Projekt hinter der Landesgrenze

Wisente werden in Wittgensteiner Wald ausgewildert

Bad Berleburg - Mit bis zu einer Tonne Gewicht zählen Wisente zu den schwersten Tieren Europas. Es gilt aber als unwahrscheinlich, dass Wanderer oder Radler die scheuen Wildrinder in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen.

Im Wittgensteiner Wald bei Bad Berleburg - nur wenige Kilometer hinter der Grenze zu Hessen - soll eine Wisentherde in die Freiheit entlassen werden. Die Initiatoren bezeichnen das Vorhaben als „einmaliges Artenschutzprojekt in Westeuropa“. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat diese Woche grünes Licht gegeben.

Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, damit die Wisente noch in diesem Winter in die Freiheit entlassen werden und ihre zukünftige Heimat im Wittgensteiner Wald in Besitz nehmen können. Der Vorsitzende des Trägervereins „Wisent-Welt-Wittgenstein“, Bad Berleburgs Bürgermeister Bernd Fuhrmann, betont zufrieden: „Das ist ein großartiger Erfolg für das Artenschutz-Projekt und für alle, die daran mitgewirkt haben.“

Die initiative ging auf Waldbesitzer Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg hervor, der mit seiner Idee von frei laufenden Wisenten in einem bewirtschafteten Wald den Anstoß für das Projekt gab.

Nach jahrelangen Planungen und Vorarbeiten waren die ersten Wisente im März 2010 nach Bad Berleburg gekommen. „Egnar“ und seine Gefährten erhielten dort ein rund 88 Hektar großes Eingewöhnungsareal. Darin wurden sie auf ihre künftige Freiheit vorbereitet. Die ist nun gekommen: Frei laufende Wisente in einem bewirtschafteten Wald, das gibt es in ganz Westeuropa nur in Wittgenstein. „Mit der Freisetzung der Wisente in Wittgenstein wird die derzeit unbesetzte ökologische Nische des großen Gras- und Raufutterfresser im Ökosystem Wald wieder besetzt“, betont Dr. Peter Finck vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn. „Das Freisetzungsprojekt kann zudem einen Beitrag zur Erhaltung dieser vom Aussterben bedrohten Tierart leisten.“ Über einen Zeitraum von knapp drei Jahren wurden die Wisente im Eingewöhnungsareal wissenschaftlich begleitet. Eine Steuerungsgruppe wurde installiert, die als eine Art Aufsichtsrat das Projekt begleitet hat. Zwischen dem Trägerverein und dem nordrhein-westfälischen Umweltministerium wurde zu Beginn des Wisent-Projekts ein öffentlich-rechtlicher Vertrag geschlossen. Dort ist die Pflicht des Vereins zur wissenschaftlichen Begleitforschung festgehalten, um den umfangreichen Fragenkatalog zu den vielfältigen Auswirkungen einer Freisetzung der Wisente zu beantworten. Diese Antworten waren die Basis für die jetzt erfolgte Freisetzungsgenehmigung des Ministeriums.

Den Forschungen zufolge gehen von den Wisenten keine Risiken für Mensch, Umwelt und Wirtschaft aus. Im Gegenteil: Die Tiere seien „in vielfältiger Weise eine Bereicherung des Ökosystems“, teilte die „Wisent-Welt“ mit. Für die Freisetzung der Wisente sei der Winter die ideale Jahreszeit. Der wissenschaftliche Leiter des Projektes, Dr. Jörg Tillmann, erläutert: „Die Freisetzung sollte im Winter erfolgen, damit die Wisent-Gruppe mit Beginn des Frühjahres nicht abrupt, sondern allmählich ihr Streifgebiet erweitert. Damit werden eine hohe Standorttreue und die Etablierung der Wisente in der Region erreicht.“ Im Winter seien die Tiere durch die Fütterung sehr gut „räumlich lenkbar“ und ihr Aktionsradius beschränke sich auf das direkte Umfeld der Fütterung.

Für die Freisetzung selbst gibt es noch keinen exakten Termin. Sie soll bis spätestens Mitte März 2013 erfolgen. Damit ist das Wisent-Projekt noch nicht zu Ende. Zu den künftigen Aufgaben gehören unter anderem die weitere Erforschung des Wanderungsverhalten der Wisente in Freiheit sowie die Auswirkungen auf den Natur- und Artenschutz und die öffentliche Sicherheit. „Die Tiere haben keinen herrenlosen Status, sondern der Trägerverein ist weiterhin verantwortlich“, sagt Johannes Röhl vom Vorstand des Wisent-Trägervereins. Diese Phase könne noch einige Jahre dauern, ehe die Tiere als komplett frei zu betrachten seien.

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