater kein Geld mehr hat.

Ab hier unterscheiden sich die Aussagen der beiden Parteien. Die Frau will die handschriftlich angefertigte Liste mit nach Hause nehmen und die Zahlen überprüfen. Die Angeklagten geben an, sie habe das Dokument vernichten wollen. Sie erklären gegenüber der Richterin, dass sie die Frau festgehalten hätten, weil diese flüchten wollte. „Dabei hat sie geschrien, als habe sie eine Tobsuchtsanfall“, gib die 70-Jährige zu Protokoll. In diesem Gerangel stürzt ihre Nichte zu Boden. Nachdem Mutter und Sohn ihr den Zettel abgenommen haben, lassen sie die Verwandte gehen und sprechen ein Hausverbot aus

Die Geschädigte schildert den Vorfall weitaus drastischer. Sie habe sich von den beiden verabschiedet - mit der Liste in der Hand. Auf dem Weg nach draußen rennt plötzlich ihr Cousin hinter ihr her und würgt sie. Durch die halb offene Tür ruft sie um Hilfe. Doch gemeinsam zerren die Angeklagten die Frau zurück ins Haus, die 70-Jährige schließt die Tür ab. In dem Tumult wird ihr auf die Hand getreten, sie wird gebissen und ihr Arm wird verdreht. Kurzzeitig habe sie das Bewusstsein verloren, erklärt die 34-Jährige. Als sie sich wieder aufrappeln kann, verlässt sie das Haus. Bei ihren Beschreibungen kommen ihr im Gerichtssaal die Tränen.

Ein Teil des Szenarios verfolgt ein Nachbar. Er erklärte gestern, durch die Hilferufe auf das Geschehen aufmerksam geworden zu sein. Er geht zu seiner Frau und sagt ihr, wie er beobachtet habe, dass die beiden Angeklagten die 34-Jährige in die Wohnung gezerrt hätten. Bevor er darüber nachdenkt, ob er helfen kann, sieht er, wie die Geschädigte wieder zur Tür rauskommt und mit dem Auto wegfährt.

Die Frau wird von ihrer Schwester ins Krankenhaus gebracht. Dort liegt sie eine Woche - mehrere Prellungen und ein Würgetrauma werden festgestellt. Bis heute befinde sie sich in traumatischer Behandlung und müsse Schmerzmittel nehmen, erklärt die Geschädigte. Weitere Zeugen beschreiben ihren Zustand nach der Tat als panisch, verängstigt und eingeschüchtert.

Wenige Tage nach dem Streit stirbt der Großvater. Zur Zuspitzung des Konfliktes haben wohl auch Gedanken um das Erbe und die zerschlagene Hoffnung auf Geld aus einem Hausverkauf beigetragen. Zur Nebensache gerät dabei ein Drohbrief, der an Heiligabend im Briefkasten der Mutter der Nebenklägerin landet. Die Angeklagten gaben an, das Schreiben noch nie gesehen zu haben.

Kaum Reue

Einsicht zeigten die beiden gestern nicht wirklich. Sollte der Angeklagten etwas zugestoßen sein, so sei das nie die Absicht gewesen. „Eine Entschuldigung sieht anders aus“, erkannte Richterin Andrea Hülshorst. Mildernd auf das Strafmaß wirkte sich aus, dass die Angeklagten sich bislang nichts zu Schulden haben kommen lassen. Außerdem bewertete die Richterin die schwierige Gesamtsituation, mit einer zerstrittenen Familie und einem 44-Jährigen, der viele Jahre seinen Großvater pflegte.

Letztendlich erhielten Mutter und Sohn eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten auf Bewährung. Beide müssen 1500 Euro Schmerzensgeld an die Nebenklägerin zahlen. Der 44-jährige muss zudem 50 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten, seine Mutter soll 500 Euro an den „Treffpunkt“ zahlen. (tt)

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