Taktische Medizin: Möglichst viele, möglichst schnell

Wie Retter im Katastrophenfall in Waldeck-Frankenberg vorgehen

Frankenberg. Seit  Anschläge und Amokläufe zunehmen, müssen Polizei und Rettungskräfte sich noch besser koordinieren. Das Kreiskrankenhaus  hat darauf jetzt mit einer Schulung in Taktischer Medizin reagiert.

Worum geht es bei Taktischer Medizin?

„Der Begriff bezeichnet einen Einsatz, bei dem nicht medizinische Gesichtspunkte, sondern polizeiliche Aspekte Vorrang haben“, erläuterte Dr. Marius Merz, Dozent für Taktische Medizin, der die Schulung am Kreiskrankenhaus leitete. Im normalen Klinikalltag hat Individualmedizin mit dem Ziel, den Patienten zu retten, immer Vorrang. In Ausnahmesituationen muss sie hinter den polizeilichen Auftrag, den Täter auszuschalten, zurücktreten.

Wann kommt Taktische Medizin zur Anwendung?

In Situationen mit erhöhter Bedrohung, in denen schnelles und taktisches Handeln erforderlich ist, wie zum Beispiel bei einem Terroranschlag oder einem Überfall, bei dem der Täter noch nicht gefasst ist. „Ziel der Rettungskräfte in solchen Fällen muss es sein, möglichst viele Menschen möglichst schnell zu retten“, sagte Marius Merz. Das bedeutet, dass ein Patient, der unter normalen Umständen überleben würde, eventuell nicht gerettet werden kann.

Wie entscheiden Notfallmediziner bei vielen Schwerverletzten, wer gerettet wird?

Dafür kommt das sogenannte Triage-System zum Einsatz. Hierbei werden Patienten danach eingeteilt, wie dringlich ihre Verletzungen zu behandeln sind. Die Rettungskräfte heften den Opfern Anhängerkarten mit fünf verschiedenen Farbcodes an: Rot markierte Patienten müssen sofort versorgt werden, gelb heißt aufgeschobene Dringlichkeit. Der grüne Anhänger weist darauf hin, dass der Patient später behandelt werden kann. Mit blau markierte sterbende Patienten werden lediglich betreuend behandelt. Tote werden mit schwarz gekennzeichnet.

Wie sollte ich mich als Bürger bei einer solchen Gefahrenlage, wie etwa einem Terroranschlag, verhalten?

„Flüchten Sie in ein festes Gebäude, schalten Sie Ihr Handy auf lautlos und stellen Sie sich tot“, rät Dr. Merz. Wem es möglich ist, der könne die Leitstelle der Polizei mit Informationen versorgen – jedoch ohne die eigene Sicherheit zu gefährden.

Warum sind Kenntnisse in Taktischer Medizin wichtig für Rettungskräfte?

Kommunikation zwischen Polizei und Notfallmedizinern, geschweige denn gemeinsame Übungen für den Ernstfall, haben in der Vergangenheit so gut wie gar nicht stattgefunden. Durch das erhöhte Aufkommen von Terroranschlägen wird die Verständigung zwischen den beiden Einheiten nun immer mehr erforderlich. „Es ist wichtig, die Denkweise des anderen zu verstehen“, erklärte Dr. Merz.

Warum sind solche Maßnahmen auch für eine Kleinstadt wie Frankenberg relevant?

Um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Dass in der Vergangenheit zumeist Großstädte das Ziel von Terroranschlägen waren, heißt nicht, dass sich diese nicht auch in Kleinstädten ereignen können. Bei Massenveranstaltungen – wie zum Beispiel dem Hessentag vom 25. Mai bis zum 3. Juni in Korbach – müssen Rettungskräfte außerdem immer mit einem erhöhten Aufkommen von Schwerverletzten rechnen.

Wie ist das Kreiskrankenhaus Frankenberg für den Hessentag eingeplant, der vom 25. Mai bis 3. Juni in Korbach stattfindet?

Die medizinische Versorgung von Verletzten wird vor Ort in Korbach geschehen. „Wir sind Auslagerungsklinik für die Kollegen in Korbach“, sagte Dr. Hannes Gabriel, Ärztlicher Direktor des Kreiskrankenhauses. Sollte der Fall eintreffen, dass so viele Menschen verletzt wurden, dass die Klinik in Korbach überlastet ist, werden die umliegenden Krankenhäuser einbezogen. Einen offiziellen Notfallplan gebe es zwar noch nicht, die ersten Absprachen zwischen den Kliniken seien jedoch bereits geschehen.

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Stefan Puchner/dpa

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