Filmvorführung "Willkommen auf Deutsch"

Willkommenskultur sucht Struktur

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Sie diskutierten nach der Vorführung über die Situation von Flüchtlingen im Frankenberger Land: Uwe Jansen vom Landkreis, Moderator Simon Schüler, Landtagsabgeordnete Dr. Daniela Sommer und Herbert Keim vom Netzwerk Integration (v.l.).

Frankenberg - Rund 150 Besucher verfolgten am Montagabend den Dokumentarfilm „Willkommen auf deutsch“ in der Ederberglandhalle. Politiker, ehrenamtliche Betreuer und Betroffene forderten zur „Willkommenskultur“ auch eine „Willkommmensstruktur“ für Flüchtlinge.

Im Frankenberger Land herrscht eine breite Akzeptanz und Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge aus Krisengebieten, die seit mehreren Monaten in vielen Dörfern und Städten eine neue Heimat finden. Der 90-minütige Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ zeigte am Beispiel von zwei norddeutschen Dörfern Probleme, Sorgen und Vorurteile der Einheimischen gegenüber Flüchtlingen. Junge Männer, die Krieg, Armut und Perspektivlosigkeit entfliehen, sollen in einem 400-Seelen-Dorf untergebracht werden, das weder Bäcker noch Supermarkt hat. Was passiert, wenn Menschen aufeinander prallen, die sich fremd sind?

Über einen Zeitraum von fast einem Jahr begleiteten die Autoren Carsten Rau und Hauke Wendler Flüchtlinge, Anwohner sowie den Bereichsleiter der überlasteten Landkreisverwaltung - stellvertretend für die 295 Landkreise bundesweit. Der Film wirkte kontrovers, emotional und auch amüsant. Er führte viele Situationen vor Augen, die schwierig, aber nicht hoffnungslos sind.

In der nachfolgenden Diskussion, moderiert von Simon Schüler, schilderten Herbert Keim vom Frankenberger „Netzwerk Integration“, der Integrationsbeauftragte des Landkreises Uwe Jansen und Landtagsabgeordnete Dr. Daniela Sommer die aktuelle Situation im Kreisgebiet. Derzeit laufen hier rund 1300 Asylverfahren. In diesem Jahr wurden dem Landkreis bereits 679 Flüchtlinge zugewiesen. „Die Tendenz ist steigend, noch wird vieles in den Erstaufnahmelagern abgefangen“, betonte Jansen.

Fünf Arbeitsgruppen

In Frankenberg leben derzeit 115 Flüchtlinge. Dort kümmern sich zahlreiche Ehrenamtliche in fünf Arbeitsgruppen um die Neubürger. „Sprachunterricht, Sportangebote, Begleitung zu Behörden und Ärzten, Kinderbetreuung, Hilfe bei der Wohnungssuche, Möbeltransport“, schilderte Herbert Keim die Aufgaben, mit denen sich die Ehrenamtlichen befassen. Die Helfer im Netzwerk seien an ihre Grenzen gestoßen, die Hilfe müsse neu organisiert werden, sagte er. „Wir Ehrenamtlichen können gern auf das Lob der Politiker verzichten, wenn die nur ihre Arbeit machen würden“, erklärte Keim unter großem Applaus. Die jungen Menschen brächten ein Riesen-Potenzial mit und wollen nicht monatelang rumhängen. „Warum entscheidet man nicht schneller?“. Kritik kam auch aus dem Publikum: „Die lange Dauer der Verfahren sorgt für eine Re-Traumatisierung der Betroffenen und Demotivation der Ehrenamtlichen“.

Zur Sprache kam auch die unklare Anwendung des Dublin-Abkommens. Kilian Emde, Leiter der Ausländerbehörde beim Landkreis, stellte klar, dass Flüchtlinge aus Syrien keine Abschiebung in ihre Erstankunftsländer befürchten müssen: „Alle Verfahren werden nach und nach abgearbeitet“.

Die Landtagsabgeordnete Dr. Daniela Sommer, die nach ihrem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr in einem Übergangswohnheim über Spätaussiedler absolvierte, kann die Probleme nachvollziehen. Die Asylverfahren würden wegen der Masse und der genauen Prüfung der Fälle derzeit sehr lange dauern. Sie kritisierte fehlende Mindeststandards für Wohnung und Betreuung. „Zur Willkommenskultur gehört auch eine Willkommensstruktur“, forderte die SPD-Politikerin. Sie berichtete von mehreren parlamentarischen Initiativen im Landtag und sprach von einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.

„Wir haben keine Probleme mit Flüchtlingen“, stellte Keim dar. Es fehle nur eine Koordination und mehr Unterstützung. Er lobte die Familie Ahlborn als „Super-Herbergseltern“ und warb für weitere Helfer: „Die Arbeit mit den jungen Leuten macht viel Spaß“. Viele Syrer und Eritreer wollen in Frankenberg bleiben und suchen derzeit Wohnungen. Auch die heimische Wirtschaft müsse reagieren und Angebote machen, forderte Keim. Die Flüchtlinge, die in Frankenberg leben, wollen sich auf ihre Weise bedanken: „Dankeschön Deutschland“ heißt die Aktion an der viele Syrer in Frankenberg am heutigen Donnerstag ab 13 Uhr an der Ecke Bahnhofstraße/Am Hain teilnehmen. „Unsere Kinder können endlich wieder in Sicherheit schlafen gehen, sie gehen hier zur Schule und wir haben Arbeit gefunden“, sagte Rustem Suleman. Die Syrer wollen morgen als Dankeschön viele Blumen an die Frankenberger verteilen.

Das Frankenberger „Netzwerk Integration“ lädt zudem am nächsten Montag, 14. September um 19 Uhr zu einem öffentlichen Treffen in den Sitzungssaal des Rathauses ein. Es werden weitere ehrenamtliche Helfer, unter anderem zur Hallenaufsicht beim regelmäßigen Sport gesucht. (sr)

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